Gespräch mit Grace Nirmala über Tempelprostitution in Indien

»Wir zeigen, dass es nicht um Spiritualität geht«

Grace Nirmala ist Sprecherin der in Hydera­bad ansässigen NGO »Andhra-Pradesh-Komitee gegen das Jogini-System« (APJVVPS). Die 1994 gegründete Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, die Tradition der religiös legitimierten Tempelprostitution zu beenden. Trotz gesetzlicher Verbote werden in zahlreichen Gegenden Indiens junge Mädchen im Kindesalter symbolisch »mit einer Gottheit verheiratet« und damit zur »Jogini«. Sobald die Mädchen die Pubertät erreichen, müssen sie allen Männern der Gemeinde sexuell zur Verfügung stehen. »Joginis« dürfen nicht heiraten, aber auch kein Geld für ihre Sexarbeit verlangen.

Das so genannte Jogini-System ist im Bundesstaat Andhra Pradesh seit über 20 Jahren verboten. Warum braucht es immer noch eine Organisation, die sich ausschließlich um dieses Phänomen kümmert?
Die Regierung in Andhra Pradesh hat zwar wie die meisten Regierungen anderer Bundesstaaten auch ein Gesetz erlassen, aber wie so viele Regeln wird das Jogini-Verbot vom Staat nicht durch­gesetzt. Wir haben es hier mit einem sehr komplexen Problem zu tun, das nicht durch Gesetze allein gelöst werden kann. Hauptsächlich sorgen Höherkastige in den Dörfern dafür, dass diese Art der Ausbeutung weiterbesteht. Aber auch die Familien der auserwählten Mädchen geben ihre Töchter meist bereitwillig her und fühlen sich in der Gemeinschaft aufgewertet, wenn die eigene Tochter zur Jogini wird. Aber die Leute müssen endlich verstehen, dass das Jogini-System nichts mit Spiritualität oder Religion zu tun hat. Es ist Ausbeutung, die durch das Kastensystem legitimiert wird.
Wer entscheidet denn darüber, ob ein Mädchen zur Jogini wird?
Auch das ist kompliziert. Traditionell sind es Dalit-Priester oder die älteren Joginis selbst, die während einer Prozession in Trance verfallen und dann neue Joginis gemäß ihren Visionen ernennen. Aber in vielen Fällen üben die einflussreichen Höherkastigen meist im Stillen Einfluss auf Familien mit hübschen Töchtern aus, dass sie ihre Mädchen als Joginis vorschlagen. Zu 95 Prozent werden Mädchen aus der Dalit-Community, also aus der Gruppe der Unberührbaren ausgewählt. Die restlichen fünf Prozent kommen aus den nie­drigen Kasten. Die Höherkastigen würden niemals ihre Töchter als Joginis hergeben.
Was sind die Anreize für Dalit-Familien? Wieso trifft diese Tradition nicht auf mehr Widerstand?
Wenn ich in den Dörfern bin, höre ich immer wie­der: »Ohne eine Jogini kann unser Dorf nicht überleben. Ein Mädchen muss ihr Leben, ihren Kör­per opfern, sonst bestrafen uns die Götter. Und wir brauchen doch Joginis für unsere Zeremonien, für Hochzeiten, Bestattungen und Verbrennungen und andere Rituale.« Viele Dalits sind immer noch sehr abergläubisch und unterstützen daher dieses System. Dazu kommt, dass auch Dalit-Männer zu den Joginis gehen und die Nacht bei ihnen verbringen können. Aber erst nach den Hö­herkastigen.
Wie verläuft denn das Leben eines Mädchens, das als Jogini auserwählt wird?
Zuerst muss man unterscheiden zwischen den Devadasi, den Frauen, die traditionell ihr Leben als Konkubine eines mächtigen Mannes verbringen und für ihre Dienste belohnt werden. Sie haben einen höheren sozialen Status. Das Devadasi-System wird häufig in Nordindien praktiziert. Dann gibt es die kommerziellen Sexarbeiterinnen, die meist in Städten arbeiten und ihr eigenes Leben führen können. Sie haben traditionell einen sehr niedrigen Status, können aber zumindest theoretisch einen anderen Beruf erlernen.
Joginis dagegen haben keine Wahlmöglichkeiten, sie sind Objekte der Ausbeutung durch das patriarchale Kastensystem. Bis zum Alter von zehn, elf Jahren werden Mädchen als Joginis ausgewählt und dann in der Jogpattam-Zeremonie mit einer der Dalit-Gottheiten vermählt. Wenn das Mädchen in die Pubertät kommt, wird die Mylapattam-Zeremonie vom ganzen Dorf gefeiert. Danach wird das Mädchen traditionell vom Priester oder dem Dorfvorsteher vergewaltigt. Fortan ist es Dorfeigentum und darf niemanden ablehnen. Aber die Frauen müssen für ihren Unterhalt selbst sorgen, arbeiten meist als Landarbeiterinnen und leben in Armut. Ihre Kinder müssen sie alleine großziehen, da die Väter dieser Kinder sie niemals als ihre anerkennen würden. Die Töchter der Joginis werden dann ihrerseits zu Joginis.
Gibt es verlässliche Zahlen, wie viele Frauen als Joginis in den Dörfern leben?
Es existieren keine offiziellen Statistiken, aber wir haben 2001 eine Erhebung in Andhra Pradesh durchgeführt und festgestellt, dass in 14 der 23 Distrikte des Bundesstaates über 16 000 Joginis leben, viele davon auch in Städten. Das Jogini-Sys­tem wird in den meisten Bundesstaaten Südindiens weiterhin praktiziert, hat aber regional unter­schiedliche Namen. Insgesamt geht die Zahl der Joginis langsam zurück, aber es bleibt ein großes Problem.
Zu fast allen Mahakali-Tempeln in Südindien gehört eine Jogini. Aber die Anzahl der Joginis ist nicht groß genug, um eine relevante Größe für Wahlen darzustellen. Deshalb gibt es auch kaum Interesse, das Verbot durchzusetzen. Und die Polizei ist eher Teil des Problems als Teil der Lösung, da sie meist von den Höherkastigen beeinflusst wird. Wenn wir von Jogini-Prozessionen erfahren und die Polizei einschalten, kommt sie entweder nicht oder sie lässt sich von den Dorfältesten überzeugen, dass nichts vorgefallen sei. Daher arbeiten wir kaum mehr mit der Polizei zu­sammen, sondern versuchen, die Joginis selbst und die Dalit-Community zu überzeugen. Wir sagen den Dalits: »Schaut, die Höherkastigen beuten euch aus, sie würden niemals ihre Töchter hergeben!«
Wäre dies denn begrüßenswert?
Nein. Unser Ziel ist nicht, Brahmanen-Töchter, also Angehörige der höchsten Priesterkaste, auch zu Joginis zu machen. Wir wollen den Dalits die Augen öffnen und ihnen zeigen, dass es nicht um göttliche Spiritualität, sondern um Kasten und Unterdrückung geht. All unsere Mitglieder sind selbst Dalits, wie ich auch, und es arbeiten auch viele ehemalige Joginis für uns, die ausgestiegen sind. Joginis sind völlig entrechtete Frauen. Auch unter den Joginis, die angeben, mit ihrem Leben nicht unzufrieden zu sein, gibt es massive ge­sundheitliche und psychische Probleme. In den letzten Jahren wurde HIV/Aids zu einem immer größeren Problem. Außerdem verlieren die Frauen ja auch häufig ihren Status, wenn sie älter werden und für die Männer nicht mehr attraktiv sind. Dann bleiben sie alleine mit ihren Kindern in Armut am Rande der Gemeinschaft zurück.
Sie sagen, Joginis spielen eine wichtige Rolle bei zahlreichen Zeremonien und im religiösen Alltag vieler Hindus. Mit welcher Strategie können solche Verhältnisse verändert werden? Was hat Ihre Organisation bisher erreicht?
Bisher konnten wir mehrere tausend Joginis dazu bewegen, auszusteigen und ihre Dörfer zu verlassen. Aber viele Joginis sehen sich selbst als Gott­heiten und arrangieren sich mit ihrem Leben. Sie sind stolz darauf, eine wichtige Rolle in der Gemeinschaft zu spielen, den Leuten Ratschläge geben zu können und bei Zeremonien zentrale Funktionen einzunehmen. Und diese Frauen über­reden häufig andere Dalit-Familien, ihre Töchter als Joginis zur Verfügung zu stellen. »Eure Ernte war schlecht, weil ihr den Göttern nicht ausreichend gehuldigt habt. Gebt eure Tochter und ihr werdet bald in Reichtum leben.« Mit solchen Argumenten lassen sich viele der Armen überzeugen. Außerdem sparen die Familien dann auch das Geld für die Mitgift. Die Mitgift ist eine der Hauptursachen für die Benachteiligungen von Mädchen in Indien, denn häufig treiben diese Zahlungen die Familien in den Ruin.
Wir arbeiten weiter an Aufklärungskampagnen, gehen in die Dörfer und reden mit den Menschen. Wir betreiben aber auch Lobbyarbeit. Hier in Hyderabad unterstützen wir ehemalige Joginis beim Erlernen neuer beruflicher Fähigkeiten und geben einen monatlichen Newsletter mit selbstverfassten Berichten der Joginis heraus. Und wir betreiben ein Internat für die Töchter der Joginis, um zu verhindern, dass diese Mädchen später auch zu Tempelprostituierten werden. Wir haben 5 000 Frauen, die bereit sind zu kämpfen, die bereit sind, alles zu tun, um dieses System zu beenden. Aber unser Kampf wird noch lange weitergehen müssen. Mindestens zehn Jahre, aber wahrscheinlich länger.
Inwiefern sind Dalit-Organisationen und Dalit-Parteien für Sie ein relevanter Partner?
Wir suchen Kontakt zu allen Parteien und Organisationen, die uns unterstützen wollen. Für einen erfolgreichen Kampf gegen das Jogini-System sind wir auf aktives Eingreifen des Staates angewiesen. Die Regierung muss mehr in ländliche Entwicklung investieren, vor allem in Bildungs- und Gesundheitsprogramme. Und sie muss das Jogini-Verbot durchsetzen. Dalit-Organisationen sind für uns ein wichtiger Partner, denn es geht wie gesagt primär um Unterdrückung durch das Kastensystem. Aber auch innerhalb der Grup­pe der Unberührbaren gibt es immer noch massive patriarchale Verhältnisse. Das Jogini-System beinhaltet beides: Kasten- und Frauenunterdrückung.

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