Terror Error

Erschossener Brasilianer

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Die Londoner Polizei sprach bisher von einem tragischen Fehler. Als ein Sonderkommando Ende Juli Jean Charles Menezes im Londoner U-Bahnhof Stockwell erschoss, nahmen die Beamten an, es handele sich bei dem Mann um einen Selbstmordattentäter. Er habe trotz warmen Wetters einen dicken Wintermantel getragen, unter dem die Polizisten eine Bombe vermuteten. Beim Versuch der Festnahme sei Menezes davongerannt. Die Beamten hätten den Mann in einem Zug gestellt und während eines Handgemenges erschossen. Erst danach habe sich herausgestellt, dass er unbewaffnet gewesen sei.

Die Dokumente der unabhängigen Untersuchungskommission der Polizei, die dem Fernsehsender ITV vergangene Woche zugespielt wurden, erzählen jedoch eine andere Geschichte. Aus den Aufnahmen von Überwachungskameras geht hervor, dass Menezes eine leichte Jeansjacke trug. Die Zeugenaussagen belegen, dass der Mann in normalem Schritttempo ging und am Eingang des Bahnhofs nicht über das Drehkreuz sprang. Er nahm sich eine Zeitung der Londoner Verkehrsbetriebe von einem Stapel und gelangte auf einer Rolltreppe zum Bahnsteig. Dann setzte er sich in den Zug.

Als die Zivilbeamten mit gezogenen Waffen das Abteil stürmten, stand Menezes irritiert auf. Ein Polizist stürzte sich auf ihn und drängte ihn zurück auf den Sitz. Ein anderer gab aus einer kurzen Distanz die Schüsse auf den bereits überwältigten Mann ab, der keine Gegenwehr leistete. Menezes wurde regelrecht hingerichtet. Sieben Schüsse trafen ihn in den Kopf. Eine Kugel ging in die Schulter. Drei weitere verfehlten ihn.

Zum Verhängnis wurde ihm, dass er im gleichen Haus wie ein Terrorverdächtiger wohnte. Das Erschießungskommando nahm in dem Glauben die Verfolgung auf, es handele sich um Osman Hussein, einen der Terroristen, die tags zuvor versucht hatten, Busse und U-Bahnen in die Luft zu sprengen, deren Bomben aber nicht gezündet hatten.

Mittlerweile wird der Rücktritt von Ian Blair, dem Chef von Scotland Yard, verlangt. Die neuen Veröffentlichungen belegen nicht nur fatale Stümpereien der Polizei, sondern auch, dass Scotland Yard Lügen verbreitet hat, um die Umstände zu verschleiern. Zudem sollen Scotland Yard zufolge der Familie des Erschossenen vor zwei Wochen umgerechnet etwa 22 000 Euro zusätzlich zu den Begräbniskosten angeboten worden sein. Die Polizei bestreitet Vorwürfe, versucht zu haben, das Schweigen der Angehörigen zu erkaufen. Ian Blair erklärte, er habe erst 24 Studen nach den Schüssen von der Unschuld Menezes` erfahren.

Das Ereignis sorgt für internationale Spannungen. Menezes war aus Brasilien nach Großbritannien eingewandert. Die brasilianische Öffentlichkeit ist empört. Am Montag trafen Ermitller der brasilianischen Regierung in London ein, die eigene Untersuchungen aufnehmen sollen.

Die neuen Erkenntnisse haben in Großbritannien die Diskussion über den »Shoot to kill«-Befehl, der Polizeibeamten erlaubt, Terrorverdächtige zu erschießen, um die Zündung einer Bombe zu verhindern, weiter angefacht. »Haben wir einen Punkt erreicht, an dem Verdächtige erschossen werden können, selbst wenn es keine ausreichenden Anhaltspunkte gibt, dass sie eine Bombe bei sich haben?« fragte Harriet Wistrich, die Anwältin der Familie Menezes, in einer öffentlichen Erklärung.

Die britische Polizei wird trotz allem am »Shoot to kill«-Befehl festhalten. Eine Sprecherin der Behörde erklärte, man habe nur ein oder zwei Änderungen vorgenommen. Londons Bürger sollten also im kommenden Winter am besten im T-Shirt U-Bahn fahren.

markus ströhlein