Das »Messie-Syndrom«

Die Ärzte des Diogenes

Die Psychopathologisierung des Alltags schreitet voran. Fast wöchentlich entdeckt die Medizin neue Krankheiten, die behandelt werden wollen. Warum das so ist und welche Folgen es hat, kann am »Messie-Syndrom« studiert werden.

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Eigentlich haben die Deutschen zur Tätigkeit des Hortens ein liebvolles Verhältnis. Durch entbehrungsreiche Tage in Bunkern und Luftschutzkellern asketisch geschult, finden sie es empörend, wenn ihre französischen Nachbarn im Kampf für Lohnerhöhungen das öffentliche Leben lahmlegen, gönnen sich Luxus auch dann nicht, wenn sie ihn sich leisten können, und sind aus tiefstem Herzen überzeugt, dass es zur moralischen Hygiene gehöre, um keinen Preis etwas verkommen zu lassen.
Wann immer es darum geht, das moderne Leben nach dem Kreislauf der Natur zu takten, gehen die Deutschen mit gutem Beispiel voran. Beim Sortieren von Obst- und Gemüseresten wissen sie sich eins mit dem Ökosystem, ihre ausgelatschten Turnschuhe spenden sie an Bedürftige, und defekte Fernseher befördern sie an den Straßenrand statt auf den Sondermüll.

Seit einigen Jahren aber wird selbst hierzulande mit wachsendem Schrecken erkannt, dass Omas Maxime, wonach noch der letzte Unrat zu irgendetwas gut sei, ihre unappetitliche Kehrseite hat. Anschaulich wird diese in den Schockfotos, mit denen Spiegel, Stern und Focus seither in regelmäßigen Abständen Einblicke in die Existenz einer bedauernswerten, aber offenbar irgendwie putzigen Personengruppe gewähren, die wie jede Spezies im psychopathologischen Herbarium des Alltagslebens auf einen eigenen Namen hört.
»Messies« nennt der Kulturpsychologe Individuen, die in der Sprache der Klinischen Psychiatrie wahlweise am »Vermüllungssyndrom«, am »Diogenes-Syndrom« oder am »Compulsive Hoarding Syndrom« leiden und die man daran erkennt, dass es in ihrer gesamten Wohnung aussieht wie auf Friederike Mayröckers Schreibtisch. Wie kaum ein anderes Phänomen der Gegenwart zeigt die Medienresonanz des Messie-Themas, nach welcher Logik der expandierende Markt für psychosoziale »Erkrankungen« funktioniert, zu deren »Heilung« eine Armee von Therapeuten, Psycho-Gurus, Coaching-Experten und Selbsthilfegruppen antritt.
Begonnen hatte alles in den neunziger Jahren mit der Entdeckung und diagnostischen Erschließung des »Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms« (ADS), das bald zum »Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom« (ADHS) erweitert worden ist. Es bezeichnet eine Anzahl ziemlich klar definierbarer unangenehmer Verhaltensweisen, die sich vor allem bei männlichen Kindern und Jugendlichen finden: permanente Ruhelosigkeit, Konzentrationsunfähigkeit, Impulsivität und Aggressivität, oft gepaart mit Lernschwäche und einem Mangel an Empathie.
Wie schon der Fachterminus sagt, werden diese Eigenschaften jedoch nicht etwa als Ausdruck eines spezifischen, wenngleich destruktiven Selbstverhältnisses wahrgenommen, sondern als therapeutisch kurierbares »Defizit«. Gleichzeitig synthetisiert der Begriff »Syndrom« die Symptome zu einem vermeintlich einheitlichen Krankheitsbild und macht aus verschiedenen Handlungen, die ihre (selbst-)zerstörerische Tendenz erst in konkreten Kommunikationszusammenhängen entfalten, ein von diesen abstrahierbares, als »Krankheit« diagnostizierbares Phänomen.
Anders als eine selbst schon wieder modische Medizinkritik nahelegt, werden die solcherart eingeordneten Individuen aber längst nicht mehr einfach »psychiatrisiert« und aus der Gesellschaft der funktionstüchtigen Normmenschen ausgeschlossen, sondern zu Angehörigen einer besonderen »Kultur« erklärt, die ebenso behutsam an die Gewohnheiten der Mehrheitsgesellschaft heranzuführen seien wie umgekehrt diese an sie. Mediziner und Psychologen agieren in diesem Zusammenhang nicht mehr als unantastbare Autoritäten im Namen einer repressiven Norm, sondern eher als Kulturarbeiter und pädagogisch geschulte Einzelfallhelfer. Ihre Aufgabe besteht weniger in Ausgrenzung und Normierung als in einer psychotherapeutisch gestützten Form von Kommunikationsmanagement.

Welche Auswirkung dies auf das Bild und Selbstbild der betroffenen »Zielgruppen« hat, wird an den Messies besonders deutlich. Schon die zärtliche Bezeichnung, die sich für sie eingebürgert hat, bezeugt, dass sie von den besser sortierten Durchschnittsbürgern wie niedliche, aber bemitleidenswerte Haustiere angesehen werden, denen man beizubringen sucht, ins Klo statt ins Kinderzimmer zu pinkeln, wobei ihre Halsstarrigkeit mit einer gewissen Rührung zur Kenntnis genommen wird.
Gerade ihr »Defizit« ist es nämlich, das die Messies in den Augen ihrer psychologisch versierten Fans so ungemein sympathisch macht. Scheint doch ihre Unfähigkeit, das Unbrauchbare vom Brauchbaren zu trennen, Ausdruck eines putzigen Anachronismus zu sein, während die Versiertheit, mit der viele von ihnen sich in ihren selbsterzeugten Müllbergen zurechtfinden, beim außenstehenden Betrachter Sehnsuchtsbilder eines glücklich verplanten Boheme-Daseins evoziert.
Nicht zufällig wird in fast allen Medienberichten zum Thema betont, dass viele Messies Akademiker seien. Der zerstreute Professor, der nonkonformistische Künstler, der versponnene Tagträumer und der nostalgische Sammler – irgendwie verschmelzen all diese Klischees im Bild des Messies, das zugleich deren trauriges Schicksal in der Gegenwart indiziert. Denn das utopische Potential, das in den Figuren des Professors, des Bohemiens, des Traumtänzers und des Sammlers noch enthalten ist, wird in der Figur des Messies mit einer Mischung aus Mitleid und Häme als überholt vorgeführt.
Ist der zerstreute Professor gerade wegen seiner notorischen Unordentlichkeit meist ein großer Denker, kommt der Messie nie zum Denken, weil er überhaupt nicht zwischen Manuskript- und Abfallbergen zu unterscheiden weiß. Frönt der Bohemien dem Müßiggang, ist der Messie ein stressgeplagter Neurotiker, dessen Nachlässigkeit ihn nicht glücklicher macht, sondern ihn als Tic verfolgt. Ist der Traumtänzer gerade dank seiner Sorglosigkeit vom Glück gesegnet wie ein Märchenheld, gelingt dem Messie nicht einmal das Nötigste. Und während der Sammler in einer geschichtsvergessenen Welt als skurriler Außenseiter das historische Gedächtnis hütet, geraten dessen Bestandteile dem Messie zum muffelnden Unrat einer chaotischen Gegenwart.

Der Messie demonstriert, dass Professor, Bohemien, Traumtänzer und Sammler ihren Nimbus unwiederbringlich verloren haben und zu einer einzigen Gestalt verschmolzen sind: zum Verwahrlosten, der keine Zukunft hat, solange er auf sich allein gestellt bleibt. Daraus leiten diejenigen, die den Messies helfen und die Mehrheitsgesellschaft für ihr merkwürdiges Sozialverhalten sensibel machen wollen, ihre moralische Legitimation ab.
Dass eine der häufigsten Bezeichnungen für die »Krankheit« der Messies »Diogenes-Symptom« lautet, ist in diesem Zusammenhang besonders aussagekräftig. Leitet sich der Terminus doch aus Verhaltensweisen her, die Diogenes von Sinope, Mitbegründer der Lehre der Kyniker, als Fundament einer vorbildlichen philosophischen Lebensführung begriffen hat: sozialer Rückzug, Bedürfnislosigkeit, »Selbsthelfertum« und bewusste Vernachlässigung der körperlichen Erscheinung als Ausdruck der Geringschätzung alles Äußerlichen.
Mit seinem Lob von Askese, schmuckloser Körperlichkeit und Veganismus sowie mit seiner Verachtung der politischen Öffentlichkeit kann Diogenes als Vordenker weiter Teile des modernen Anarchismus gelten, dessen Protagonisten noch heute in ihren kargen Polit-WGs hausen wie einst der Grieche in seiner Tonne. Handelt es sich bei der mitleidigen Verächtlichmachung der Messies also lediglich um eine psychiatrische Variante der Marginalisierung alternativer Lebensformen? Will man die Messies durch perfide psychologische »Beratung« daran hindern, das subversive Potential ihrer Lebensweise zu erkennen und zu selbstbewussten Vorkämpfern gegen die neoliberale Ideologie der »Eigenverantwortlichkeit« zu werden, mit der ihre Existenz ja tatsächlich weitgehend unvereinbar ist?
So sähe wohl die Argumentation aus, wenn sich poststrukturalistische Anti-Psychiatrie-Fans des Messie-Themas annähmen, was wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit ist. Übersehen wird dabei jedoch die Sympathie, mit der die selbst­erklärten psychologischen Helfer sich den Messies als einer ebenso seltenen wie prekär lebenden Tierart zuwenden. Gerade darin, dass sie niedlich, lieb und schützenswert finden, was sie sich zu kurieren vorgenommen haben, und nicht nur die »Kranken« an die Normalität gewöhnen, sondern zugleich bei den Vertretern der Norm um Verständnis für die »Kranken« werben wollen, sind die Messie-Therapeuten beispielhaft für aktuelle Formen psychologischen Coachings. Diesen geht es entgegen fortbestehenden Vorurteilen über die repressive Kraft der »Psychiatrisierung« fast nie mehr einfach nur um adjustment, um verordnete Anpassung an eine als unproblematisch vorausgesetzte Normalität. Im Gegenteil wird die Welt der Messies nicht nur von Experten, sondern vom interessierten Massenpublikum wie das Terrarium einer fremden Lebensform erkundet, bei deren Studium man immer auch etwas über sich selbst lernen kann.
Diese therapeutische Lernbegierde, mit der die Vertreter der Norm sich erfahrungssüchtig auf jenes »Andere« stürzen, das sie psychologisch integrieren wollen, ist vielleicht das eigentlich Neue an allen postmodernen Therapieformen. Die Normabweichung wird nicht mehr als Störung, sondern als potentielle Bereicherung wahrgenommen, die dem System, das sie schluckt, neue Facetten abzugewinnen vermag. An ADHS wird das überdeutlich, sind doch Konzentrationsunfähigkeit, Hyperaktivismus, hibbelige Aggressivität und Mangel an Empathie längst unentbehrliche Schlüsselqualifikationen in allen Kulturberufen. Und wie »Kulturarbeiter« nichts als ADHS-Krüppel sind, die gelernt haben, ihren Mangel kapitalkonform auszubeuten, werden wir vielleicht in naher Zukunft von den Messies lernen müssen, wie es sich anfühlt, zu hausen statt zu wohnen. Wo Leben und Vegetieren tendenziell identisch werden, sind diejenigen im Vorteil, die den Unterschied schon jetzt nicht mehr kennen.