Traumatisierte US-Soldaten und Selbstmorde in der US-Army

Nicht für den Krieg gemacht

Die Zahl der Selbstmorde von Soldaten in den USA war im vergangenen Jahr so hoch wie noch nie. Der Staat kümmert sich kaum um die Kriegsheimkehrer, die nach wiederholten Einsätzen in Afghanistan oder im Irak mit schweren Depressionen und psychischen Störungen zu kämpfen haben. Nun will die Armee die psychologische Betreuung der Soldaten verbessern.

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Unteroffizier a.D. Loyd Sawyer sucht nach Worten, als er erklärt, warum er 2005 der US-Armee beitrat. »Ich wollte meinen Teil beitragen«, für das Vaterland, »die Sache im Irak«. Er stockt, die Erinnerungen überwältigen ihn.
Dann beginnt er mit seiner Geschichte. Vor fünf Jahren trat die US-Armee an ihn heran. Der damalige Generaldirektor eines Beerdigungsinstituts in Colonial Heights, Virginia, wird rekrutiert und arbeitet zunächst in einem Leichenschauhaus der US-Luftwaffe in der beschaulichen Stadt Dover im US-Bundesstaat Delaware. Nach einer Grundausbildung wird er in die Militärbasis Balad, nördlich von Bagdad im Irak, verlegt.
»Mein Job war es, die toten Körper der Kameraden für ihre Rückführung in die USA zu präparieren«, erzählt Sawyer. Er holt sie vom Militärkrankenhaus ab und fährt sie zum Leichenschauhaus. Dort durchsucht er die Taschen der Gefallenen, fin­det Briefe, Glücksbringer und weitere persönliche Dinge. Dann werden die Toten in Leichensäcken nach Hause geflogen. An seinen freien Tagen hilft Sawyer beim Einbalsamieren. Er ist dafür zuständig, einzelne Körperteile zu identifizieren. Den Arm eines Marinesoldaten zum Beispiel, der an dem eintätowierten Schriftzug »Semper fidelis« erkennbar ist. »Immer treu«, das ist das Motto der amerikanischen Marines. Sawyer muss Füße identifizieren und Gesichtshaut auf einem Tisch ausbreiten. »Einmal, nach einem Flugzeugunglück, verbrachte ich 82 Stunden damit, Leichen aufzureihen. Manche Körper waren noch so heiß, dass die Leichensäcke schmolzen.« Sawyer klingt, als ob er sich von außen betrachten würde und die Dinge, die ihm widerfahren sind, selbst nicht glauben, geschweige denn einordnen könnte.
Mitteilen darf er sich während seines Einsatzes im Irak außerhalb der Basis nicht. Stattdessen trinkt er viel und ungehemmt. Nach sieben Monaten kehrt ein anderer Loyd Sawyer in die USA zurück. Einer, der nicht mehr schlafen kann, »denn im Schlaf sah ich die Toten«. Sawyer kann seine Aggressionen nicht mehr kontrollieren und entfremdet sich nach und nach von seinen beiden Söhnen und seiner Frau. Der Geruch von Diesel-Abgasen auf den Straßen von Colonial Heights oder von Blut in der Fleischabteilung des Supermarkts zerren ihn augenblicklich zurück in den Krieg. Er meidet Menschen und vereinsamt. »Mei­ne Frau merkte, das etwas nicht in Ordnung war mit mir. Sie wollte, dass ich mir helfen lasse, aber ich hatte Angst, das hätte das Ende meiner Militärkarriere bedeuten können.«
Dass nach wiederholten Kriegseinsätzen etwas »nicht in Ordnung« ist, löst bei vielen Soldaten Angst- und Schamgefühle aus. Man schweigt lieber darüber. Oder man sucht den Tod.

Die Krankheit ist so alt wie der Krieg selbst. Mitte der neunziger Jahre schilderte der US-amerikanische Psychiater Jonathan Shay in seinem Buch »Achilles in Vietnam: Combat Trauma and the Un­doing of Character« (Achilles in Vietnam: Kriegstrauma und die Veränderung der Persönlichkeit) die Parallelen zwischen Vietnam-Veteranen und dem mythischen Krieger der griechischen Antike. Achilles fühlte sich nach den Schlachten des Trojanischen Krieges dumpf und hilflos, er verweigerte jegliche Nahrungsaufnahme. Ihn quälten ein rasendes Verlangen nach Rache, und Suizidgedanken. Schließlich verstümmelte er einen Kriegsgegner bis zur Unkenntlichkeit. Dabei habe Achilles alle Symptome einer psychischen Störung aufgewiesen, die heute unter dem Namen post-traumatic stress disorder (PTSD) bekannt ist, schreibt Shay. Im Sezessionskrieg nannte man das Phänomen »Soldier’s Heart«. Nach dem Ersten Weltkrieg sprach man von »Shell Shock« (Granatenschock), nach dem Zweiten Weltkrieg war von »War Fatigue« (Kriegsmüdigkeit) die Rede. Tausende US-Soldaten standen nach dem Vietnam-Krieg unter »Combat Stress« (Gefechtsstress) oder litten am »Post-Vietnam-Syndrom«.
Für die Kriege im Irak und in Afghanistan gibt es inzwischen auch genaue Zahlen. Bislang wurden bei 106 726 Soldaten, die nach ihren Einsätzen im Irak oder in Afghanistan den Dienst quittierten, schwere psychische Störungen diagnostiziert, wie eine Studie des US-Kongressausschusses für Veteranenangelegenheiten im September 2009 darlegte. Bei 22 Prozent der Betroffenen stell­te man PTSD fest, man geht allerdings davon aus, dass die Dunkelziffer hoch ist, denn die Zahlen beziehen sich nicht auf Soldaten, die immer noch im Einsatz sind oder außerhalb der offiziellen Veteranenorganisationen der US-Regierung nach Hilfe suchen. Hinzu kommt auch, dass viele Veteranen nicht über ihre Probleme reden, weil sie ihre Aussichten auf einen zivilen Job nicht aufs Spiel setzen wollen. Soldaten, die noch im Dienst sind, befürchten eine Stigmatisierung mit unangenehmen Konsequenzen, denn in der US-Armee gilt nach wie vor die Parole: »Ein echter Mann steht so etwas durch.«
Die Zahlen einer Studie der US-Armee beschreiben allerdings eine andere Realität. Von 1 000 Soldaten, die sich zwischen 2003 und 2009 das Leben nahmen, waren die meisten männlich, weiß, verheiratet, 21 bis 25 Jahren alt und mindes­tens einmal im Einsatz gewesen.
Auch Coleman Bean wollte zu den starken Soldaten gehören, die die Grausamkeiten der Kriegseinsätze ohne psychologische Belastungen überwinden. Er war ein glühender Patriot. »Er glaubte daran, seinem Land zu dienen. Bedingungslos. Das ist eine Tradition in der Familie Bean.« Colemans Vater Greg, ein pensionierter Journalist, erzählt die Geschichte seines Sohnes. »Er sah darin eine Chance, einer Karriere nachzugehen. Außerdem wollte er seinem Leben eine Richtung geben, er wollte Disziplin.«
Am 6. September 2001 tritt Coleman Bean der Armee bei, fünf Tage später fallen die Türme des World Trade Center in Manhattan. »Das änderte alles für ihn, von diesem Zeitpunkt an war er sehr überzeugt von seinem Einsatz. Er absolvierte seine Grundausbildung und war einer der ersten Soldaten im Irak.«
Zwei Mal wird Coleman in den Irak geschickt, be­reits nach dem ersten Einsatz im Herbst 2005 zeigt er Symptome von PTSD. »Er wendete sich an die Regierungsbehörde für Veteranen, die bei ihm PTSD diagnostizierte, sie wollte ihn aber nicht behandeln, weil er noch im Militärdienst war. Die Jungs waren für weitere Einsätze vorgesehen.« Greg erzählt von den Panikattacken, die seinen Sohn immer wieder einholten. Er schildert Colemans Alkoholexzesse nach der Rückkehr vom ersten Einsatz und die Schlägereien in den heimischen Bars, die der junge Mann, wie sein Vater glaubt, bewusst suchte. Schließlich berichtet Greg von Colemans Gefängnisaufenthalt wegen Alkohol am Steuer.
Im Sommer 2007 nimmt die Armee Coleman ein zweites Mal in die Pflicht. Er muss wieder in den Irak. Seine Mutter schlägt ihm vor, über die Grenze zu fliehen. »Er sagte: ›Wenn ich nicht ge­he, muss ein anderer gehen‹«, erinnert sich der Vater und fügt leise hinzu: »Mental war er überhaupt kein Krieger.« Coleman überlebt auch seinen zweiten Einsatz im Irak und kehrt im Frühjahr 2007 in seine Herkunftsstadt Bruns­wick, New Jersey, zurück. Nur einige Monate später verfällt er in seine alten Gewohnheiten. Er kann nicht schla­fen, hat Konzentrationsprobleme und Panikattacken. Und er trinkt. Am Morgen des 6. September 2008, nach einem Autounfall und einer weiteren Verhaftung wegen Alkohol am Steuer, erschießt sich Coleman Bean in seiner Wohnung in South River im Alter von 25 Jahren.

Coleman ist einer von 160 Soldaten, die sich 2009 in den Vereinigten Staaten das Leben nahmen. Das ist der Höchststand seit 2003, dem Jahr, in dem die US-Armee damit begonnen hat, die Selbst­morde zu zählen.
Diese Zahl erschütterte Ende vergangenen Jahres die Öffentlichkeit. Vor allem in Armeekreisen scheint man diese Realität nicht länger verharmlosen zu wollen und sucht nach Lösungen.
Anfang November sorgte der Amoklauf eines Armeepsychiaters im texanischen Fort Hood für Aufsehen. Der Vorfall löste eine öffentliche Debatte über den katastrophalen Zustand der psychologischen Betreuung innerhalb der Armee aus. Denn auch die Betreuer sind belastet. Der mus­li­mische Major Nidal Malik Hasan, der in Fort Hood auch mit traumatisierten Soldaten arbeitete, erschoss auf der Armeebasis 13 Menschen. Seine Tat wurde nicht nur mit seiner ideologischen Radikalisierung, sondern auch mit der psychischen Belastung durch seine Arbeit als Traumahelfer erklärt.
Nach der Veröffentlichung der Selbstmordzahlen und nach der Katastrophe von Fort Hood reagierte die US-Armee schnell. General Peter Chiarelli, Vize-Stabschef der US-Armee, erklärte Ende November, es sei »absolut inakzeptabel«, dass einzelne Soldaten schweigend litten, aus Angst, sie müssten die Häme ihrer Kameraden oder sogar eine Beein­trächtigung ihrer Karriere hinnehmen. Es sei an der Zeit, das »Krieger-Ethos« neu zu definieren. Die Armee wolle den Soldaten vermitteln, dass die psychische Gesundheit den gleichen Stellenwert hat wie die körperliche Gesundheit oder wie die Fähigkeit, mit einem Gewehr zu schießen. Bereits im April 2009 hatte die Armee ein Sonder­kommando zur Früherkennung von Depressionen und Selbstmordabsichten ins Leben gerufen. In mehrstündigen Seminaren werden Soldaten dort geschult, worauf bei traumatisierten Kameraden und Kameradinnen zu achten ist und wie man mit ihnen umgehen soll. Insbesondere die Führungsebene der Einheiten wird dabei berücksichtigt.
Der Vietnam-Veteran Hugh Bruce aus Brooklyn, New York, meldete sich mit 17 Jahren freiwillig zum Militärdienst: »Patriotismus, ja, der spielte für mich auch eine Rolle, aber hauptsächlich wollte ich einfach nur weg von meinem Vater.« Bruce ist Ende 60 und trägt mit Stolz die Insignien der Veteranen für den Frieden, einer Organisation, die sich seit 1985 in den USA mit Fragen zu Krieg und Frieden beschäftigt und bei jeder Friedensdemonstration vertreten ist. »Aber die gibt es ja kaum noch. Die Wut der späten sechziger Jah­re, die viele Menschen auf die Straßen trieb, die vermisse ich heute.« Fragt man Bruce nach seinen Erfahrungen in Vietnam, schnaubt er: »Die waren entsetzlich.« Ins Detail geht er nicht, die roten Äderchen auf seinen Wangen erzählen ihre eigene Geschichte. »Als wir aus Vietnam zurückkamen, hatte die Mehrheit der Veteranen entweder Alkohol- oder Drogenprobleme. Ich trank enorme Men­gen an Alkohol und landete viel zu oft in der Notaufnahme.«
Den Anstieg der Selbstmordrate in der US-Armee erklärt Bruce mit den wiederholten Einsätzen der Soldaten. »18 Monate waren das Limit in Vietnam«, meint er. Der ernst dreinblickende Veteran beklagt auch die Macho-Kultur innerhalb der Armee und führt aus: »Nach dem Ersten Weltkrieg waren die Soldaten shell shocked, heute nennen sie das PTSD. Tatsache ist: Wir sind nicht für den Krieg gemacht.« Von Präsident Barack Obama ist Bruce enttäuscht. »Angewidert« sei er sogar gewesen von der Rede, die der Friedensnobelpreis­träger im Dezember in der Militärakademie West Point hielt. Dort erklärte Obama eindringlich, die Sicherheit des Landes stehe auf dem Spiel. Der US-Präsident entsandte weitere 30 000 Soldaten nach Afghanistan und versprach gleichzeitig, in 18 Monaten mit dem Abzug der Truppen zu beginnen. Die ersten Marinesoldaten brachen daraufhin zu Weihnachten auf. »Das war dieselbe Stra­tegie wie von George W. Bush, obwohl Obama den Wandel versprochen hat.«

Der Psychologe Mike Rankin diente von 1964 bis 1969 als Stabsarzt bei der amerikanischen Kriegs­marine in Vietnam und betreute 30 Jahre lang Ve­teranen, nachdem er erfahren hatte, wie »mangelhaft« die Versorgung der Kriegsheimkehrer von der US-Regierung organisiert worden war. Seiner Ansicht nach hat sich die Situation nicht verbessert: »In Vietnam haben wir die PTSD-Symptome einfach verdrängt, aber die US-Armee ist derzeit immer noch nicht in der Lage, die Veteranen zu versorgen.« Auch Rankin lehnt den Krieg ab: »Ich bin gegen jede Form von militärischer Intervention, obwohl ich Familienmitglieder im Holocaust verloren habe. Es gibt bessere Wege, Konflikte beizulegen.«
Von einem »akuten Notstand«, was die Zahl psychologischer Fachkräfte in der US-Armee angeht, spricht auch Barbara Vandalen von der gemeinnützigen Organisation Give an Hour, die sie selbst 2004 gründete. Die Psychologin befürchtete damals, »eine Generation junger Leute zu verlieren«, wie nach dem Vietnam-Krieg. Daraufhin kauf­te sie sich, nach guter amerikanischer Manier, das Handbuch »Gemeinnützige Organisationen für Anfänger« und versuchte, mit der Gründung der Organisation etwas zur Lösung des Problems beizutragen. »Die US-Armee arbeitet im Augenblick an einem Imagewandel. Es bedarf aber nach wie vor eines kulturellen Wandels im Pentagon. Das wird lange dauern und erfordert eine intensive Aufklärung«, sagt sie.
Insgesamt konnte Vandalen bereits 4 600 Ärzte aus den gesamten USA dazu bewegen, ihre Dienste kostenlos zur Verfügung zu stellen, um den Veteranen und deren Familien zu helfen.
Auch die Beans haben von Give an Hour psychologische Unterstützung bekommen. »Ich glaube, dass die US-Armee langsam das Problem versteht und dass sie das Beste tut, um den Soldaten zu helfen«, sagt Greg Bean. »Nur für meinen Jungen ist es zu spät.«