Aufstehen!

Zwölf Jahre Schule sind noch zwölf Jahre zu viel. von ivo bozic
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Wie fülle ich eine Steuererklärung aus? Wie bestelle ich auf Englisch eine Bratwurst? Was ist Glück? Kann man Kartoffeln in der Mikrowelle garen? Wa­rum kann man tun, was man will, aber nicht wollen, was man will? Wann erschien die erste Platte der Ramones? All das wissen wir nach der Schulzeit immer noch nicht, egal ob sie zwölf oder 13 Jahre währt. Und wenn sie 20 Jahre dauer­­te, man wäre diesbezüglich nicht klüger, denn Gymnasiasten sollen Integrale berechnen, Amöben zeichnen und Carbonsäuren in die richtige Stoffgruppe einordnen. Dinge also, die man, sollte man sie eines Tages brauchen, innerhalb von Sekunden ergoogeln oder auf dem Taschenrechner ausrechnen kann. Immerhin hat man nach all den Jahren vielleicht die »Blechtrommel« gelesen und den »Fänger im Roggen«. Okay, manche lernen Häkeln.

Alles, was ich an Bildung und Wissen in meinem Leben bisher gebraucht habe, habe ich nicht in der Schule gelernt. Nicht einmal das Lesen – das verdanke ich der Sesamstraße. Und was ich in der Schule gelernt habe, habe ich vergessen, fast ausnahmslos. Nur die Glaziale Serie und die Erdzeitalter kann ich noch auswendig, dank eines Nazi-Lehrers, der das in jeder Stunde abfragte. Auch in 13 Jahren habe ich nur rudimentäre Einblicke in die Geschichte der Menschheit erhalten, für ganze Jahrtausende war schon damals keine Zeit. Ich kann auch nicht rechnen. Ich hatte zwei Mathelehrer, die versucht haben, mich zu motivieren. Der eine sagte immer: »Du musst dir nur sagen: ›Ich will!‹«, der andere versuchte es mit philosophischen Analogien: »Eine Gerade ist selten interessant, das ist im Leben ja auch nicht anders.« Das leuchtete mir zwar ein, hat mir aber auch nicht geholfen.

Irgendwas muss faul sein an der Schule, wenn man in neun Jahren Englischunterricht weniger lernt als in einem vierwöchigen Crashkurs, den man freiwillig besucht. Wenn man bei Guido Knopp mehr über Hitler erfährt als im Ge­schichts­­­unterricht. Wenn man auch nach dem Abitur und dem Hochschulabschluss noch Texte an die Redaktion schickt, in denen kein einziger Konjunktiv stimmt.

Nun kann man sagen, die Schule vermittle ja nicht nur Wissen, sondern auch soziale Kompetenz. Stimmt. Ich war ein äußerst selbstbewusstes, in mancher – zugegebenermaßen nicht jeder – Hinsicht frühreifes Kind, das mit acht Jahren schon 1. Vorsitzender eines Tierschutzvereins war. Als ich dann aufs Gymnasium kam, steckten mich die anderen Kinder in der Großen Pause in die Mülltonne, ich musste nach Schulschluss war­ten, bis die anderen weg waren, bevor ich mich nach Hause traute. In den letzten vier Jahren mei­ner Gymnasialzeit habe ich es aber tatsächlich ge­schafft, mich wieder aufzurichten und am Ende wieder der unbeschwerte, selbstsichere Mensch zu sein, der ich vorher einmal war. Sogar Schüler­spre­cher wurde ich schließlich – es war reine Not­wehr!

Der schulkritische Autor Dieter Heckenschütz berichtete, dass seine Versetzung einmal am Verdauungsapparat der Hydra gescheitert sei. Statt 13 dauerte seine Schulzeit deshalb 14 Jahre. Eine Hydra sei ihm später, schrieb er 40jährig, »nicht ein einziges Mal begegnet«. Das Gymnasium, argumentierte Heckenschütz, diene lediglich dazu, die Tickets für die Universität zu vergeben. Nicht möglichst vielen Menschen eine gute Bildung zu ermöglichen, sondern im Gegenteil möglichst viele auszusieben, sei seine Aufgabe. Weil immer mehr Jugendliche an die Universitäten strebten, würden die Anforderungen immer höher geschraubt, damit es letztlich weniger schaffen. Das mag derart verkürzt falsch sein, weist aber dennoch auf das wesentliche Problem hin: Der tatsächlich enorm gestiegene Leistungsdruck ist gewollt und nicht etwa ein unbeabsichtigter Nebeneffekt der Schulzeitverkürzung.

Unbestreitbar ist Bildung eine der wichtigsten Voraussetzungen des Menschen, die ihn zu Unabhängigkeit und Kritik befähigt – die Frage ist nur, was das mit der Schule zu tun hat. Seit über 20 Jahren werden an Schulen und Universitäten kontinuierlich die Lehrpläne umgestaltet. Geisteswissenschaften werden ab-, Naturwissenschaf­ten ausgebaut. Nicht die Befähigung selbst zu denken, ist Schulziel, sondern die Zurichtung für den Markt. Wenn diese Zurichtung kürzer dauert, ist dies gut und nicht schlecht.

Als Argument gegen die Verkürzung der Schulzeit wird angeführt, dass sie dazu diene, die Men­schen schneller dem Arbeitsmarkt, sprich ihrer Verwertung zuzuführen. Das muss aber nicht sein. Man könnte das Jahr genauso gut vorne wegstreichen und die Kinder einfach später einschulen. Ein Jahr länger eine unbeschwerte Kindheit zu haben, wäre doch auch schön.

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