Komische Vögel

Vom Schwarm zur Einzelente: Frank Schätzing kommentiert
Carl Barks’ »Donald Duck«. von jan-frederik bandel

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Klar, dass sich die beiden verstehen. Der eine läuft tagein, tagaus im Matrosenanzug he­rum, der andere hat sich spätestens mit seinem Erfolgsthriller »Der Schwarm« als Kenner der Meere offenbart. In einem Wälzer der Mare-Bibliothek kommen jetzt beide zusammen: Donald Duck, der sich in insgesamt 25 Geschichten mit dem Wasser im Allgemeinen und dem Meer im Besonderen herumzuschlagen und zu plagen hat, und Frank Schätzing, der diese Schläge und Plagen fachkundig kommentiert.

Wer mal jung war oder aus abwegigen Gründen eine brauchbare Allgemeinbildung mit sich he­rumschleppt, wird viel Bekanntes wieder lesen, ­handelt es sich doch ­durchweg um klassische Storys des Donaldisten Carl Barks, den Schätzing enthusiastisch neben Shakespeare stellt.

Zum Beispiel »Segelregatta in die Südsee«: In dieser frühen Erzählung konkurrieren nicht nur Donald und Gustav offenbar erstmals um die Gunst des Erbonkels Dagobert, es wird auch ein in vielen Strips wiederkehrendes Modell der Darstellung von Kolonialismus und Tourismus vorgeführt. Gustav Gans bequemt sich erst zur Weiterreise, als alle Reserven geplündert, das Reservoir der Gastfreundschaft endgültig erschöpft, das Inselidyll ausgebeutet ist. Die arglos nachkommenden Touristen Donald plus Neffen, die nur den üblichen Nutzen aus Gastfreundschaft und Arglosigkeit schlagen wollen, finden schon eine funktionierende bürgerliche Gesellschaft vor: »Alles haben wir bezahlen müssen!« »Und zu Wucherpreisen!«

Dagobert Duck ist derweil schon eine Stufe weiter und nutzt die exotistischen Erzählungen von wilden Menschenfressern und die abenteuerlichen Fantasien von ­Verschollenen, um unbe­obachtet und ­ungestört ­seinen Aktien­geschäften nachgehen zu können. Das ist nur eine von 24 Geschichten voller »tollkühner Abenteuer auf hoher See«.

Auch wer sich im florierenden Geschäft der donaldistischen Exegese ein wenig auskennt, wird viele bekannte Themen wiederentdecken. Etwa Barks’ Antikommunismus, der sich offenbart, als am Ende eines erbitterten Ost-West-Streits um das neue Element Bombastium dessen einzig erkennbarer Zweck bekannt gegeben wird: die Herstellung von besonders schmackhaftem Speiseeis. Der finstere Ostler winkt ab, ihn interessiert nur die Waffenproduktion. Der strahlende Westler, kein Geringerer als Dagobert Duck (alias Scrooge McDuck), übernimmt dankend, weiß er doch, wie lukrativ es ist, den Bürgern Entenhausens ihr Dasein im Kapitalismus zu versüßen.

Schön, aber nicht neu, sind auch Schätzings Überlegungen zur sexuellen Fixierung Dagoberts aufs Geld und zur betriebswirtschaftlichen Art seiner Anhäufung: »Dagoberts Konzept heißt ‚Expandieren ohne Investieren’, also reicher werden, ohne einen Taler aus der Hand zu geben. Möglicherweise hat Dagobert auf diesem Gebiet sein größtes Talent entwickelt. Allerdings birgt das Konzept immense Risiken. Es fußt nämlich auf einer einzigen, fragwürdigen Idee: mit allem und jedem Donald zu beauftragen.« Seltsamerweise kann so etwas gelingen – heute scheinen ganze Branchen nur noch aus unbezahlten Praktikanten und schlecht entlohnten Volontären zu bestehen.

Vieles in Schätzings Kommentaren konnte man so oder ähnlich schon lesen. Etwa in David Kunzles Buch »Dagobert und Donald Duck – Welteroberung aus Entenperspektive«, in dem der Bürger Barks vorgestellt wird als »heimlicher Satiriker gerade der Ideologie, der er selbst anhängt«, und als Interpret »ihrer tiefsten Ängste«. Oder in der grundlegenden Studie »Die Ducks. Psychogramm einer Sippe« des famosen Kollektivforschers Dr. orn. Grobian Gans.

Leider fällt Schätzing bei aller hemmungslosen Hermeneutik gelegentlich hinter den schon erreichten Forschungsstand zurück. Dass Gustav Gans in Wirklichkeit sein sexuelles Trachten nicht auf Daisy richtet, sondern auf Vetter Donald, hat ja nicht erst – in den Worten des Kommentators – »die scharfsinnige Alice Schwarzer« vermutet. Bei Grobian Gans ist das Psychodrama Gustavs bereits detailliert analysiert, ebenso die Einsicht Daisys. Warum sonst hoffte sie noch immer auf einen Entwicklungsschub des wahrlich erfolglosen Donald?

Darüber hinaus hat Grobian Gans punktgenau Gustavs Zusammenarbeit mit der CIA belegt und damit den Mythos vom »Glückspilz Gustav«, den Schätzing weitererzählt, ein- für allemal widerlegt. Neu und unmittelbar einleuchtend ist hingegen die These, dass sich Donalds Abneigung nicht nur aus einem homophoben Affekt speist, sondern aus blankem Neid auf Gustavs pomadenglänzende Haarpracht.

Trotz der Schwächen bereitet das Buch in seinem steten Wechsel von Story und Kommentar einfach Spaß. Und Entdeckungen macht man immer: etwa den wilden Zungenkuss zwischen Donald und einer wahnwitzig aufgebrezelten Entendame, die auf jeden Fall nicht Daisy ist. Auch Schätzings Kommentare sind überwiegend hilfreich, speisen sie sich doch aus genauer Lektüre, Nonsens, Küchenpsychologie, ein bisschen Biografismus, ein paar Bemerkungen zu angeblichen und vollkommen gleichgültigen Einflüssen, ein wenig halbherziger Poetik, dann und wann was Biblischem, manch Politischem und flink auf unsre Gegenwart Appliziertem. Das alles ist aufs Launigste vermengt.

Und dazu gibt’s dann noch eine CD, auf der Dennis Scheck mit der Übersetzerin Erika Fuchs plaudert, quasi als Gimmick, denn mit dem Meer hat es so wenig zu schaffen wie die Geschichte »Die Wette«, in der nur ein mickriger, zugefrorener Tümpel vorkommt. Lieblingsgeschichten sind nun einmal Lieblingsgeschichten. Schade nur, dass das Ganze mit 39,90 Euro nicht eben günstig ist.

Wem der Sinn nach weiteren Bildern aus der Wunderwelt des Exotismus und des Meeres steht, sollte sich einmal das Fortsetzungswerk »Völker der Welt« der Bremer Comiczeichnerin Betie Pankoke ansehen. Das ist auch nicht günstig, ­dafür aber »exklusiv handgerakelt, handnummeriert und -signiert und handlich verpackt.« Die großformatigen Sammelbilder zeigen z.B. den Steppenläufer Loposch (»bis auf bei der Wahl von Ohrringen sich leicht verirrenden Geschmack perfekt«) oder den in der Rabaloraschnee- und -eiswüste beheimateten Fsnzldos (»Müll und Ungutes bringt er als Gastgeschenke mit, Ähnliches zurückzugeben macht ihn richtig wütend«). Nur die Kommentare stehen noch aus.

Als Bernd Bexte kürzlich eine Eröffnungsrede zur Ausstellung der dritten Lieferung der »Völker der Welt« halten sollte (»Endlich wieder Bescheid wissen!«) begnügt er sich jedenfalls mit der Feststellung, Eröffnungsreden seien schrecklich, die Bilder aber schön.

Carl Barks: Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf hoher See. Ausgewählt, eingeleitet und kommentiert von Frank Schätzing. Mare, Hamburg 2006. 494 Seiten, 39,90 Euro.

Betie Pankoke: »Völker der Welt«. Vol. 1-3 sind zu erwerben unter www.fahnenhauer.de.