Nicht aus der Tanzschule

Der Film »Rize« handelt von Krumb, dem irrsten Dance-Style seit Jahren. von tim stüttgen

Es gibt ein Sujet im Dokumentarfilm, das mittlerweile selbst jemand, der noch nie einem Afroamerikaner begegnet ist, auswendig mitbeten können müsste: Die gute alte US-Ghetto-Story von den poor blacks am Rande der Kriminalität, welche durch die heilige Fusion von Idealismus und magischer Körperlichkeit – als Breakdancer oder MC, Football-Spieler oder Basketballer – vor dem gefährlichen Gangstertum gerettet werden. Eine Befreiungsgeschichte, die im schlimmsten Falle nichts anderes ist als eine verlogen konstruierte Bestätigung des Vom-Tellerwäscher-Zum-Megastar-Mythos Hollywoods.

Man kann von Glück sagen, dass »Rize«, der auf keinen Fall gelungenste, aber auf jeden Fall explosivste Dokumentarfilm dieses Jahres, dieses Klischee nur bedingt bis zum Ende durchzieht.

Das erste, was an dem Film sogar wirklich überrascht, ist sein Regisseur. Ausgerechnet David La Chapelle, Videoclipmacher für Christina Aguilera und Gwen Stefani, Elton John und J-Lo, hat sich in dieses Fünf-Mann-Crew-Handkamera-Draufhalt-Projekt gestürzt, um seinen ersten Langfilm zu produzieren. Dabei macht er ästhetisch so ziemlich das Gegenteil all dessen, was nicht nur seine Clips, sondern auch seine Fotos und Werbespots auszeichnet. Wo sich sonst makellos belichtete Körper mit der Warenhaftigkeit der beworbenen Produkte vereinen und wir uns in den auratisch bunten Glamourwelten des modischen Melodrams befinden, regiert in »Rize« die megarealistisch aufgeladene Ästhetik einer dokumentarischen Pseudowahrheit. Simpel gesagt: Kamera drauf, und ihr seht die Welt.

Was wir aber genau sehen in dieser Welt und was an diesem Film so verdammt radikal kickt, sind nicht die ganzen Typen aus South Central und anderen kaputten Ecken von L.A., sind nicht ihre Schusswunden und existenziellen ökonomischen Hoffnungslosigkeiten.

Das eigentliche Thema dieses Films heißt Stripping, Clowing und Krumb und ist ungefähr der überraschendste, krasseste, kreativste, selbstverwaltetste und unerwartetste neue Tanzhybrid, den die Menschheit in den letzten Jahren erblicken konnte. Warum sich Typen wie Tommy The Clown Farbe ins Gesicht schmierten und auf Kindergeburtstagen auftraten, wieso sich dieser irre Style durch die schwarzen Viertel von Los Angeles verbreitete wie ein Virus und warum sich zum spaßigen Clowning bald noch der erotische Tanz Stripping und der Gangster-Battle-Stil als dritte Disziplin dazugesellten, lässt sich auch hier nur schwer rekonstruieren. Aber er ist lebendig, und deswegen muss er ins Kino, sagen uns die roughen Bilder und überzeugen uns mit Moves zwischen Breakdance und Capoeira, Pogo und jamaikanischem Bodyshake, die uns schwindelig werden lassen. Ob im Battle an der Ecke oder in der Halle um die Meisterschaft, diese Szene ist so aufgedreht und lebendig, denkt Hip-Hop-Kultur weiter und lädt Tänzer jeden Geschlechts, Alters und Gewichts ein, Krumb zu dem neuen großen Ding zu machen.

Rize. Regie: David La Chapelle. USA 2005, 85 Minuten. Start: 20. Oktober

Ist Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der Jungle World etwas wert? Dann abonnieren Sie jetzt oder unterstützen Sie uns spontan mit einer Spende!