Sex, die Tierwelt und der Film »Animals in Love«

Loveparade der Tiere

Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber in dem Film »Animals in Love« nicht zu sehen bekommen, erzählt Ihnen Ivo Bozic

Von Ivo Bozic
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Dass man beim Liebe machen nicht zwangsläufig Liebe macht, sondern zuweilen einfach Sex, dürfte sich eigentlich herumgesprochen haben. Daran ist nichts Schmutziges, auch wenn der Mensch dieser Tätigkeit gerne etwas Schmutziges anhängen möchte. Die einen aus religiöser oder moralischer Abscheu vor dem Akt, die anderen (vielleicht sind es zuweilen auch dieselben) ganz im Gegenteil, weil der Mensch sich nach dem animalischen Moment der Sexualität sehnt. Männer haben plötzlich »Schwänze«, Frauen »Pussys«, man gibt sich Tiernamen, und niemand beschwert sich am nächsten Tag über die Kratzspuren auf dem Rücken.
Wenn Menschen Sex haben, darf es ruhig mal tierisch zugehen. Wenn aber Tiere Sex haben, dann sollte alles möglichst »menschlich« ablau­fen: Romantik, Liebe, Kerzenschein. Diese Ansicht verbreitet jedenfalls der gerade angelaufene Film »Animals in Love«. Leider (oder zum Glück?) fehlt Tieren die Begabung, Feuer zu machen, weshalb es mit dem Kerzenschein nicht recht klappen will, doch Regisseur Laurent Char­bonnier, der bei dem Film »Nomaden der Lüfte« so brillant die Kamera führte, hat sich ein Kon­zept ausgedacht, mit dem er die gesamte Tierwelt in das Raster der seiner Meinung nach einzig denkbaren großen Welt-Liebesgeschichte presst. Und die geht so: Es beginnt mit dem Sich-Herausputzen, es folgt der Konkurrenzkampf zwischen den Männchen, dann geht es ums An­geben, Posen und Anmachen, dann ums Turteln und Flirten, nun der Nestbau, es folgt das Knutschen und Betatschen, schließlich Kopulation, erschöpftes Einpennen und folgerichtig dann Schwangerschaft bzw. Brut und Aufzucht der Kinder.
Diesen scheinbar so natürlichen Kreislauf des Lebens hat Charbonnier in so etwas wie – nicht ausgewiesene – Kapitel eingeteilt und sie zusammengeschnürt zu einem Film über »die Liebe«. »Begegnungen wie zwischen Männern und Frauen«, »gesteuert von Gefühlen« – das will Char­bonnier dem Pressetext zufolge zeigen.
Ein Jahr lang hat er recherchiert, »um die Tier­arten auszuwählen, die das Thema am besten repräsentieren«, heißt es. Das ist nämlich gar nicht so einfach. 170 Tierarten wurden schließ­lich gecastet, aber nur 80 sind in dem Film zu sehen. Der Verdacht liegt nahe, dass die übrigen 90 beim besten Willen nicht ins Schema passten. Obwohl das die 80 gezeigten Tierarten auch nicht tun. Keines der immer nur wenige Sekunden oder Minuten gezeigten Tiere sehen wir in allen Kapiteln. Die ganze Unterwasserwelt erscheint erst im siebten Abschnitt, beim Schmu­sen, weil viel rauszuputzen haben so ein Wal und ein Goldfisch eben nicht, und sie bauen auch keine Nester. Und natürlich taugt eine gefühlvoll ihr Baby abschleckende Löwenmutter besser für das Bild der heilen Familienidylle als ein Fischweibchen, das irgendwo im Wasser eine Mil­lion Eier ablässt und sich dann aus dem Staub macht.
Tierfilme sind vielleicht das wichtigste und schönste Filmgenre überhaupt. Was man dort zu sehen bekommt, ist grundsätzlich faszinierend und eröffnet immer wieder neue Perspektiven auf die Vielfalt der Natur. Das ist deshalb wichtig, damit genau das unterbleibt, was »Ani­mals in Love« macht, nämlich eine quasi naturgegebene Lebensweise zu definieren. Irgendein menschliches Verhalten als »unnatürlich« zu be­zeichnen, verbietet sich, wenn man auch nur einen kleinen Einblick in die Verschiedenheit nimmt, die die Natur zu bieten hat.
Gerade zur Dekonstruktion klassischer mensch­licher Sexual- und Geschlechterbilder bietet sich der Blick auf die Tierwelt an. Denn in der Natur ist so ziemlich alles möglich, und so gibt es jede nur erdenkliche Lebensform. Dass wir uns beim Anblick eines Orang-Utan-Männchens, das seiner Sexualpartnerin beim Vorspiel einen Cunnilingus zukommen lässt, oder zweier Schim­pansen, die es in der Missionarsstellung treiben, besonders erfreuen, liegt vermutlich daran, dass wir uns darin wiederzuerkennen meinen: »Na sieh einmal an, diese Tierchen, die sind ja auch nur Menschen.« Tatsächlich sind Primaten dem Menschen eng verwandt und verhal­ten sich zuweilen ähnlich. Doch von diesen Verhaltensweisen zeigt »Animals in Love« nur jene Bilder, die ins Schema »Große Liebe« passen. Dass niederrangige Orang-Utan-Männchen die Weibchen schlicht vergewaltigen, oder dass Schimpansinnen sich zuweilen aus Stöckchen einen Dildo zurechtkauen und Elefanten sich mit Hilfe ihres Rüssels einen runterholen, erfah­ren wir in dem Film nicht. So etwas kann man zum Beispiel in dem Buch »Das bizarre Sexualleben der Tiere« von Michael Miersch nachlesen. Anders als in dem Film wird das »Natürliche« als Maßstab für menschliches Verhalten nämlich dekonstruiert – durch die Aneinanderreihung von Fakten statt von Bildern. Es ist quasi das emanzipatorische Gegenstück zum Film.
Dabei kann es für uns Menschen, wenn wir uns schon ein Vorbild nehmen wollen, ja durch­aus interessant sein zu erfahren, dass unter Schim­pansen kein Sexualneid besteht und sexuelle Freizügigkeit gang und gäbe ist. Doch aus dem Film erfahren wir dies nicht. Stattdessen sehen wir – in einer der schönsten Einstellungen –, wie die Winkerkrabbenmännchen mit ihrer gelben Riesenzange den Weibchen zuwinken und mit anderen Männchen einen regelrechten Fechtkampf austragen. Diesem sehr ästhetischen Duell hätte man gerne länger zugeschaut, doch schon folgt erneut ein Schnitt, und wir sind beim nächsten Tier, das für die Kli­schees der Liebe herhalten muss. Die Gottesanbeterinnen sehen wir bei der Paarung, nicht aber wie sich das Männchen anschließend flucht­artig aus dem Staub macht, um nicht vom Weibchen aufgefressen zu werden. Die unfassbar aus­gefallenen Balzmethoden der verschiedenen Tierarten sind sehr eindrucksvoll, verschwie­gen wird jedoch, dass die Balz mehrheitlich nicht einem bestimmten Individuum gilt, sondern sich die meisten Tiere dem anderen Geschlecht völlig wahllos zum Sex anbieten. Dies hätte man, wenn man gewollt hätte, zwar auch mit dem Men­­schen abgleichen können, doch von »Liebe« kann in diesem Zusammenhang wohl kaum die Rede sein.
Tatsächlich zeigt »Animals in Love« eine unglaubliche Vielfalt der Fauna, obwohl sie in der Rahmenhandlung geradezu propagandistisch wieder negiert wird. Die ganze Vielfalt zeigt der Film jedoch nicht. Kein Platz ist etwa für Homo­sexualität, die durchaus vorkommt in der Tierwelt (etwa jedes zehnte Meerschweinchen ist schwul). Und schon gar kein Platz ist für eingeschlechtliche Fortpflanzung, also quasi die »unbefleckte Empfängnis«, in der die Befruchtung durch das Männchen gar nicht notwendig ist. Blattläuse machen das zum Beispiel so, aber auch manche Fisch- und Eidechsenarten, Rüsselkäfer, Kopfläuse, manche Krebse und Schnecken. Bei einer australischen Population von Eidechsen entdeckte man vor einigen Jahren, dass es überhaupt keine Männchen gibt. Geht auch! Einige Ringelwurmarten werfen einfach Teile ihres Körpers ab, aus denen neue Wür­mer wachsen. Sie kennen nicht nur keine Liebe, sondern auch keinen Sex. Depressiv werden sie deshalb aber nicht.
Auch Ameisen kommen nicht vor in diesem Film. Dabei hätte man durchaus den »Hochzeitsflug« (sic!) zeigen können; diese kurze, wenige Stunden dauernde Episode, in der männliche Ameisen eine Rolle spielen, bevor sie nach erfolgter Befruchtung sterben und von den durchgängig weiblichen Bewohnerinnen des Amei­­senstaats verspeist werden. Bei den Bienen, die immer wieder dazu dienen, Menschenkindern zu erklären, wie Sexualität funktioniert, ergeht es den Männchen nicht besser. Sie explodieren bei der Kopulation mit einem Knall. Das hätte eine schöne Aufnahme für den Film sein können, vielleicht sogar die perfekte Schluss­szene, passte aber wohl nicht ins Konzept. Eben­so wie der Igelwurm, bei dem das Männchen nur zwei Millimeter groß wird und in einer Art »Zwangsehe« im Uterus des 30 Zentimeter großen Weibchens lebt. Außer Spermien zu produzieren, besitzt es keine weiteren Fähigkeiten.
Obwohl auch in der menschlichen Zivilisation der Harem bekannt ist, hat Charbonnier die Polygynie bei Tieren nicht thematisiert. Dabei ist sie recht verbreitet, zum Beispiel bei Hähnen, Fasanen, Hirschen und den den Menschen so ähnlichen Gorillas. Auch Polyandrie, al­so das Gegenstück zur »Vielweiberei« sozusagen, gibt es in der wunderbaren Welt der Tiere. Etwa bei der in unseren Breitengraden verbreiteten Heckenbraunelle, einer Sperlingsart.
Lebenslange Monogamie hingegen ist bei Tieren eher die Ausnahme. Nur drei Prozent der Säugetiere leben monogam, darunter die Prärie­wühlmäuse. Sie begehen ihre Lebenspartnerschaft in der »Hochzeitsnacht« allerdings auch mit einem 40stündigen Fick, was die meisten Menschen vermutlich überfordern dürfte. Auch die ausgeprägte Sexualität von Wanderratten, die es in nur sechs Stunden bis zu 500 mal miteinander treiben, oder von Delfinen, die 80 Prozent ihres Lebens mit Geschlechtsverkehr verbringen, kann wohl kaum, selbst wenn wir wollten, ein Vorbild für uns sein. Dass Del­fin­männ­chen, nebenbei bemerkt, auch Massenvergewaltigungen begehen und Päderasten sind, darf man ruhig auch einmal erwähnen. Und dass Milben Inzest treiben und der Nachwuchs seine Mutter von innen auffrisst, lässt sich wohl ebenfalls kaum mit Kategorien der Liebe erklären.
Damit soll nicht gesagt werden, dass es in der Tierwelt so etwas wie Liebe nicht gibt. Speziell in der Bindung zwischen Müttern und ihren Kindern besteht manchmal eine sehr innige indi­viduelle Zuneigung. Es ist wirklich beeindruckend und herzzerreißend, wie zärtlich die Löwenmama ihr Kleines liebkost und wie die Elefanteneltern ihrem gerade geborenen Baby auf die Beine helfen. Auf diese Szenen verzichtet der Film selbst­verständlich nicht. Häufig allerdings trampeln Elefantenmütter ihren Nachwuchs auch tot, aus Versehen oder auch mit Absicht. Für einen Film »Animals in Hate« hätte es ebenfalls genug Material gegeben. Vielleicht lässt sich aus den Aufnahmen der 90 Tierarten, die Charbonnier nicht verwerten konnte, ja noch so was zusammenbasteln.
»Animals in Love«, geschnitten wie eine Diashow, verzichtet fast vollständig auf eine Off-Stimme, auf einen erklärenden Kommentar. Das ist einerseits schade, denn wir erfahren so weder, welche Tiere wir gerade bewundern, noch was die Kerlchen da tatsächlich treiben, andererseits werden wir so zu unserem Glück von allzu viel Menschenkitsch verschont. Nur am Anfang und am Ende hören wir ein paar blumige Worte über die Bedeutung der Liebe für das Leben auf der Erde und so weiter. Wer häufig Tier­filme anschaut, könnte enttäuscht sein, obwohl viele Szenen wirklich spektakulär sind – weil eben die Hauptdarsteller spektakulär (und dabei für die Produzenten billig zu haben) sind. Die Aufnahmen selbst sind allerdings nicht ästhetischer oder außergewöhnlicher als bei den meisten Tier-Dokus, die wir im Dritten Programm geboten bekommen. Wer sonst nie auf die Idee käme, sich einen Tierfilm im Fernsehen anzuschauen, für den kann »Animals in Love« eine Motivation sein, einmal im Kino in den faszinierenden Kosmos der Tierwelt einzutauchen. Zieht man die penetrante Botschaft ab, bleiben trotzdem jede Menge Bilder übrig, die man gesehen haben sollte.
Veganer und Tierrechtler werden den Film sowieso lieben, denn sie sind ja ohnehin der Mei­nung, dass Mensch und Tier dasselbe sind. Dabei zeigt uns die Natur vor allem, dass schon kaum ein Tier mit einem anderen vergleichbar ist. Völlig grotesk ist also die Idee von selben Rechten und moralischen Kategorien für alle Le­bewesen, Menschen eingeschlossen. Wer Tiere wirklich respektiert, versucht nicht, ihnen mensch­liche, also gesellschaftliche Normen über­zustülpen. Und wer Menschen respektiert, reduziert diese nicht auf ihre biologischen Merkmale. Auch der Mensch ist ein fantastisches und – das ist wichtig – einzigartiges Wesen mit unglaublichen Fähigkeiten. Neben dem Fressen und Ficken kann er nämlich nicht nur fernsehen, sondern auch Fernseher erfinden und herstellen. Kein Tier kann das. Aber auch sein Liebesleben ist ein echtes Phänomen, komplex, widersprüchlich und immer wieder verwirrend, und selbst für uns oft noch schwieriger nachvollziehbar als die bizarre Partnersuche und Fort­pflanzung der Tiere. Auch dies kann man aus »Animals in Love« lernen. Oder eben aus dem echten Leben.

»Animals in Love« (F 2007). Dokumentation von Laurent Charbonnier. Start: 31. Juli