Prozess und Event

1968 war keine soziale Revolution, sondern die Reaktion auf die soziale Revolution, die bereits stattgefunden hatte. Wie der Blick auf jene Zeit ausfällt, hängt zuweilen auch vom Geburtsjahr ab. von georg fülberth

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Unter all den vielen Äußerungen zum Thema 1968 kann man inzwischen auswählen und sich auf das bislang schon vorliegende Vernünftige stützen, zum Beispiel auf den Mittelteil von Eric Hobsbawms Jahrhundertbilanz »Das Zeitalter der Extreme«. Dort findet man den Hinweis, dass tatsächlich eine soziale Revolution stattgefunden hat, aber nicht 1968, sondern in den Jahrzehnten vorher. Die Revolte war nur eine Reak­tion darauf.

In den hoch entwickelten kapitalistischen Ländern verschwanden nach 1960 die Bauern als eine quantitativ und ökonomisch relevante Menschengruppe, und es stieg eine neue Massenschicht auf: die Intelligenz. Bis dahin war sie ein Anhängsel der Bourgeoisie (vorher: des Adels) gewesen. Wer sich jetzt um eine empirische Analyse der Sozialstruktur der BRD bemühte, geriet in Schwierigkeiten: Wohin gehörte die Intelligenz? Die Antwort wird heute lauten müssen: Sie ist eine eigenständige Schicht, teils lohnabhängig, teils arbeitet sie auf eigene Rechnung. Der Gegensatz von Kapital und Arbeit ist dadurch nicht aufgehoben, aber zwischen die beiden hauptsächlichen ökonomischen »Klassen an sich« (Bourgeoisie und Proletariat) hat sich nun die Intelligenz geschoben, die in höherem Maße eine »Klasse an sich« geworden ist als das Proletariat. Ihre Artikulationsfähigkeit ist weit stärker entwickelt als die der Arbeiter- und ebenso groß wie die der Kapitalistenklasse. Da die wirtschaftlichen Grundverhältnisse aber unverändert geblieben sind, bleibt die Hegemonie des Kapitals erhalten und macht die Kenntnisse und Fertigkeiten der Intelligenz sich dienstbar. Aber es handelt sich jetzt um eine Konvergenz der Interessen, nicht immer um ein unmittelbares Abhängigkeitsverhältnis.

Die Revolte von 1968 war das Betriebs­geräusch, das dadurch entstand, dass die neue Massenschicht sich auf ihren Platz im politischen und gesellschaftlichen System drängelte. Schließlich – mit Zeitverzögerung von einem Jahrzehnt – produzierte sie sogar eine eigene Partei: die Grünen. Eine Dramatisierung erfuhr der Aufstieg der Intelligenz dadurch, dass sie in den sechziger Jahren auf dem Arbeitsmarkt stark nachgefragt war. Bis 1961 hatte die BRD kaum in ihre Bildungsinfrastruktur investieren müssen: Die DDR sorgte ständig für gut ausgebildeten Nachschub. Mit dem Mauerbau 1961 kam Panik auf: Woher nun die bisher frei Haus gelieferten Abiturienten, Facharbeiter und Ärzte nehmen? So entstand die »deutsche Bildungskatastrophe«. Die gesteigerte Nachfrage nach akademisch Auszubildenden steigerte deren Selbstbewusstsein.

Allerdings war dies nicht auf die Bundesrepu­blik und Westberlin beschränkt. In den USA hatte der Sputnik-Schock von 1957 die gleiche Wirkung. Aber das sind schon wieder Ereignisse, die geeignet sind, den Blick auf einen wichtigeren und langfristigen Basisprozess zu verstellen: die zunehmende Bestimmung der Produktions- und Reproduktionsvorgänge durch neue Technologien. Das gibt es zwar schon seit der Industriellen Revolution, nahm aber seit den fünfziger Jah­ren an Umfang und Intensität enorm zu. Hierbei nahm nicht nur die Zahl von Ingenieuren und Naturwissenschaftlern zu, sondern auch von Geis­teswissenschaftlern. Die Bewusstseinsindustrie war in hohem Maße von neuen Reproduktions­techniken (Unterhaltungselektronik) abhängig und ist zumindest in ihrer heutigen Form deren Resultat. Da bekamen auch Absolventinnen und Absolventen der geisteswissenschaftlichen Fakultäten ihre Chance. Die notgedrungene Bereitschaft der politischen und ökonomischen Eliten nach 1957 (USA) und 1961 (BRD) zur Reform der Infrastruktur führte überdies zu einem hastigen Ausbau der Bildungs­institutionen und schuf ebenfalls neuen Bedarf. Er konnte nur gedeckt werden, indem das bisherige akademische Privileg des Bürgertums zumindest relativiert wurde. Jetzt kamen tatsächlich Leute aus den bisher »bildungsfremden« Schichten an die Universität.

Dort fühlten sie sich allerdings zunächst eher eingeschüchtert als ermutigt. Zugleich waren inzwischen ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen aus besserem Hause verunsichert: Bisheriges Wissen drohte schneller zu veralten, der alt-akademische Hintergrund reichte allein nicht mehr aus, die Tunlichkeit eines Seitenwechsels war zu erwägen. Die Wortführer des SDS kamen mehrheitlich aus jenem gehobenen Bürgertum, das jetzt an den Universitäten nicht mehr ganz unter sich blieb. Aber das ist schon wieder die verengte Innenwahrnehmung der weit fundamentaleren Voraussetzung: der Neurekrutierung und enormen Ausweitung der Intelligenzschicht.

Wer Neues zu verarbeiten hat, greift häufig auf ältere Bilder zurück. Das nennt man dann eine Projektion. Die Jahre 1968 bis 1973 waren die letzte Etappe einer Periode, die man im Nach­hi­nein als das »goldene Zeitalter« des modernen Kapitalismus zu erkennen gelernt hat: Vollbeschäftigung. Dass es 1966/67 durch eine Mini-Rezession eingetrübt worden war, hatte erste Blicke auf die Krisenhaftigkeit dieser Gesellschaft erlaubt, der bald darauf neu einsetzende Aufschwung – 1968 war ein Boom-Jahr – erzeugte bei Intellektuellen, die sich als eine neue Klasse zu halluzinieren begannen, jene Kombination aus Verunsicherung und Selbstbewusstsein, die zur Aktion animierte. Dass ein universeller Aufbruch begonnen habe, vergleichbar früheren Zeiten des Aufstands in Eu­ropa, las man an den Emanzipationsbewegungen der Dritten Welt ab. Als im Mai 1968 in Frank­reich auch die Arbeiterklasse in Bewegung geriet und sich dies 1969 in den Heißen Herbsten in Ita­lien und sogar in der Montanindustrie der Bundesrepublik wiederholte, gewannen Revolutionsprojektionen noch mehr scheinbare Evidenz.

Erst einige Jahre später – etwa ab 1974 – lernte man, dass das, was man als den Neuanfang sozialer Kämpfe buchstabiert hatte, in Wirklichkeit schon das Ende einer Periode war. Die zeitweilige Waffenparität zwischen Kapital und Arbeit war vorbei. Die Intelligenz musste sich neu sortieren. Statt der Arbeiterklasse entdeckte sie realistischerweise nun sich selbst.

Die politische und ökonomische Revolution war ausgefallen, die soziale hatte stattgefunden, die wissenschaftlich-technische war noch im Gang. Eine weitere kam hinzu: die kulturelle. Sie bestand darin, dass im Alltag zwei Merkmale des konservativen Habitus, Distanz und Differenz, an Bedeutung verloren zugunsten der scheinbaren Egalität der »flachen Hierarchien« und des eher lockeren Umgangs. Auch hier wurde 1968 nur beschleunigt, was schon seit den fünfziger Jahren in der »Amerikanisierung« auf den Weg gekommen war.

Teil der kulturellen Revolution war die sexuelle. Wer zu Beginn der sechziger Jahre noch nicht erwachsen war, kann sich heute nicht mehr vorstellen, wie angst- und sanktionsbelegt die nicht­ehelichen Beziehungen der Geschlechter damals waren. Dass dies sich nun änderte, verdankte sich einer pharmazeutischen Umwälzung. Die hatte schon vor 1968 stattgefunden, erhielt in diesem Jahr aber ihre Ideologisierung.

Wenn wir von den Achtundsechzigern sprechen, meinen wir zwei Altersgruppen. Die Mitglieder der ersten sind um 1940 geboren, die der zweiten um 1950. In beiden Fällen muss eine Abweichung von rund fünf Jahren nach oben und unten hingenommen werden. Dies ergibt sich daraus, dass, wie gezeigt, 1968 als Event Teil eines längeren Prozesses war. Die »Alt-Achtundsechziger« der ersten Sorte, Jahrgang plus/minus 1940, sehen ihre Vergangenheit eher melancholisch im Licht inzwischen verlorener Illusionen. Noch wer erst 1955 geboren ist (maximale Abweichung zur Gegenwart hin), hat in der Pubertät oder vielleicht schon im Blick auf die Schülerbewegung der fünf Jahre Älteren noch etwas von 1968 mitbekommen. Aber man schlüpfte dann doch glatter in die Periode ab 1974, den so genannten Neoliberalismus, und empfindet kaum Nostalgie. Die Nachgeborenen verhalten sich zu der ganzen Angelegenheit als Historiker, und die kommen ebenso wenig ohne Illusionen aus wie die Vorfahren.