Alles Roger, Maria

Dass es für den deutschen Grand-Prix-Kandidaten Roger Cicero nicht für einen der vorderen Plätze gereicht hat, lag nicht an der Balkanisierung, sondern am grottigen Beitrag. Maria aus Belgrad war einfach besser. von axel grumbach und elke wittich

So geht das nicht, European Song Contest: Man kann nicht plötzlich und hinterrücks des Zuschauers allerliebstes postmodernes Trash-Vergnügen hijacken und in einer ohnehin schon verwirrenden Welt auch noch die letzten Entertainment-Konstanten ändern.

Ein vorschriftsmäßiger Grand Prix hat aus folgenden Komponenten zu bestehen: Eine dicke, in ein bodenlanges schwarzes Abendkleid gewandete Sängerin aus Malta singt eine künstlerisch immens wertvolle Schmalzballade. Ihre zypriotische Kollegin auch. Rothaarige Iren hopsen zu Irish-Folk-Klängen über die Bühne, ein griechischer Mann trägt in tadelloser Haltung latent Unverständliches vor, Frankreich setzt auf ein Chanson, Belgien auf bieder-schwülstigen Schlager, irgendwer hat opulenten Transen-Pop ins Rennen geschickt, und eine mindestens fünfköpfige israelische Gruppe zelebriert fetziges Ethno-Geschrammel.

Haben dann alle Sänger das getan, was von ihnen und den Ländern, für die sie antreten, musikalisch und optisch erwartet wird, beginnt der große Auswertungsspaß. Der vor allem darin besteht, vorher Wetten abzuschließen, wer von wem wie viele Punkte bekommt – wobei es ganz wichtig ist, darauf zu achten, wohin der peinlichste Punkt von allen, der »Der Song war furchtbar scheiße, aber das Land ist halt doch ganz okay, deswegen ›One Point goes to … .‹«-Mitleidspunkt geht.

Aus, vorbei. Aus dem hochspannenden, wunderschön betulich-gemütlichen Voting ist eine höchst stressige und vor allem extrem zuschauer­unfreund­liche Angelegenheit geworden. Wer die Punkte 1 bis 7 bekommt, wird nicht mehr von einer die hohe Schule der Kunstpause aus dem Effeff beherrschen­den Person verkündet, sondern von einer für höchs­tens drei Sekunden eingeblendeten Tafel. Selbst gut organisierte Grand-Prix-Veteranen mit klarer Aufgabenverteilung (»Du achtest auf die Punkte 1 bis 3, ich auf 4 bis 7«) haben keinerlei Chance, das jeweilige Abstimmungsergebnis in Gänze zu erfassen. Und um die Kundenunfreundlichkeit auf die Spitze zu treiben, wurde auch die nach erfolgtem Voting traditionell eingeblendete Gesamtstandübersicht abgeschafft – wer führt, muss man schon selber ausrechnen.

Das Publikum des 52. Eurovision Contest in Helsinki schien von diesem Skandal ziemlich unbeeindruckt und wedelte bei jeder sich bietenden Gelegenheit freudig mit den mitgebrachten Fähnchen – hauptsächlich der Länder allerdings, die es, wie Israel, Island, die Niederlande und Norwegen, nicht ins Finale geschafft hatten. Die Achsenmächte der Ost-Armut hatten sich diesmal massiv gegenseitig in die Endausscheidung gewählt, mit Ausnahme der Türkei qualifizierten sich ausschließlich ehemalige Ostblockstaaten. Der Isländer Eirikkur Hauksson, zum dritten Mal hintereinander im Halbfinale gescheitert, klagte: »Auf eine Art bin ich froh darüber, denn es ist ein deutliches Signal: Es wurde klar, dass das jetzt eine osteuropäische Veranstaltung ist – und wir anderen haben da eben nichts zu suchen.«

Diese konzertierte Abstimmungsaktion ehemaliger sozialistischer Bruderländer sorgte in vielen westeuropäischen Ländern für eine heftige Erregung, die kurz glauben lassen konnte, es ginge hier nicht um das alljährliche völkerverblödende Schlager-Spektakel, sondern um eine Machtübernahme des Ostblocks im EU-Parlament. Was nun in praktisch jedem Medium als »Balkanisierung« beklagt wird, ist so neu allerdings nicht, schon zu westeuropäischen Hoch-Zeiten war das Abstimmungsverhalten der Zuschauer ziemlich voraussehbar gewesen – und ging in den nördlichen Ländern ungefähr so: Dänemark vergab 12 Punkte an Schweden, das 12 Punkte an Finnland vergab, das 12 Punkte an Schweden vergab, das zehn Punkte an Norwegen vergab, das zehn Punkte an Island vergab. Und von Österreich gab es keine Punkte für den deutschen Beitrag.

Diese Zeiten sind vorbei, was in vielen Grand-Prix-Foren allerdings positiv gesehen wird, denn, so der Tenor, die Oststaaten brächten frischen Wind in die muffige Veranstaltung, und vor allem sei es ja auch wichtig, der im Musik-Business immer weiter um sich greifenden Amerikanisierung Einhalt zu gebieten.

Dann aber war beim diesjährigen Song-Contest doch alles nur halb so schlimm, von Ost-Ethno war zunächst nichts zu merken. Bosnien eröffnete den Wettbewerb mit einer in ein goldenes Hawaiiröckchen gestopften Sängerin, deren klassischer Schmalzbeitrag durchaus aus Malta oder Zypern hätte stammen können – vielleicht ist es am Ende ja doch egal, woher ein Künstler kommt, solange die vorschriftsmäßigen Komponenten dargeboten werden.

Weißrussen mit Westschrott, Irland mit, wenig überraschend, einem Irish-Folk-Song, in dem es allerdings, vermutlich als Zugeständnis an die neuen Musikmachthaber, um den Prager Frühling ging, eine als Vampirella verkleidete finnische Ex-Gabelstaplerfahrerin, Oper zum Mitklatschen aus Slowenien, Blues aus Ungarn, ein Björk-Verschnitt mit Kosakentanz aus Georgien, schwedischer Lahmarsch-Rock und lustige Pop-Transen aus der Ukraine – und am Ende gewann mit dem serbischen Beitrag sogar das beste Lied.

Dass es für den deutschen Teilnehmer Roger Cicero nicht für einen der vorderen Plätze gereicht hatte, lag nicht wirklich an der Balkanisierung, sondern am grottigen Beitrag. Im Gegensatz zu früheren Jahren, als etwa Guildo-Horn-Fans extra über die Grenzen der Nachbarländer fuhren, um dort für ihren Star abzustimmen, hatte sich niemand die Mühe gemacht, das Abschneiden des unsäglichen Frauen-Lieds zu mani­pulieren – dabei dürfen auch die Zuschauer aus den Ländern abstimmen, die nicht im Finale stehen. Trotzdem wurde von den Medien des größten Grand-Prix-Nettozahlers umgehend die Balkan-Frage gestellt, Bild fragte prompt: »Warum machen wir da überhaupt noch mit? Schwache Lieder, peinliche Punkteschieberei – und wir bezahlen.«

Der Grand Prix muss, da sind sich die West-Medien einig, dringend reformiert werden. Die Halbfinals sollen demnächst regional gesplittet werden, es wird wohl jeweils eines für die Länder des ehemaligen Ostblocks und eines für die westlichen Nationen geben. Statt dieser de-facto-Spaltung könnte man das Ganze aber auch etwas entspannter betrachten und mit einem lockeren »Scheiß drauf!« reagieren. Irgendwann wird den Ostblock-Zuschauern die Sache ganz sicher langweilig, bis dahin könnte man einfach die Größe haben, über das regional geprägte Abstimmverhalten hinwegzusehen.

Und sich in der Zwischenzeit darum kümmern, eine viel größere Bedrohung des guten alten Grand Prix abzuwenden. Eine skandinavische Initiative arbeitet daran, die Palästinenser zum Song Contest zuzulassen. Bereits im Januar hat der Sender PBC einen Antrag beim europäischen Fernsehverband EBU gestellt, dort zeigte man sich »sehr wohlwollend« dem Ansinnen gegen­über. »Dies wird als goldene Möglichkeit für Palästina gesehen, eine Botschaft von Kultur und Offenheit zu präsentieren und dem Wunsch Ausdruck zu verleihen, ein aktiver Teil des globalen Kulturerbes zu werden«, heißt es in einer Presseerklärung von PBC. Länder allerdings, die es nicht nur noch gar nicht gibt, sondern die bisher auch noch nicht durch lustigen Transen-Pop aufgefallen sind, mitmachen zu lassen, geht dann aber eindeutig zu weit.

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