Wintersport im Fernsehen – Plage oder Vergnügen?

Wann wird es endlich wieder Sommer?

Wintersport ist morbide, langweilig, gefähr­lich und hässlich.
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Es fängt schon mit dem Wort Winter an. Winter – das ist ja schon mal gar nicht akzeptabel. Menschen, die ständig im Winter leben müssen, wissen, was sie davon zu halten haben: Sie bringen sich um. Es ist kein Zufall, dass die höchsten Selbst­mordraten in Grönland, Schweden, Finnland, Litauen, Lettland und Russland zu finden sind. Es gibt eigentlich nur zwei Wege, den Winter zu überleben, und in jenen Ländern weiß man das nur zu genau: schwerer Alkoholismus oder Wintersport. Beides zusammen hingegen ergibt schon wieder Selbstmord.
Aber nun gut, wenn man gemütlich in einer zentralbeheizten Wohnung in südlicheren Gefilden sitzt, könnte man sich doch diese Sportarten trotzdem im Fernsehen anschauen – oder etwa nicht? Man kann nicht! Die Quote der nicht zum Zuschauen geeigneten Sportarten ist im Winter doppelt so hoch wie im Sommer. Dazu muss man zunächst einmal feststellen, dass es Sportarten gibt, die man wunderbar im Stadion oder am Fernseher verfolgen kann, etwa Fußball, Hand­ball, Golf, Tennis, Stabhochsprung. Allerdings gibt es auch Sommersportarten, die man eigentlich gar nicht als Zuschauer verfolgen kann. Rad- und Motorsport zum Beispiel. Steht man selbst an der Rennstrecke, sausen innerhalb ­einiger Minuten oder Sekunden die Gefährte in einem Höllentempo an einem vorbei, gesehen hat man gar nichts, aber sich dafür den ganzen Tag die Beine in den Bauch gestanden. Im Fernseher kann man kaum den tatsächlichen Abstand zwischen Spitzengruppe und Verfolgerfeld er­ahnen, man sieht nicht den Grad der Steigung, die Beschaffenheit der Piste. Spätestens wenn ein Formel-1-Wagen anfängt, die Letzten im Feld zu überrunden, ist das alles nur noch ein großes Durcheinander.

Im Winter jedoch gibt es fast nur solche Sportarten. Bobfahren zum Beispiel. Das einzige, was es dort zu sehen gibt, das etwas über die Qualität des Gezeigten aussagt, ist die Uhr, die in der Ecke des Fernsehbildschirms eingeblendet wird. Dasselbe gilt für Ski-Abfahrt. Langlauf durch den Wald ist überhaupt nicht mehr telegen erfassbar, höchstens wenn es mit Schießen kombiniert wird, doch dass Schießübungen überhaupt als Sport durchgehen, ist sowieso ein Skandal. Beim Skispringen liegt der einzige Reiz darin zu prüfen, ob die eigene, sich an Körperhaltung und Landepunkt des Springers orientierende Schätzung der Flugweite mit dem tatsächlichen Ergebnis übereinstimmt. Das ist also eher so, wie Günther Jauch zu gucken. Beim Eishockey ist der Puck so klein und schnell, dass ihm die Kamera nie folgen kann, und selbst wenn, heißt das noch lange nicht, dass man diesen kleinen Punkt auf der Mattscheibe wirklich entdeckt.
Es gibt zwar auch so genannten Wintersport, den man sich ganz gut ansehen kann, allerdings handelt es sich dabei definitiv nicht um Sport: Eiskunstlauf und Curling. Das erste findet nur des­halb nicht auf normalen Ballettbühnen statt, weil es dort kein Eis gibt, und das zweite … Was soll man dazu sagen? Schneeschippen ist ja auch keine olympische Disziplin.

Wenn schon Sport im Winter, dann drinnen. Es gibt genügend Disziplinen, die man auch in der kalten Jahreszeit bequem im Warmen durchführen kann: Billard, Boxen, Bodenturnen, Badminton, Schwimmen und Gewichtheben. Nur so als Beispiel. Wozu hinaus in die Kälte? Weshalb sollte man sich da draußen von einer Lawine überrollen lassen, sich Frostbeulen holen oder in einem Eisloch absaufen wollen? Dass sich Wintersportler »Hals- und Beinbruch« wünschen, sagt im Üb­rigen alles über deren morbide Ader aus; wenn sie »Ski Heil!« skandieren, ist das nicht beruhigen­der. Man ahnt, woher die das haben.
Auch ästhetisch ist das alles völlig inakzeptabel. Skianzüge sind immer zu grell, zu bunt und betonen grundsätzlich die falschen Körperpar­tien. Und nur wer wirklich ein sonderliches Inter­esse an der Größe der Genitalien von Rennrodlern hat, mag sich mit deren hautengen Plastik­anzügen anfreunden. Eishockeyspieler sehen so aus, als wenn ihr Auftrag darin bestünde, Geiseln aus einem von Terroristen besetzten Hotel zu befreien, dabei müssen sie lediglich mit einem Stock eine winzige Hartgummischeibe übers Eis schubsen. Lächerlich!
Der spannendste Wintersport ist und bleibt die Transfer-Tätigkeit der Bundesliga in der Winterpause. Was wird aus Poldi? Kriegt Schalke endlich einen Spielmacher? Kaufen die Bayern Ibisevic? Damit, dies zu verfolgen, kann man gut die Saison-Halbzeitpause verbringen. Und danach gibt es sowieso keinen Grund mehr, sich über trost­lose Schnee- und Eissportarten Gedanken zu machen.

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