Die letzten zwei Vorlesungen Michel Foucaults sind auf Deutsch erschienen

Sorge dich und lebe

Gegen Ende seines Lebens wandte sich Foucault den griechischen Klassikern zu. Seine letzten beiden Vorlesungen am Pariser Collège de France sind jetzt auf Deutsch erschienen.

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Wenn ich Politik betrieben hätte, wäre ich schon lange tot, hat Sokrates auf den Vorwurf, dass er keine Politik betrieben habe, geantwortet. Dass einer, der sein Todesurteil so gelassen hinnahm, dass er bis zum letzten Atemzug vor dem Schierlingsbecher, in dem ihm der tödliche Trunk gereicht wurde, ruhig mit seinen Freunden philosophische Fragen erörterte, sich von der Politik fernhielt, ist zumindest merkwürdig.
Angst vor dem Sterben kann jedenfalls nicht der Grund für seine Zurückhaltung gewesen sein. Was war es aber dann? Nach Michel Foucault war die Politik in Athen nicht der Ort, an dem Sokrates seinem Auftrag nachgehen konnte. Der Auftrag, den Sokrates von den Götter erhalten hatte, war es, in steter Sorge um sich selbst das wahre Leben zu finden und zu leben. Die Sorge um sich selbst wird bei Sokrates zur Sorge um das Sprechen der Wahrheit. Nur wer die Wahrheit spricht, die auszusprechen immer unangenehm ist, lebt in der Sorge um die Welt und die der anderen und ist auf dem Weg der Verwirklichung des wahren Lebens. Das wahre Leben ist für Sokrates eines in Armut. Sokrates wird im Prozess gegen sich nur einen Zeugen für sich aufrufen: seine Armut.
Daraus kann man schließen, dass es in der Politik Athens nicht mehr um die Wahrheit ging und damit auch nicht mehr um das wahre Leben. Die Politik war verkommen, und Sokrates war es mit seiner Mission so ernst, dass er den Tod dem Verrat an seinem Auftrag vorzog.
Der Ort, an dem Sokrates seinem Auftrag nachging, der wesentlich darin bestand, bei jedem Menschen nachzufragen, ob er auch richtig Sorge für sich trägt, war der Marktplatz von Athen. Dort sprach er jeden und jede unterschiedslos an, was bereits eine entscheidende Abweichung zur politischen Versammlung darstellte, in der nur Männer Rederecht besaßen. Die Pflicht und das Recht, die Wahrheit zu sagen, war aber genau in den politischen Versammlungen des vorsokratischen Athen entstanden und auch ausgeübt worden. Wie also kam es dazu, dass der Ort des Wahrsprechens nicht länger die politische Versammlung war, sondern der Marktplatz von Athen?
Das ist eine der Fragen, die Michel Foucault in seinen letzten beiden Vorlesungen am College de France in Paris in den akademischen Jahren 1982/83 und 1983/1984 untersucht. Die Vorlesungen liegen jetzt in deutscher Übersetzung vor. Bereits die Titel der Vorlesungen, »Die Regierung des Selbst und der anderen« sowie »Der Mut zur Wahrheit«, beschreiben das Programm. Seine dichte und gut verständliche Erläuterung antiker philosophischer Texte muss zugleich auch vor dem Hintergrund der Biographie Foucaults verstanden werden. Der Philosoph, der am 25. Juni 1984 an den Folgen von Aids verstirbt, war zu Beginn des Jahres 1984 bereits schwer erkrankt. Seine letzte Vorlesung über den Mut zur Wahrheit beginnt er deshalb verspätet. Stark geschwächt, findet er jedoch immer noch Zeit, neben seiner Textarbeit eine Abordnung von Arbeitern aus Mali und dem ­Senegal zu empfangen. Die Menschen waren von der Polizei aus ihren Wohnungen vertrieben worden, und Foucault hatte sich für sie eingesetzt und Briefe an die Verantwortlichen verfasst.
Das ist mehr als ein kleines autobiografisches Detail, es ist die Vergegenwärtigung des Anliegens von Foucault in der Auseinandersetzung mit den griechischen Texten. Foucault zentriert seine Analysen um den griechischen Begriff der parrhesia. Der Begriff bezeichnet im Griechischen die freimütige Rede, das freie Heraussprechen der Wahrheit gegenüber einem anderen, mit dem Risiko, den anderen zu verletzen und dadurch sich selbst zu gefährden. Die parrhesia bezieht sich also immer auf eine bestimmte Situation und ist riskant.
Die Funktion der parrhesia hat also nichts mit einer allgemeinen Wahrheit zu tun, die aus irgendwelchen Tiefen hervorgeholt wird, sondern sie hat die Funktion von Kritik: Kritik am Gesprächspartner oder am Sprecher selbst. Parrhesia ist Kritik am anderen oder Selbstkritik. Wichtig ist, dass der parrhesiastes, der, der die riskante Wahrheit spricht, weniger mächtig ist als der- oder diejenige, mit dem oder mit der er spricht. Die parrhesia kommt von »unten« und ist nach »oben« gerichtet. Deshalb wird die Kritik des Vaters oder des Lehrers gegenüber dem Kind auch nicht parrhesia genannt. Wenn Foucault also das riskante Wahrsprechen untersucht, schreibt er nichts weniger als eine Genealogie der kritischen Rede in der Antike. Er verfolgt die Verwendung des Begriffes parrhesia über drei Epochen. Vereinfacht gesagt, handelt es sich um die vorsokratische Periode der funktionierenden griechischen Demokratie, die sokratisch-platonische Zeit der Krise der Demokratie und die Epoche des Kynismus.
Zunächst ist die parrhesia ein Verfahren der Politik in der Demokratie. Die Reden des Perikles an die Athener sind ihr Musterbeispiel: Ein mutiger Bürger ergreift das Wort, um unangenehme Wahrheiten in der Bürgerversammlung auszusprechen. Das freie Sprechen vor den anderen birgt dabei immer die Gefahr, dass der Redner seine Rede nicht mehr an der Wahrheit oder dem wahren Leben orientiert, sondern einfach drauflosredet. Ein Recht, das die Griechen von Anfang an akzeptieren. Schwierig wird es nur, wenn der Redner nur noch darauf aus ist, den Leuten nach dem Mund zu reden, und die demokratische Rede zur populistischen Demagogie verkommt.
Das ist zur Zeit des Sokrates und seines Schülers Platon der Fall. Im ersten Band der Vorlesungen Foucaults wird denn auch anhand der Lektüren von Platons Texten »Apologie«, »Phaidros« und »Gorgias« die Abkehr Platons von der Demokratie nachvollzogen.
Mit Sokrates und Platon wird die Philosophie zur Lebensform. Der Philosoph verbürgt mit seinem Leben, mit seiner Sorge um sich das wahre Leben. Während sich aber Sokrates weiterhin in die Politik einmischt, seine Kritik auf dem Marktplatz unter die Leute bringt, wird sie bei Platon zur Politikberatung. Wenn die Demokratie so verkommen ist, dass dort nur noch Schwätzer und Demagogen agieren, müssen die Philosophen einen anderen Zugang zur Macht suchen als den öffentlichen. Platon setzt dabei auf den verständigen Herrscher, sei es ein König oder ein Tyrann. An den Herrscher entsendet er seine Schüler, um ihm den richtigen Gebrauch der Macht beizubringen. Platons Demokratiekritik ist selten so klar und nachvollziehbar beschrieben worden wie bei Foucault. Der Witz dabei ist, dass Sokrates’ Lehre sich wie eine Anleitung zur free-speech-Bewegung liest. Foucault deutet Sokrates nicht wie Nietzsche als den ersten dekadenten Verächter des Lebens, sondern als denjenigen, bei dem die Sorge um sich zur Sorge um die anderen wird. Sokrates wird zum ersten permanenten Kritiker: Wahrheit kann es immer nur in der Form eines anderen Lebens geben, nicht im gängigen.
Zur Bewegung wird die permanente Kritik bei den Kynikern. Ihre Rede ist rauh und unfreundlich, ihre Kleidung ärmlich bis schmutzig, ihre Verwünschungen sind heftig. Für Foucault werden sie in ihrer Grobschlächtigkeit zum sichtbaren Ausdruck der Prüfung der Existenz durch die Wahrheit. Das wahre Leben zeigt sich im Bruch mit der Konvention. Man muss den Bogen, den Foucault von den Kynikern zu den Revolutionären des 19. Jahrhunderts schlägt, nicht plausibel finden. Man kann aus seiner Lektüre der Klassiker aber sehr viel lernen über das Verhältnis von Herrschaft, Wahrheit, Widerstand und Subjekt in konkreten Situationen. So genau und konkret ist die Frage nach dem Verhältnis von Subjekt und Wahrheit selten gestellt worden.

Michel Foucault: Die Regierung des Selbst und der anderen. Vorlesung am Collège de France 1982/83. Aus dem Französischen von Jürgen Schröder. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2009. 506 S., 45 Euro

Michel Foucault: Der Mut zur Wahrheit: Die Regierung des Selbst und der anderen II. Vorlesung am Collège de France 1984. Aus dem Französischen von Jürgen Schröder. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2010. 500 S., 39,80 Euro