Unterm Hakenkreuz

Im September soll das erste Institut zur Erforschung der Shoah in Rumänien gegründet werden. von roland ibold

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Mehr als 60 Jahre nach Kriegsende bekennt sich zum ersten Mal eine rumänische Regierung offiziell dazu, dass auch das Land an der Vernichtung der europäischen Juden beteiligt war. In dem neuen Institut zur Erforschung der Shoah in Rumänien sollen 30 Wissenschaftler Informationen über die Verfolgungen und Ermordungen sammeln und den Umgang mit dem Thema in den Bereichen Bildung, Kultur und Medien wissenschaftlich begleiten.

Präsident Traian Basescu verwies im Januar während eines Treffens mit dem israelischen Präsidenten, Moshe Katzav, anlässlich des Jahrestags der Befreiung von Auschwitz darauf, dass das »rumänische Volk die Realität des Holocaust in Rumänien akzeptieren müsse«. Die neue konservative Regierung bemüht sich mit Blick auf den erwünschten EU-Beitritt, den demokratischen Schein zu wahren. Neuerdings wird die Vernichtung der rumänischen Juden auch im Schulunterricht behandelt.

Das sah vor zwei Jahren noch ganz anders aus. Im Juni 2003 sorgte eine Presseerklärung der rumänischen Regierung für Proteste der jüdischen Gemeinde, aber auch im Ausland. Die sozialdemokratische Regierung hatte dem Washingtoner Holocaust-Museum die Zusammenarbeit angeboten, aber zugleich betont, »dass in den Grenzen Rumäniens von 1940 bis 1945 kein Holocaust stattgefunden hat«.

In einer Stellungnahme in der israelischen Tageszeitung Ha’aretz betonte der damalige Präsident, Ion Iliescu, erneut die Überzeugung der Regierung: »Ich sagte, der Holocaust sei ein gesamteuropäisches Phänomen gewesen. Es gab keinen rumänischen Holocaust, keinen deutschen oder polnischen. Es handelte sich um einen allgemeinen Prozess; innerhalb dieses europäischen Phänomens hat es auch eine rumänische Komponente gegeben.« Zur gleichen Zeit verlieh er seinem Parteifreund, dem Ceausescu-Dichter Adrian Paunescu, einen hohen Orden für kulturelle Leistungen, zu denen besonders die Rehabilitierung des faschistischen Diktators Ion Antonescu zählt.

Unter dem mit dem nationalsozialistischen Deutschland verbündeten Regime von Antonescu wurden 410 000 der 780 000 Juden, die damals in »Großrumänien« lebten, ermordet. 100 000 Juden wurden in Auschwitz von den Deutschen umgebracht. Der größere Teil starb während der Pogrome der rumänischen Bevölkerung und der Armee sowie in den 50 Ghettos und 58 Konzentrationslagern im so genannten Transnistrien, das heute zur Ukraine gehört. In diese Region deportierte der rumänische Staat Juden, Roma und andere Minderheiten. Antijüdische Pogrome waren seit den zwanziger Jahren keine Seltenheit in dem Land. In den dreißiger Jahren traten antisemitische Gesetze in Kraft, die die Juden vom gesellschaftlichen Leben ausschlossen.

Und der Antisemitismus west kontinuierlich weiter. Verschwörungstheorien über eine jüdische Weltherrschaft und der Kult um Antonescu werden von Zeitschriften wie Atac la persona (»Persönlicher Angriff«) oder Romania Mare (»Großrumänien«) verbreitet. Attacken auf Vertreter der 12 000 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde und Friedhofsverwüstungen sind keine Seltenheit. Auch die Großrumänien-Partei und die Bauernpartei beteiligen sich an der antisemitischen Hetze.

Auf internationalen Druck sah sich die Regierung Iliescu 2002 gezwungen, den Kult um den 1946 als Kriegsverbrecher hingerichteten Antonescu unter Strafe zu stellen. Zwei Jahre später wurde der 9. Oktober zum Holocaust-Gedenktag erklärt. Gleichzeitig rief die Regierung eine Kommission zum Thema Shoah in Rumänien ein. Sie bestand aus Wissenschaftlern unter Leitung des Friedensnobelpreisträgers und NS-Überlebenden Elie Wiesel, der 1928 in Rumänien geboren wurde. Die Wissenschaftler werden in Zukunft an dem neuen Institut tätig sein.