Der Kampf der Titanen und das Kino in 3D

Wackelnde Pappsäulen, dreidimensional

3D ist nicht mehr aufzuhalten, auch nicht von einem so mittelmäßigen Spektakelfilm wie »Kampf der Titanen«.

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In Hollywood herrscht Goldgräberstimmung. Seit dem sagenhaften Erfolg von »Avatar« scheint wieder alles möglich. 3D lautet die Formel, die eine teure Filmproduktion nicht länger als Risiko­unternehmung erscheinen lässt, sondern den Kinohit garantiert. Zumindest eine Weile lang. Zumindest so lange, wie das Kinopublikum glaubt, dank 3D nicht nur einen Film zu sehen, sondern eine neue visuelle Erfahrung machen zu können. 3D macht aus dem schlichten Kinobesuch wieder ein Event, und das scheint die Erlösung für eine gebeutelte Branche zu sein, der die DVD-Verkäufe eingebrochen sind und die sich mit kostenlosen Tauschbörsen herumschlagen muss. So wie die Musikindustrie das Livekonzert als einmaliges Ereignis vermarktet, das es nicht für lau aus dem Internet gibt, macht Hollywood mit Hilfe von 3D das Konsumieren eines Films wieder zu einem Happening, das es so nur im Kino gibt.
»Avatar« ist jetzt schon dieser Meilenstein der Filmgeschichte, der nur mit »Panzerkreuzer Potemkin«, mit »Easy Rider« oder mit »Star Wars« verglichen werden kann, mit Filmen, die jeder auf seine Weise das Kino und seine Wahrnehmung für immer verändert haben. Seit »Avatar« hat so gut wie jedes Multiplexkino in Deutschland einen 3D-Saal, und seit »Avatar« hat man sich daran gewöhnt, dass es im Kinosaal aussehen kann wie auf einer Blues-­Brothers-Motto­party, nur dass die Brillen aus Pappe sind. Die ganz Doofen werden bereits in manchen Kinos auf Infotafeln darum gebeten, sich für den Sommer doch bitte trotzdem eine Sonnenbrille zu kaufen und bloß nicht mit der 3D-Brille direkt in die Sonne zu blicken.
Die vorderen Plätze der deutschen Kinocharts: 3D-Produktionen. »Drachenzähmen leicht gemacht«, ein Animationsfilm, ist Spitzenreiter, Tim Burtons »Alice im Wunderland« gleich dahinter, »Avatar«, schon jetzt wohl erfolgreichster Film aller Zeiten, ist immer noch in den Top Ten. Und es geht immer weiter mit den immer noch spektakuläreren 3D-Filmen, die da demnächst kommen sollen. Selbst die ehrwürdigen Filmfestspiele in Cannes werden in diesem Jahr mit Ridley Scotts Neuverfilmung von »Robin Hood«, mit Russel Crowe in der Hauptrolle, eröffnet. Auch dieser Film wurde in 3D produziert.
Dass 3D bloß ein kurzer Hype sein könnte, daran glaubt längst niemand mehr. Dafür ist diese Technik auch einfach zu überzeugend. Wie in »Avatar« die Leinwand entgrenzt wird und man beinahe physisch mit eintaucht in die Welt, die einem dort gezeigt wird, das ist das, was man sich von Kino eigentlich schon immer versprochen hatte. Was europäisches Arthouse-Kino und amerikanische Independentfilme der 3D-Welle entgegensetzen können, das steht noch in den Sternen. 3D ist vorerst ausschließlich das totale Hollywood-Programm. Mega-Blockbuster, teure Produktionen, Stars als Dreingabe, Hauptsache 3D, darauf läuft es derzeit hinaus.
»Kampf der Titanen«, der diese Woche bei uns in die Kinos kommt, wird demnach bereits als nächster »Avatar« beworben, und das weniger, weil beide Filme den selben Hauptdarsteller haben, sondern weil er großes Spektakelkino in 3D verspricht. Und: Die Schlacht aller Schlachten, den Kampf der Götter gegen die Menschen, drunter läuft derzeit kaum was in Hollywood.
Doch »Kampf der Titanen« wird im Gegensatz zu »Avatar« schnell wieder vergessen sein. Der Film wurde in 2D gedreht und erst nachträglich, aufgrund des Erfolgs von »Avatar«, in 3D umgerechnet. Diese Technik scheint die Möglichkeiten, die 3D bietet, einfach nicht nutzen zu können. Die Leinwand bleibt flach, da kann man noch so sehr an seiner Brille herumnesteln. Dabei hat der Film alles, was den ultimativen 3D-Film ausmachen könnte: Kampfszenen ohne Ende, Riesenmonster, Fantasywelten wie den der griechischen Mythologie entliehenen Hades und sein Gegenstück, die Welt der Götter, den Olymp.
Doch die ganzen Computeranimationen überzeugen nicht richtig, und die Ausflüge ins Campige, etwa die weichgezeichneten Bilder aus dem Olymp, wo Liam Neeson seinen angeklebten Zeusbart trägt, sind eher lachhaft.
»Kampf der Titanen« wirkt wie eine Mischung aus »Herr der Ringe«, »Matrix« und einem Querschnitt verschiedenster Sandalenfilme. Oder einfach nur wie die nacherzählte Handlung irgendeines Computerspiels: Held muss auf verschiedenen Levels sich der Gefahren erwehren, um die vom Monster bedrohte Frau zu retten. Man hätte von diesem Film eigentlich erwartet, dass der abgeschlagene Kopf der Medusa nach allen Regeln der 3D-Kunst direkt von der Leinwand herab in den Zuschauerraum purzelt. Man hatte gehofft, auch mal ein Gott sein zu können, stattdessen bleibt man ununterbrochen Mensch. Und trägt diese lächerliche Brille.

»Kampf der Titanen«. Regisseur: Louis Leterrier. Mit: Sam Worthington, Liam Neeson, Ralph Fiennes. USA 2010. Start: 8. April