Zu gut gelaunt

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Neulich las ich in der Zeitschrift Jazz Thing, auf der neuen CD von Nils Petter Molvaer gebe es so depressive Musik zu hören, dass man eine stabile psychische Konstitution brauche, um davon nicht beeinträchtigt zu werden. Das klang vielversprechend.
Denn wirklich gute Musik, Filmmusik zumal, verdient den Namen nur, wenn sie den Zuhörer zu Tode betrübt. Dann wird sie zu jener überlegenen Kunstform, von der Arthur Schopenhauer in »Die Welt als Wille und Vorstellung« schrieb, dass sie die einzige sei, die das Wesen unseres Da­seins unvermittelt darzustellen vermöge. Sie blei­be »auch in ihren schmerzlichsten Ackorden noch erfreulich«, vernähmen wir doch durch sie nichts als »die geheime Geschichte unseres Willens und aller seiner Regungen und Strebungen, mit ihren mannigfaltigen Verzögerungen, Hemm­­­nissen und Quaalen, selbst noch in den weh­mü­thigsten Melodien«.
Allerdings hatte Jazz Thing schamlos übertrieben. »Re-Vision« enthält einige müde Fetzchen aus drei Film-Soundtracks, die der Trompeter Molvaer komponiert hat – und ehe man die Ohren so richtig gespitzt hat in freudigster Erwartung tiefster Klangmelancholien, ist der Spuk auch schon vorbei. Diese Musik ist einfach nicht negativ genug!
Vielleicht ist das aber auch nur ein erster Eindruck. Es sind ja gerade die unscheinbaren Stellen, an denen die Trompete wie ein Kinderweinen kurz vor dem vollkommenen Verstummen klingt und wo fast nur noch das Zischen ihrer Ventile zu hören ist, die so richtig rocken. Also besser nochmal hören!

Nils Petter Molvaer: Re-Vision (ECM)