Allein, zu zweit oder mit vielen Menschen wohnen?

Mit sich selbst alleine fertig werden

Es gibt keinen Grund für die Wohngemeinschaft, nicht einmal den, kein Schrat sein zu wollen.

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Das Problem mit mir, sagte eine alte Bekannte, rühre daher, dass ich noch nie in einer Wohngemeinschaft gelebt habe. Höflich genug war sie, nicht auszuführen, welches Problem genau sie meint, und ich habe vorsichtshalber nicht nachgefragt. Dass es politischer Natur sein könnte, habe ich, offen gestanden, gar nicht erst erwogen.
Zwar hatte ich, als sie das sagte, Christopher Caudwells »Studien zu einer sterbenden Kultur« längst gelesen und wusste also, dass der kleinbürgerliche Individualismus zum Tode verurteilt ist. Die Aussicht hat mich aber weniger erschreckt als die, von Pol Pot oder seinen westlichen Anhängern zwangsweise proletarisiert und vermasst zu werden. Damals wollten einen ja sogar die Punks zu einem »Holiday in Cambodia« schicken.

Nein, ich habe die Bemerkung dieser Bekannten sehr ernst genommen, aber aus einem ganz unpolitischen Grund: Alleinsein verfeinert das Denken – aber es verroht das Benehmen. Rohes Benehmen ist in Deutschland höchstens ein Kavaliersdelikt. Benimmt sich einer wie ein Waldschrat, halten ihn viele sogar für echt, originell, unangepasst. Das mag er sein, aber ich finde Typen schwer erträglich, die bei Tisch zur Gabel greifen, bevor allen andern serviert worden ist, das Essen dann in sich hineinschlingen, wie sie es allein zu Hause auch tun, wo sie ihr Futter aus dem Topf löffeln, um kein Geschirr zu machen. Kaum in Gesellschaft, reden sie entweder zu viel oder zu wenig. Sie tragen ungeputzte Schuhe, stinken aus dem Mund und betrinken sich rasch, um bald wieder in ihre Höhle zu dürfen.
Einen Stich ins Schratige erkannte ich an mir selbst, und ich fragte mich also, ob menschlicher Umgang mich nicht erziehen könnte. Eine rein theoretische Frage allerdings, denn ich wäre gar nicht mehr dazu in der Lage, mit andern zusammenzuleben, weil ich aus einer Großfamilie stamme. Bekanntlich gibt es zweierlei Spross einer Großfamilie: Der eine will selbst eine gründen, der andere wird klaustrophobisch. Ich gehöre zur zweiten Sorte.
Die Frage ist damit aber noch nicht beantwortet. Erweiterte es nicht die Welt, bei jedem Kochen zu überlegen, für wen man mitkochen könnte? Müsste es einen nicht zivilisieren, auf die Geräusch-, Geschmacks- und Geruchsempfindlichkeit anderer Rücksicht zu nehmen? Sollte es nicht die Dialektik schulen, nicht immerzu mit sich selbst zu reden, sondern auch mit anderen und deren Gegenargumente zu prüfen? Wäre es deshalb nicht gut, in einer WG zu leben? Ich antworte auf alle diese Fragen mit »Ja!«, nur auf die letzte, nach reiflicher Überlegung, mit »Nein!«

Denn niemand lernt in einer WG etwas übers Kochen, es sei denn über die rasche Herstellung von Nährschlamm. Nicht größer wird die Welt, sondern kleiner als zuvor. Die eigene Beschränktheit multipliziert sich mit der Beschränktheit aller Mitbewohner. Und wer auf deren Empfindlichkeit Rücksicht nimmt, muss bald feststellen, dass Rücksichtslosigkeit sich immer durchsetzt. Die Diskussionen in WGs drehen sich nicht um interessante Fragen, sondern darum, ob die Freundin des X, die seit Wochen in seinem Zimmer haust, sich an der Miete beteiligen muss, da sie auch die Dusche benutzt hat, bevor deren Abfluss sich verstopfte, wofür sich bislang niemand verantwortlich fühlt. Die WG ist ein Hort der Kleinlichkeit, den lange zu ertragen einer ganz schön wurstig sein muss.
Und wenn es etwas gibt, das noch schlimmer als eine Zweck-WG ist, dann die politische WG, vormals Kommune. Um das zu begreifen, genügt es, Kleinanzeigen in linken Zeitungen zu lesen. »Keine rechten Spinner!« Okay, bin ich nicht, könnte ein Naiver denken, aber jeder, der die Szene ein wenig kennt, weiß, dass mit einem solchen Ausschluss scharfe Gesinnungsprüfungen verbunden sind. Selbstverständlich ist es verboten, »Sein und Zeit« von Martin Heidegger zu lesen, obwohl niemand sagen könnte, warum, da es ja niemand gelesen hat. Aber es ist auch verboten, Jacques Derrida zu lesen, weil der Heidegger gelesen hat. Schließlich ist es verboten, einen zu lesen, der einen gelesen hat, der Derrida gelesen hat. Ich könnte in eine solche WG nur einziehen, wenn ich mich selbst nicht gelesen hätte.
Jeder sollte sich redlich bemühen, seine muffig-kleinbürgerlich-egoistisch-neurotisch-borniert-asozial-isolationistischen Nerd-Allüren abzulegen, aber manche schaffen das alleine besser als in einem Bienenstock lustiger Linker.