Wie das Amen in der Kirche

Gleichzeitig mit dem Weltjugendtag fanden in Köln die größte Katastrophenschutzübung und eine Prozession zu Ehren des Heiligen Prekarius statt. von jörg kronauer

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Gott schielt«, sagt Anne. Genervt steht sie vor der Deutzer Brücke und blickt zum Himmel. Das Sonnenlicht bricht sich in einer Wolkenformation, die aussieht wie zwei Augen: Das eine blickt zum Rhein, dorthin, wo Papst Benedikt XVI. in Kürze seine Flusspredigt halten soll; das andere richtet sich besorgt auf einen knatternden Polizeihubschrauber. Nein, sagt der Security-Mann zu Anne, man dürfe die Deutzer Brücke seit 14 Uhr nicht mehr zu Fuß überqueren. Ja, alle Innenstadt-Brücken sind bis mindestens 18 Uhr gesperrt. Ja, das sei ein ein Problem, wenn man sich am Heumarkt im Eiscafé verabredet hat.

Harte Bewährungsproben hat das Organisationskomitee des Weltjugendtags für die Kölner Bevölkerung vorgesehen. Brückensperrungen, Straßensperrungen, Tunnelsperrungen, Parkverbote, Gehverbote, Staus – für jede und jeden ist unabhängig von der bevorzugten Fortbewegungsmethode etwas dabei. Dass die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel nur noch Menschen mit wahrhaft stoischer Geduld anzuraten ist, hat sich schnell herumgesprochen. »Der Fahrplan wird angesichts des großen Andrangs nicht mehr eingehalten«, konnte man schon am Montag voriger Woche an den Haltestellen der Kölner Verkehrsbetriebe lesen. »Der Straßenbahnverkehr ist offenbar völlig zusammengebrochen«, meldet der WDR am Donnerstag, als der Papst eintrifft, die Brücken gesperrt werden und Hunderttausende Joseph Ratzinger auf einem Schiff beobachten wollen.

Volksfeststimmung herrscht bereits am Mittag auf den Rheinwiesen. Lachende Menschen, herumtollende Jugendliche, Wortfetzen in zahllosen Sprachen: Rund 300 000 Menschen lassen sich die Sonne auf den Körper scheinen, liegen plaudernd am Fluss und blicken versonnen auf die linksrheinische Silhouette mit dem Dom. Etwas irritierend wirken die frommen Gesänge, die hier und da zu hören sind, von den 16- bis 30jährigen, die den Weltjugendtag dominieren, hätte man eher andere musikalische Vorlieben erwartet.

Befremdlicher allerdings sind die zahllosen Nationalflaggen, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ständig mit sich herumschleppen. Zwar darf angeblich, wer katholisch ist, sich in einer globalen Glaubensfamilie zu Hause fühlen. Doch so viele Deutschlandfahnen wie während des Weltjugendtages hat man in Köln schon lange nicht mehr gesehen.

»Vaterland«, »Heimat«: Zentral und medienwirksam haben Papst Benedikt XVI. und Bundespräsident Horst Köhler die Begriffe in ihren Begrüßungsreden platziert. »Zum ersten Mal nach meiner Wahl auf den Stuhl Petri stehe ich voll Freude auf dem Boden meines lieben Vaterlandes, Deutschland«, sagt Ratzinger bei seiner Ankunft auf dem Kölner Flughafen. Während die katholische Jugend auf den Rheinwiesen schwarz-rot-gelbe Fahnen schwenkt, sekundiert Köhler: »Heiliger Vater, willkommen in der Heimat!« Nationalistische Exzesse sind vom Weltjugendtag natürlich nicht zu vermelden. Die Botschaft der Flaggen und der ersten Worte des Papstes jedoch liegt auf der Hand: Ein offenes Bekenntnis zum »deutschen Vaterland« gehört zum guten Ton.

Die entspannte Stimmung auf den Rheinwiesen, von den Medien tausendfach kolportiert, kontrastiert recht eigenartig die Erfahrungen der Kölnerinnen und Kölner in diesen Tagen. Wie oft ist das Phänomen der Pilgerscharen belächelt, verharmlost, für mittelalterlich erklärt worden. Zu Unrecht! Kein Einheimischer, der nicht von gefahrvollen Zusammenstößen mit den umherschweifenden Horden berichten könnte, zu denen sich die jugendlichen Pilger offenbar stets formieren. Man wird erdrückt, von Fahnenstangen erschlagen oder erstochen, vom Fahrrad geworfen, von Basstubakrächzern schockiert, mit frommem Singsang gemartert, von Prozessionen überrannt. Vielfältig sind die Attacken, und hat man sie glücklich überstanden, stellt sich garantiert eine Pilgerin grinsend in den Weg: »Excuse me, where can I find Agneskirche?«

Kaum überschaubar ist das Programm, das den Jugendbanden von Dienstag bis Sonntag geboten wird. Rheinauf und rheinab bis nach Bonn und Düsseldorf erstrecken sich die Veranstaltungsorte, ein breites Spektrum katholischer Vereinigungen wirbt mehrere Tage lang um Nachwuchs. Wer nach Highlights sucht, wird hier ohne weiteres fündig.

Die Legio Mariae etwa, die für Freitagnachmittag ein internationales Treffen angekündigt hat, macht mit hehren Worten auf sich aufmerksam. »Die Legion Mariens«, heißt es in einer Selbstdarstellung, sei eine »Vereinigung von Katholiken«, die sich »unter der machtvollen Führung der unbefleckt Empfangenen zu einer Kampftruppe zusammengeschlossen haben«. Sie ist »wie eine Armee aufgebaut«, erfährt man, »besonders nach dem Vorbild der Armee des alten Rom«, und sie will sich »einsetzen in dem Krieg, den die Kirche zu jeder Zeit gegen die Welt und ihre bösen Mächte führt«. Fast kriegt man es als Ungläubiger mit der Angst zu tun, angesichts dieser paramilitärischen Organisation, die mit Sex and Crime für sich wirbt. »Die Mutter Gottes«, schreibt die Legio Mariae, »ist ja schön wie der Mond, leuchtend wie die Sonne und – für Satan und seine Legionäre – furchtbar wie ein Heer in Schlachtbereitschaft.«

Derlei Gotteskriegertum dominiert den Weltjugendtag keineswegs. Benedikt XVI. setzt mit seinem Besuch in der Kirche des ultrareaktionären Opus Dei, Sankt Pantaleon, zwar ein Zeichen, an der katholischen Basis jedoch ist vieles erlaubt. Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) etwa hat an der Deutzer Freiheit einen »Fairpoint« errichtet. Gepa-Produkte gibt es da, für faire Arbeitsbedingungen im Trikont wird geworben, eine Afro-Trommelgruppe beschallt den Platz. »Wir müssen uns organisieren, für Gerechtigkeit kämpfen, solidarisch sein«, tönt es leicht bayrisch gefärbt von der Rednerbühne. Man könnte sich fast in die achtziger Jahre zurückversetzt fühlen, wären da nicht die übermüdeten Kids, die sich fröstelnd in Deutschlandfahnen hüllen.

Der Konservatismus, dem Joseph Ratzinger Bahn zu brechen versucht, ist alles andere als borniert. Die alten Männer, die im Vatikan Politik machen, besitzen durchaus strategisches Gespür. Sie wissen: Eine bestimmte inhaltliche Vielfalt ist notwendig, um die Massen einzufangen; Hardcore-Sektierertum führt politisch ins Aus. Eine gewisse Nachsicht an der Basis ergänzt die katholische Hierarchie jedoch durch klare Orientierung der klerikalen Eliten. Das gilt selbstverständlich auch auf dem Weltjugendtag.

Die Aids-Hilfe Köln hat das zu spüren bekommen. »Nach dem letzten Weltjugendtag war die ›Pille danach‹ ausverkauft«, berichtete die Kölner Lokalpresse im Juni. Ein Anlass für die Aids-Hilfe, aktiv zu werden: Bei einem Jugend-Massenevent ist die Gefahr von Ansteckungen schließlich groß. Die Ankündigung, kostenlos Kondome verteilen zu wollen, stieß bei den Veranstaltern des Weltjugendtags jedoch auf scharfen Protest. Denn der Vatikan lehnt bekanntlich den Gummigebrauch nach wie vor rundweg ab.

Bereits vor Jahren äußerte Ratzinger die Ansicht, lesbische und schwule Liebe verstoße »gegen das natürliche Sittengesetz« und vor allem »schwer gegen die Keuschheit«. Von dieser fixen Idee lässt er bis heute nicht ab, was sich nur dadurch erklären lässt, dass Theologen allgemein zu skurrilen Ideen neigen. Vor ein paar Jahrhunderten diskutierten sie etwa darüber, wie viele Engel sich wohl auf einer Nadelspitze niederlassen können. Im Juni hat er, bereits zu Gottes Stellvertreter auf Erden ernannt, seine verstiegenen Vermutungen bekräftigt und sich erneut gegen homosexuelle Partnerschaften ausgesprochen. Gleichgeschlechtliche Beziehungen seien Ausdruck einer anarchistischen Freiheit, behauptete er ganz unironisch in Rom.

Solch abenteuerliche Spekulationen stoßen im bodenständigen Köln auf großzügiges Mitleid. Diverse schwullesbische Organisationen haben aufgerufen, Joseph Ratzinger einen warmen Empfang zu bereiten; vierstellig dürfte die Zahl derjenigen sein, die sich mit Regenbogenfahnen und Transparenten aufgemacht haben und ihm bei seiner Ankunft nach der weiten Reise freundlich zuwinken. Doch wie ungehörig: Benedikt XVI. schaut verschämt weg! Gerechte Empörung über die Missachtung der rheinischen Gastfreundschaft kommt auf, Buhrufe bleiben nicht aus. Dem Publikum der Tagesschau freilich bleibt Ratzingers Undank vorenthalten: Die Intendanten von ARD, ZDF und WDR haben am Freitag eine Audienz beim Papst.

Liebevoll hat sich die schwullesbische Community auf den Weltjugendtag vorbereitet. Mindestens 15 000 lesbische und schwule Jugendliche dürften unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu finden sein, heißt es beim Rubicon, einem Beratungszentrum in der Kölner Innenstadt. Das Rubicon hat gemeinsam mit der evangelischen Antoniterkirche ein Gesprächsangebot vorbereitet, das auch nicht geouteten Lesben und Schwulen offen steht. »Es ist gut, dass wir da sind und Flagge zeigen«, sagt Martin Heinze vom Rubicon-Team. Das Angebot wird jedoch nur spärlich wahrgenommen, stellt er fest. Ähnliche Erfahrungen machen Mitarbeiter des schwullesbischen Jugendzentrums Anyway, das eigens für die homosexuellen Pilger seine Öffnungszeiten verlängert hat.

Die Beobachtungen in der Community stimmen weitgehend überein. »Die Pilger treten immer in Scharen auf«, sagt Martin Heinze vom Rubicon, »da verhindert der Gruppendruck natürlich, dass jemand sich outet.« Auch im Checkpoint, einem schwullesbischen Informations- und Beratungszentrum am Heumarkt, kommen lediglich einzelne Pilger vorbei, die sich kurzzeitig von ihren Gruppen abgesetzt haben. Die Gruppenleiter der Pilgerscharen verhinderten jede Annäherung an Informations- und Beratungsangebote, heißt es einhellig. Das bestätigt auch Klaus Kwaschnik von der Aids-Hilfe Köln, die trotz allem kostenlose Gummis verteilt. »Die Kondome werden von den Jugendlichen im Großen und Ganzen gerne angenommen«, sagt Kwaschnik. Werden jedoch die Gruppenleiter darauf aufmerksam, dann konfiszieren sie die vom Vatikan verfemten Objekte zumeist.

Sogar von offener Diskriminierung durch Pilger hört man in Köln immer wieder. Als »Perverse«, als »Babymörder« seien Lesben und Schwule gelegentlich beschimpft worden. Die Aids-Hilfe berichtet sogar von tätlichen Angriffen. Ein Katholik schlug zwei Mitarbeiterinnen Kondome aus der Hand, bei einer Verteilaktion am Stadion kam es gar zu einem regelrechten Überfall. »Wir wurden von einer Gruppe Pilger umringt«, berichtet Klaus Kwaschnik: »Sie rissen unsere Bauchläden herunter und zertrampelten unsere Materialien.« Der Anti-Aids-Aktivist entkam zum Glück ohne schwere Blessuren und setzt seine Arbeit nun mutig fort.

Zeitgleich zum katholischen Massenevent findet in Köln eine zweite Veranstaltung in aller Öffentlichkeit statt. »Zum Weltjugendtag werden Einsatzkräfte der Polizei und von Feuerwehr und Katastrophenschutz in einem für Nordrhein-Westfalen bislang einmaligen Umfang zusammengeführt«, teilte das Düsseldorfer Innenministerium bereits Anfang August in einer Presseerklärung mit. Allein 4 000 Polizistinnen und Polizisten und ebenso viele private Sicherheitskräfte sind vor Ort. Nimmt man die Rettungsdienste hinzu, kommt man auf rund 12 000 Einsatzkräfte.

Am Sicherheitskonzept für den Weltjugendtag wurde in Köln zwei Jahre lang gearbeitet. Vor einigen Monaten stieg eine weitere Behörde in die Vorbereitungen ein: das Bonner Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), das am 1. Mai 2004 seine Arbeit aufgenommen hat. Das BBK koordiniert die »nationale Gefahrenabwehr«, welche Gefahren auch immer die Nation gerade bedrohen. Zu seinen Partnern gehören zivile Rettungsorganisationen wie das Deutsche Rote Kreuz und die Johanniter-Unfall-Hilfe, aber auch Feuerwehr, Polizei und Bundespolizei (ehemals Bundesgrenzschutz).

Seine bislang größte Einsatzübung hat das BBK im vergangenen November absolviert. Damals beteiligten sich fast 6 000 Personen aus Polizei, Verwaltung, Wirtschaft und Hilfsorganisationen an einer dreitägigen Stabsrahmenübung unter dem Titel »Länderübergreifendes Krisenmanagement Exercise«. Nunmehr sind es rund 12 000 Sicherheitskräfte, die während des Weltjugendtages koordiniert werden müssen. Den nächsten größeren Erkenntnisgewinn über die perfekte Kontrolle von Menschenmassen in kritischen Situationen erhofft sich das BBK von der Fußballweltmeisterschaft im kommenden Jahr.

Die ins BBK integrierte Akademie für Krisenmanagement, Notfallvorsorge und Zivilschutz (AKNZ) in Ahrweiler hat bereits vor dem Weltjugendtag Einsatzleitungen und Krisenstäbe der involvierten Kommunen und Kreise ausgebildet und nutzt die Veranstaltung zum Erkenntnisgewinn. Experten der Akademie arbeiten in mehreren Stäben des Weltjugendtages mit. »Aus diesem Einsatz verspricht sich das BBK weitere Erkenntnisse über die Abläufe von Großereignissen, die zukünftig in den Lehrbetrieb und die Lehraussagen der AKNZ einfließen«, erklärt die Behörde

Integriert in das Erkenntnisobjekt des BBK, das Sicherheitskonzept des Weltjugendtags, ist fast alles, was man sich vorstellen kann. Bundespolizei, Bundeskriminalamt und GSG 9 sind beteiligt, auch die Bundeswehr ist involviert. Das Nationale Lage- und Führungszentrum in Kalkar, in dem Militärs mitarbeiten, kontrolliert den Luftraum über Köln, die Nato stellt ein Awacs-Flugzeug zur Verfügung, Transporthubschrauber der Bundeswehr werden startklar gehalten. Sanitätstruppen sind bei der Abschlussmesse im Einsatz, in Köln-Nörvenich steht Presseberichten zufolge gar ein Spürpanzer bereit.

Der eigentliche Höhepunkt des gesamten Geschehens um den Weltjugendtag, eine wundervolle dritte Veranstaltung, bleibt nahezu unbemerkt. Ungläubige mögen am frühen Freitagabend am Rudolfplatz eine linke Protestdemonstration mit einem seltsamen Motto wahrgenommen haben: »Folge dem Geist des St. Prekarius«. Protestdemonstration? Weit gefehlt. Nichts Geringeres als das Wachsen und Werden der Religion der Zukunft konnte man dort miterleben, des Prekarianismus. Sankt Prekarius, so sagen die Gelehrten, ist der Schutzheilige der Entrechteten, seine Lehre findet angesichts der größer werdenden politischen und sozialen Zumutungen seit Monaten wachsenden Anklang.

Während Ratzinger nichts ahnend mit seinem Freund Joachim Kardinal Meisner zu Abend aß, zogen rund 200 Jüngerinnen und Jünger des Prekarius singend und tanzend durch den Regen, begleitet von ganz in grün gekleideten Kämpfern eines treuen Ritterordens, die die Nähe der frommen Prekarianer und Prekarianerinnen suchten. Jede Jüngerin, jeder Jünger bekam während der Prozession um einen Häuserblock in der Innenstadt ein Dokument überreicht, mit dem man sich jederzeit als »echter und autorisierter Papst« ausweisen kann.

Das ist als Übergangslösung zweifellos hilfreich. Gleichzeitig erinnerten einige Jüngerinnen daran, dass die kirchlichen Hierarchien kaum entstanden wären, hätte Maria sich nicht der heute noch verbreiteten Homophobie gebeugt und ihre Liebe statt dem schrägen Josef den Frauen zugewandt. »Wir empfehlen: Selber denken und handeln!« rieten die Jüngerinnen mit einem warnenden Verweis auf Marias tragische Fehlentscheidung, und wäre das kein logischer Widerspruch, dann müsste man sie dafür zu Kirchenmüttern des Prekarianismus erklären.