Der Fußball ist weiblich

Berlinale goes Fußball: Zwei Filme zeigen, wie die Kickerei die Situation von Frauen im Iran und in Guatemala beeinflusst. von axel grumbach und elke wittich

Fußballfilme, wie sie gemeinhin produziert werden, sind Heldengeschichten, wie »Das Wunder von Bern« oder »Fimpen, der Knirps«, Geschichten also, in denen das Unmögliche wider Erwarten wahr wird, und die von erfüllten Träumen handeln. Auf der diesjährigen Berlinale wurden gleich zwei Filme präsentiert, in denen Fußball als Ausdruck gesellschaftlicher weiblicher Realitäten dient.

Die iranische Produktion »Offside« erzählt die Geschichte eines weiblichen Fußballfans. Als Junge verkleidet versucht sie ins Stadion zu kommen, was Frauen strikt verboten ist. Doch sie hat Pech. Sie wird an einem der speziell eingerichteten Kontrollpunkte festgenommen und in ein improvisiertes Gefängnis unter freiem Himmel in der Nähe des Stadions gebracht. Dort muss sie mit anderen Frauen, die ebenfalls erwischt wurden, auf das Ende des Spiels warten, danach werden sie der Religionspolizei übergeben.

Doch wie alle richtigen Fußballfans wollen sich auch diese hier nicht damit abfinden, das Spiel, das sie gern anschauen wollten, zu verpassen. Erst recht nicht abfinden wollen sie sich damit, dass die Geräusche des Matchs, die Enttäuschungsrufe, die Freudenschreie, die Pfiffe und die Buh-Laute ausgerechnet von einem blutigen Laien kommentiert werden. Der junge Soldat, der die Frauen bewachen soll, hat keine Ahnung vom Fußball, was nicht hingenommen werden kann. Und so versuchen die Verhafteten, mit jeder Menge Tricks doch noch ihr Recht auf Fußballgucken durchzusetzen.

Er habe sich gegen den Widerstand des Filmverleihs, der die weltweiten Vertriebsrechte für »Offside« besitzt, für die Berlinale als Uraufführungsort entschieden, sagte Regisseur Jafar Panahi. »Man wollte den Film ursprünglich in Cannes zeigen, aber ich habe auf Berlin bestanden, weil die Stadt schließlich einer der Austragungsorte der Fußball-WM in diesem Jahr ist.«

Die Frage, wie der Film die Zensur passieren konnte, beantwortet er in eher dürren Worten: »Es gab einige Versuche, den Film zu verhindern, aber ich habe alle Schwierigkeiten überwunden.«

Mehr kann oder mag er nicht über die Reaktionen in seinem Herkunftsland sagen. Was die Zuschauer daheim über den Film denken, wird er sowieso erst in den nächsten Wochen erfahren. »Offside« wird im Iran erstmals auf dem gerade stattfindenden 24. Teheraner Filmfestival gezeigt, offiziell soll er gemäß dem Wunsch des Regisseurs im April in die Kinos kommen, »da dieser Termin schon nahe an der Eröffnung der WM ist«.

Regimekritiker und Exiliraner sehen »Offside« jedoch weniger als gelungene Komödie über Frauen, die sich nicht mit Verboten abfinden wollen, sondern als regimekonformen Propagandafilm. Der Berliner Filmemacher Kia Kiaros­tami warf gemeinsam mit anderen Oppositionellen den Organisatoren der Berlinale in einem Offenen Brief vor, »unfreiwillig ein faschistisches Regime« zu unterstützen, »das nach fast drei Jahrzehnten Terror und schweren Menschenrechtsverletzungen im Lande mit atomaren Drohungen und antisemitischer wie antiisraelischer Haltung die Welt zu bedrohen versucht«. Ein bisschen Kritik werde erlaubt, damit die Filme überhaupt für ein ausländisches Publikum interessant würden.

Nicht bei einem Fußballspiel zuschauen zu dürfen, rangiert auf der Liste der Menschrechtsverletzungen im Iran sicherlich sehr weit unten. Aber Frauen den Zutritt zum Stadion zu verwehren, ist Teil des Bestrebens, sie aus der Öffentlichkeit zu verbannen, in den Situa­tionen, in denen ihnen die Teilhabe am Sozialleben gestattet ist, haben sie sich mittels Tschador schließlich unsichtbar zu machen. Frauen zu zeigen, die sich wehren, könnte denen, die im Land mit der alltäglichen Diskriminierung leben müssen, vielleicht auch Mut machen. Schließlich hat der Film in seinen besten Momenten immer schon auch Vorbilder für Widerstandsformen und Protest gezeigt und so zu deren Verbreitung beigetragen.

Wobei ihm manchmal natürlich nichts anderes bleibt, als das Scheitern von Protesten einzufangen. Das gilt für den Film »Estrellas de la Linea – Railroad All-stars«, der die Geschichte von Prostituierten aus Guatemala erzählt.

Vor einigen Jahren wählten einige von ihnen einen ungewöhnlichen Weg, um auf ihre Nöte aufmerksam zu machen: Sie gründeten den Fußballverein Estrellas de la Linea und benutzten ihn, um den Protest gegen ihre desolaten Lebensumstände in die Öffentlichkeit zu tragen.

Für seinen gleichnamigen Dokumentarfilm begleitet der Regisseur Chema Rodriguez den Weg der kämpferischen Frauen. Dabei wird ihr alltägliches Elend in einem der berüchtigtsten und heruntergekommensten Viertel von Guatemala-Stadt, wo sie neben einer Bahnlinie ihre Dienste für zweieinhalb Dollar anbieten, ebenso ausführlich beleuchtet wie die von viel Medieninteresse begleiteten Fußballauftritte.

Schon beim ersten Spiel kommt es zum Eklat, als Eltern des gegnerischen Mädchenteams den Estrellas unterstellen, sie würden »ansteckende Krankheiten« verbreiten, was zur Folge hat, dass das Team sofort wieder aus dem Fußballverband Futeca ausgeschlossen wird. Durch das große Medieninteresse kommt es dann aber zu weiteren Fußballspielen im ganzen Land, die von den Frauen weiterhin gekonnt als Plattform für politische Forderungen benutzt werden. Dabei steht für sie im Vordergrund, dass sie als Menschen, die auf der sozialen Stufenleiter ganz unten stehen, nicht nur ständig von Gewalt und Mord bedroht sind, sondern in der von Katholizismus und Machismo geprägten guatemaltekischen Gesellschaft stigmatisiert und verachtetet werden und als rechtlos gelten.

Die immer wieder eingefügten Ausschnitte aus TV-Nachrichtensendungen demonstrieren dann auch, neben dem Umgang der Öffentlichkeit des Landes mit solch einem Phänomen, einen Teil des Dilemmas der Estrellas, das sie durch den ausgeworfenen Medienköder »ausgeflippte Nutten-Elf« selbst geschaffen haben. So werden sie in den Medien hauptsächlich in bunten Storys präsentiert und liefern der Sensationspresse eines der von ihr begehrten skurrilen Themen – das eigentliche Anliegen der Frauen kommt dabei jedoch meist nur am Rande vor. Und so wird im Laufe des Filmes immer offensichtlicher, dass auch soziales Elend sich am besten verkauft, wenn es möglichst unterhaltsam verpackt wird und man dabei eine außergewöhnliche Geschichte zu erzählen weiß.

Aber dann kommt es, wie es kommen musste: Auch die einfallsreichste Protestform führt nur zu einer vorübergehenden Erfolgsstory, wobei das fröhlich-beschwingte Auftreten der Chaostruppe im Film in unterhaltsamer, fast leichter Form dargestellt wird. Aber die märchenhafte Story wird schnell von der bitteren Realität eingeholt. Irgendwann kündigt der Sponsor wegen anhaltender Proteste des Establishments die Zusammenarbeit auf, das mediale Interesse verflüchtigt sich, und für eine Reise nach El Salvador zum Freundschaftsspiel gegen ein dort gegründetes Prostituierten-Team muss man die erforderlichen Mittel selbst auftreiben.

Das Ende ist für die Protagonistinnen ernüchternd, die Fußballmannschaft löst sich auf, und die Frauen gehen wie immer anschaffen, ziehen um in ein anderes Elendsviertel oder landen im Knast.

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