Ohne Scham

Genozid-Debatte in der Türkei von deniz yücel

Führen die türkischen Bemühungen um einen EU-Beitritt zu Reformen, die ehedem als undenkbar galten? Folgende Meldung von voriger Woche scheint den Optimismus zu rechtfertigen: Der Vize-Vorsitzende des Parlamentsausschusses für die EU-Anpassung, Ali Riza Alaboyun, erklärte, das Gremium werde »mit Vertretern der armenischen Minderheit sowie mit vorurteilsfreien türkischen und armenischen Historikern über den Völkermordvorwurf sprechen«.

Am 24. April jährt sich zum 90. Mal der Genozid, bei dem 600 000 bis 1,5 Millionen Armenier starben. Es war der zweite Genozid des Jahrhunderts, nach dem deutschen Mord an den Hereros. Auf der ganzen Welt planen armenische Gemeinden Gedenkveranstaltungen, die türkische Regierung fürchtet, auch ausländische Parlamente könnten sich daran beteiligen. Bei keinem anderen Thema reagiert die Türkei panischer. Jüngst intervenierte der türkische Botschafter in Berlin erfolgreich bei der brandenburgischen Landesregierung, um einen Hinweis auf den Genozid aus einem Schulbuch tilgen zu lassen.

Völlig tabuisiert ist das Thema jedoch nicht. Über die »Armenier-Massaker« heißt es in Orhan Pamuks Roman »Schnee«, der dieser Tage auf Deutsch erscheint: »Angeblich glaubten manche Touristen zunächst, es gehe dabei um Armenier, die von Türken abgeschlachtet worden waren, ehe sie mit dem Gegenteil konfrontiert wurden.« Was bei Pamuk eine subtile Kritik ist, dürfte als Zweck und Ergebnis der Parlamentsdebatte schon feststehen. »In unserer Geschichte gibt es nichts, dessen wir uns schämen müssten«, weiß Alaboyun von der gemäßigt-islamistischen AKP. »Wir müssen den antitürkischen Schriften der Armenier entgegenwirken«, rät Onur Öymen von der sozialdemokratischen CHP.

Als zum orthodoxen Weihnachtsfest Istanbuler Christen am Bosporus einen alten Brauch zelebrierten, geiferte Devlet Bahçeli, Vorsitzender der rechtsextremen MHP und bis 2002 stellvertretender Ministerpräsident, über den »Versuch, Istanbul wieder zum christlichen Konstantinopel zu machen«. Dies werde seine Bewegung nicht zulassen: »Was unsere Väter damals gemacht haben, können auch wir wieder tun.« Manchmal braucht es nicht viel, damit aus dem kollektiven Unterbewusstsein herausplatzt, was ohnehin jeder weiß.