Die »Generation von 67« in Israel

Die Beatles kamen nicht bis Jerusalem

Die Protestwelle von 1968 ging an Israel vorbei. Es sind keine Studenten- oder Jugendproteste bekannt, die Reformen oder einen Wechsel einforderten. Mehr als jedes andere Ereignis stellt der Sechs-Tage-Krieg von 1967 die prägende Erfahrung der israelischen Generation dar, die in den Jahren zwischen 1938 und 1948 geboren wurde, also jene Jahrgänge, die in anderen Ländern als typische 68er gelten. Diese Generation wird in Israel hauptsächlich mit dem Krieg in Verbindung gebracht, weshalb man sie als die »Generation von 67« zu bezeichnen pflegt.

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Vor dem Konflikt von 1967 hatten viele Israelis befürchtet, dass eine neue gewaltsame Konfrontation mit den arabischen Armeen katastrophale Konsequenzen haben könnte. Der unerwartete militä­rische Sieg löste nun eine nationalistische Euphorie aus, begleitet von einem wirtschaft­lichen Aufschwung, der auf eine schwere Rezession folgte. Israelis aller Altersgruppen entwickelten ein übertriebenes nationales Selbstbewusstsein, vergötterten ihre Generäle und begegneten den geschlagenen Arabern mit Verachtung.
Obwohl 1968 keinen dramatischen Wandel in der öffentlichen Meinung markiert, bezeichnet es doch den Beginn einer ganzen Reihe grundlegender Veränderungen in der israelischen Gesellschaft, ihrer Kultur und Politik, bei denen die 67er-Generation federführend mitwirkte. Sie modernisierten die israelische Gesellschaft und verwandelten sie während der siebziger und achtziger Jahre in einen integralen Teil des Westens.
Die neue zionistische Gesellschaft
Seit seiner Gründung 1948 war Israel eine multikulturelle Einwanderungsgesellschaft mit einer jüdischen Mehrheit und einer starken arabischen Minderheit von etwa 20 Prozent. Die Identität dieser heterogenen jüdischen Gesellschaft verfestigte sich in den ersten Jahrzehnten. Während der vorstaatlichen Siedlungszeit Israels, der »Yishuv-Periode« von 1880 bis 1948, sowie in der Zeit nach der Staatsgründung – et­wa bis in die sechziger Jahre – bestand die überwältigende Mehrheit der israelischen Elite aus zionistischen Einwanderern aus Osteuropa. Viele von ihnen integrierten ihre nationalen Überzeugungen in eine sozialistische Vision. Die sozialistischen Parteien, welche die zionistische Politik über Jahrzehnte bis 1977 dominierten, bildeten das Rückgrat der israelischen Regierungskoalitionen und betrieben eine zentralisierte und stark regulierte Wirtschaftspolitik. Das Land verfügte über keine Fernsehstation und über nur einen regierungseigenen Radiosender. Erst 1960 eröffnete eine zweite Radiostation, die auch ausländische Unterhaltungsmusik sendete. Vorher konnte diese Musik nur über Radio Ramallah in Jordanien empfangen werden. Reisen ins Ausland waren eher die Ausnahme. Die kulturelle Isolation trug dazu bei, dass sich israelischer Pop und Rock, wie auch andere west­liche Ideen und Moden, vergleichsweise spät etablierten. Bis in die späten Sechziger war die Unterhaltungsmusik stark von osteuropäischer Musik, französischen Chansons und den Hirtenliedern der Beduinen beeinflusst. Auch erfreuten sich die Unterhaltungsprogramme des Militärs in der israelischen Musikszene und den Hitparaden einer enormen Beliebtheit.
Auf der internationalen Bühne des Ost-West-Konflikts wurde Israel in den frühen Fünfzigern Teil der westlichen Hemisphäre. Zudem versuchte es in den späten Fünfzigern und frühen Sechzigern, sich mit den gerade befreiten afrikanischen Staaten zu verbünden, während es zugleich eine enge militärische Bindung an Frankreich entwickelte, das wiederum darum kämpfte, Algerien zu behalten.
Die jüdische Gemeinschaft hatte einen starken missionarischen Eifer: Ihr Ziel war es, die neue zionistische Gesellschaft aufzubauen und zu schützen, größere Einwanderungswellen von Holocaust-Überlebenden und Juden aus den arabischen Ländern aufzunehmen und allen Widrigkeiten zum Trotz eine prosperierende Wirtschaft zu etablieren. Zu existentiellen Ängsten führten dabei der anhaltende Konflikt mit der arabischen Welt und die wirtschaftlichen Pro­bleme. Daraus resultierte eine starke Identifikation der Gesellschaft mit dem zionistischen Kollektivismus, so dass man es als notwendig ansah, die Jugend entsprechend zu sozialisieren.
Wie andere europäische nationalistische und sozialistische Bewegungen strebte auch der ­Zionismus die Schaffung eines neuen Typs des jüdischen Menschen im Land Israel an, der Antithese und Negation des legendären »Diaspora-Juden« sein sollte. »Neue Juden«, sogenannte Zabars, benannt nach einem einheimischen Kaktus, dem Opuntia Ficus-Indica, um ihren autochthonen Charakter und ihre Zähigkeit zu betonen, sollten freie, gesunde und von den verheerenden Wirkungen des europäischen Antisemitismus verschonte hebräischsprachige Juden sein.

Erwartungen an die junge Generation
Die israelischen Eliten hatten hohe Erwartungen an die junge, in Israel geborene Generation, erachtete man sie doch als unentbehrlich für das nackte Überleben der jüdischen Gesellschaft und des Staates. Nach ihren Vorstellungen hatte die junge Generation eine sehr klare Berufung in der zionistischen Revolution. Die jüdische Gesellschaft verfügte über starke Institutionen zur Kontrolle der Jugend, um den gesellschaftlichen Fortschritt sicherzustellen. Die staatlichen Bildungseinrichtungen wurden durch ein nichtstaatliches System von Jugendorganisationen ergänzt, die ideologisch mit den verschiedenen zionistischen Parteien verbunden waren. Gemeinsame Maxime all dieser Einrichtungen war, dass die Jugend fest auf Staat und Nation verpflichtet werden sollte, selbst wenn dies zulasten ihrer individuellen Entwicklung und ihres persönlichen Wohlergehens gehen sollte.
Im gleichen Atemzug unternahm die israe­lische Regierung jeden Versuch, durch Zensur und Kontrolle der Medien und Kultur die Jugend davor zu schützen, sich »schädlichen« ausländischen Einflüssen auszusetzen, die sie von ihrer nationalen Berufung hätten abhalten können. Israels Gründungsvater David Ben-Gurion lehnte die Einführung des Fernsehens ab, da er fürchtete, es könne den jungen Leuten schaden, ihre guten Lesegewohnheiten beeinträchtigen und die Ausbildung der nationalen Identität unterminieren. 1965 verhinderte eine Regierungskommission, die für die Bereitstellung der zur Einladung ausländischer Künstler notwendigen Devisen zuständig war, einen Besuch der Beatles in Israel, die sich in den israelischen Hitparaden längst großer Beliebtheit erfreuten. Die Kommission erklärte, die Band entspräche nicht den kulturellen und künstlerischen Standards des Landes!
Die sogenannte 1948er Generation (Dor Tashach), eine erste Zabars-Generation, bestehend aus jenen, die 1948 im Unabhängigkeitskrieg gekämpft hatten, scheint die zionistischen Erwartungen besser erfüllt zu haben als die nachfolgenden Generationen. Die Angehörigen der zweiten Generation, die während der ersten Dekade in dem jungen Staat sozialisiert wurde, erschienen zionistischen Beobachtern weniger engagiert bei der Erfüllung ihrer nationalen Aufgabe. Der berühmte Autor Izhar Smilanski (1916 –2006), der in der führenden sozialis­tischen Mapai Parlamentsmitglied war, beklagte 1960 das individualistische, mittelmäßige, kleinbürgerliche Streben der städtischen Jugend seiner Generation. Unter Verweis auf den jüdischen Autors Arthur Koestler nannte er sie die »Espresso-Generation« und behauptete, dass sie ihre Zeit im Café zu verschwenden würde, anstatt sich für die nationale Aufgabe zu engagieren, wie es seine 48er-Generation getan hatte. Ironischerweise war dies der erste Versuch, die den 68ern entsprechende Generation Israels zu definieren. Nach dem Sieg im Sechs-Tage-Krieg von 1967 wurde diese Generation als »Generation von 1967« gewürdigt, wie auch die »48er-Generation« nach ihrem heroischen Sieg im arabisch-israelischen Krieg von 1948 benannt worden war.

Politischer Wandel und Reform
Unter Führung von Premierminister Levi Eshkol, der 1963 den alten Patriarchen David Ben Gurion abgelöst hatte, setzte allmählich ein Prozess der Reformen und des Wandels ein. Von großer Bedeutung war es, dass die Eshkol-Regierung das militärische Regime aufhob, welches das Leben des Großteils der israelisch-palästinensischen Bevölkerung seit 1948 kontrolliert hatte. 1968 führe die Regierung ein regierungseigenes Fernsehen ein, das in Schwarz-Weiß sendete und anfangs meist pädagogische Sendungen ausstrahlte.
Während der israelischen Gründerjahre kritisierten nonkonformistische Linke den dominanten Staatsapparat. Seit 1948 repräsentierten die jüdischen Mitglieder der Israelischen Kommunistischen Partei Maki eine dieser Stimmen. In der palästinensischen Frage verfochten sie eine binationale Lösung, die von der jüdischen Mehrheit vehement abgelehnt wurde.
Eine andere prominente Stimme war Uri Avneri, ein Mitglied der 48er-Generation. Der in 1923 als Helmut Ostermann in Hannover geborene Avneri begründete als junger Veteran des 48er-Krieges eine nicht-marxistische Opposition gegen das Establishment. In seinem streitbaren Wochenmagazin Ha’Olam Haze (Diese Welt) verband er Enthüllungen politischer Skandale mit Gossip und Erotik. 1965 gründete er eine politische Bewegung, indem er eine Partei aufbaute, die den Namen Ha’olam Ha’ze – Koach-Chadash (Diese Welt – Neue Macht) trug, und wurde in die Knesseth gewählt. Die Partei wurde zu einem Sammelpunkt junger Radikaler der 67er-Generation Die israelische sozialistische Organisation Mazpen (Kompass), besser bekannt nach ihrer gleichnamigen Zeitung, war eine winzige Splittergruppe. Sie spaltete sich 1962 von der Israelischen Kommunistischen Partei ab, aus Protest gegen die mangelnde Diskussionsbereitschaft innerhalb der Partei sowie deren ideolo­gischen Kollektivismus. Diese marxistische Organisation blieb stets randständig, stieß aber nach 1967 auf größere öffentliche Resonanz. Ihre Mitglieder wurden – und werden wahrscheinlich immer noch – von der Mehrheit der Israelis als Verräter angesehen. Dennoch leisteten sie einen einzigartigen Beitrag zum politischen Diskurs Israels. Der 2002 verstorbene israelische Politologe Ehud Sprinzak nahm für die Gruppe Matzpen in Anspruch, sie habe als erste das is­raelische – und wahrscheinlich jüdische – Tabu gebrochen, Israels »schmutzige Wäsche« (die wirtschaftliche, rechtliche und nationale Diskriminierung der israelischen Palästinenser und den Raub von zurückgelassenem palästinensischen Eigentum) vor der westlichen Öffentlichkeit inklusive Deutschlands ausgebreitet zu haben. Am 8. Juni 1967, inmitten des Sechs-Tage-Krieges, veröffentlichte Matzpen in der Londoner Times ein Manifest gemeinsam mit Mitgliedern der Democratic Front fort the Liberation of Palestine, weshalb die Gruppe  – bis heute – von den meisten Israelis als terroristische Organisation angesehen wird, die die Zerstörung Israels anstrebt. Das strikt anti-zionistische Manifest forderte die Gründung eines binationalen Staates anstelle des zionistischen Israel. Es betonte jedoch das Recht der Juden, in diesem Staat zu leben, und widersprach zugleich dem arabischen wie auch dem jüdischen Nationalismus.
Wie in vergleichbaren Gruppierungen in den westlichen Ländern wurden auch innerhalb der einzelnen Splittergruppen der israelischen Protestbewegung Gewalt und Terror durch die palästinensischen Befreiungsbewegungen als ­legitimes Mittel zur Erreichung ihrer Ziele geduldet. Eine kleine Gruppe jüdischer Radikaler der 67er-Generation, die zu Chazit Aduma (Rote Front), einer Abspaltung von Matzpen, gehörte, träumte davon, am bewaffneten Kampf der Palästinenser für einen sozialistischen binationalen Staat in Palästina teilzunehmen. Zwei Mitglieder der Gruppe gingen sogar illegal nach Syrien und nahmen dort am militärischen Training teil. Die Mehrheit der jüdischen Gesellschaft nahm dieses ungewöhnliche Phänomen als ernstzunehmenden und alarmierenden Fall von Hochverrat wahr.

Zwischen Protest und Konsens
Die früheste und unerbittlichste Stimme des Protestes der 67er-Generation war die Hanoch Levins (1943–1999), der später zu einem der kreativsten Dramatiker und Dichter Israels werden sollte. Im Alter von 24 Jahren – im August 1968, inmitten der Nachkriegseuphorie – brachte er in Tel Aviv ein antimilitaristisches Kabarett auf die Bühne: »Du, ich und der nächste Krieg«. Scharf und witzig kritisierte das Kabarett in der Tradition Brechts die Todesverehrung und den Militarismus der jüdisch-israelischen Gesellschaft, machte sich über ihre Verherrlichung von Märtyrertum und Heroismus im Dienst der Na­tion lustig und zog ihre aufgeblasenen Generäle ins Lächerliche. Wie viele andere kreative Köpfe dieser Generation, etwa die Dichterin Yona Wallach (1944–1985) oder der Dichter Meir Wieseltier (geb. 1941), schien Levin begierig darauf zu sein, heilige Kühe zu schlachten, und scheute auch nicht davor zurück, in seinen Arbeiten Slang und Schimpfworte zu verwenden, womit er die Israelis schockierte. Sein Kabarett und zwei politische Theaterstücke, die er zwischen 1968 und 1970 schrieb, lösten heftige Debatten aus. Diskutiert wurde dabei weniger über den militaristischen Charakter der Gesellschaft, sondern vor allem über die Berechtigung, an der israelischen Gesellschaft Kritik üben zu dürfen.
Unter dem Einfluss radikaler jüdisch-amerikanischer Studenten gründeten 1971 der 67er-Generation angehörende Mizrachiim, also Juden aus arabischen und muslimischen Ländern, in Jerusalem eine Protestorganisation namens Black Panther. Einige der jüdisch-amerikanischen Studenten waren auch Mitglied bei Matzpen. Dies war der erste radikale Protest seitens der Mizrachi gegen das europäischstämmige ashkenasische Establishment und die Diskriminierung orientalischer jüdischer Einwanderer in Israel. Im Unterschied zu Matzpen schafften es die Panther auf ihren Demonstrationen, Tausende von Unterstützern anzuziehen. Der Protest sensibilisierte die Gesellschaft für die soziale Benachteiligung der Mizrachi-Communities und hatte eine Erhöhung der staatlichen Unterstützungsleistungen zur Folge.
Ungeachtet der Protestbewegungen war der Zionismus innerhalb der Jugend 1968 noch immer Konsens. Obwohl die meisten israelischen Politiker dieser Zeit bereits im Seniorenalter waren, wurde die betagte Führungsriege weder auf dem politischen noch auf anderem Terrain von der Jugend herausgefordert. Die Jüngeren stellten niemals ihre Bindung an den jungen Staat infrage. So war beispielsweise die Verweigerung des Armeedienstes, zu dem Männer für drei Jahre und Frauen etwa zwei Jahre verpflichtet sind, bis zum Libanon-Krieg 1982 eine seltene und unbedeutende Erscheinung.
Die israelische Gesellschaft wurde von sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien regiert. In der frühen Jahren genoss die kollektivistische Kibbutz-Bewegung ein hohes Ansehen. Der Sowjetunion wurde von vielen Juden geschätzt und ihr immenser Beitrag im Kampf gegen Nazi-Deutschland gewürdigt. Zudem unterstützte Moskau am 29. November 1947 die Uno-Resolution zur Gründung des Staates Israel und ermöglichte während des Unabhängigkeitskrieges 1948 Waffenlieferungen der Tschechoslowakei an Israel. Der Kalte Krieg schadete jedoch dem Ansehen des Sozialismus in Israel nachhaltig und spaltete die Kibbutz-Bewegung: 1950 wurde eine israelische Medikamentenlieferung an Südkorea von Anhängern der marxistischen Mapam-Partei als pro-westlich gebrandmarkt, nicht wenige Kibbutz-Gemeinschaften zerstritten sich darüber. Dazu kam die Inhaftierung von Mordechai Oren, Vertreter der Mapam in Prag, während des Slanski-Schauprozesses 1951. Seine Verurteilung als imperialistischer und zionistischer Agent hat die israelische Linke schwer erschüttert.
So war das Ansehen des Sozialismus und des Ostblocks in dem kleinen Land bereits vor den Enthüllungen Nikita Chruschtschows über die stalinistischen Verbrechen 1956 schwer beschädigt. Der kürzlich verstorbene Regiseur Nadav Levitan (1943–2010) hat die Erreignisse dieser Zeit in seinem Film »Stalins Kinder« (1986) verewigt. Die meisten Israelis nahmen den kommunistischen Block während des Kalten Krieges als einen direkten Feind des jungen jüdischen Staates wahr. Die sowjetische Unterstützung der arabischen Welt und der sowjetische Antisemitismus führten zu einer generellen Ablehnung der Neuen Linken in Europa, die Positionen übernommen hatte, die von den meisten Israelis als pro-sowjetisch und anti-israelisch gesehen wurden.
Viele junge Israelis identifizierten sich mit den Vereinigten Staaten, die seit dem französischen Waffenembargo von 1967 die israelischen Streitkräfte ausrüsteten. Sie verstanden den Kampf ihrer Altersgenossen an den amerikanischen Universitäten gegen den Krieg in Vietnam nicht, den sie als integralen Bestandteil des Kampfes der freien Welt gegen die kommunistische Bedrohung betrachteten.
Gegenüber der sozialen Botschaft der 68er-Bewegung zeigten sich junge Israelis ebenso reserviert. Die israelische 67er-Generation war sehr vertraut und sogar direkt bekannt mit sozialistischen und gemeinschaftlichen Modellen und Ideologien (z.B. der Kibbutz-Bewegung). Während viele westliche Protestler von ’68, die von der Lebensweise des Kibbutz angezogen wurden, als Freiwillige nach Israel kamen, waren junge, gebildete, urbane Israelis wesentlich weniger vom gemeinschaftlichen Leben begeistert. Sie wünschten sich, dem Kollektivismus zu entfliehen, besaßen einen starken Drang, sich selbst zu verwirklichen und ihre Gefühle frei ausdrücken zu können.
Bemerkenswert ist zudem, dass der Feminismus 1968 in Israel kaum eine zentrale Rolle spielte. Die hier beschriebenen radikalen Gruppen bestanden zumeist aus jungen Männern, an ihren Protestaktionen nahmen ausgesprochen wenige Frauen teil. Dies mag der Förderung der Gleichberechtigung innerhalb der zionistischen Bewegung geschuldet gewesen sein, die sich beispielsweise in der Regelung zeigt, dass Frauen wie Männer in der Armee zu dienen haben. Auf der andere Seite reflektiert es den traditionellen Aspekt der israelischen Gesellschaft, nach dem selbst heute Familie und Kinder als die zentrale Achse des Lebens gesehen werden und Mutterschaft fast als eine soziale Pflicht der Frau gilt.

Das Erbe der 67er-Generation
Der Generationenkonflikt in Israel erreichte nie dem Westen vergleichbare Ausmaße. Die Jugend pflegte ihre Eltern, unter denen viele Holocaust-Überlebende waren, nicht zu provozieren. Sie nahmen sie eher als schwach denn als mächtige und unterdrückende Größe wahr, sie bedurften eher des Schutzes, als dass sie Angriffslust weckten.
Trotz dieser bemerkenswerten Unterschiede zwischen der Entwicklung in Israel und anderen Teilen der Welt brachte die Avantgarde der 67er-Generation pazifistische, bürgerrechtliche und vor allem individualistische Stimmen in den israelischen Diskurs ein, die die bis dahin vorherrschende militaristische, nationalistische und kollektivistische Prägung auszugleichen vermochten. Ihre Anstrengungen trugen dazu bei, die israelische Gesellschaft zu liberalisieren, sie polyphoner, pluralistischer und grundlegend westlicher werden zu lassen.
Allerdings hat die politische Avantgarde der Generation von 1967 lange Zeit wenig Einfluss auf die politischen Prozesse nehmen können. Das Osloer Abkommen 1993 zur gegenseitigen Anerkennung Israels und der PLO wurde von Itzchak Rabin und Shimon Peres, zwei Mitgliedern der 48er-Generation, geschlossen. Erst mit Benjamin Netanyahu (geb. 1949) wurde ein Mitglied der 67er-Generation zum isralischen Ministerpräsidenten, wie auch die späteren israelischen Ministerpräsidenten, Ehud Barak (geb. 1942) und Ehud Olmert (geb. 1945), Mitglieder dieser Generation waren. In der Regierungsverantwortung ist diese Generation ihren Beitrag für die israelische Gesellschaft leider bisher schuldig geblieben.

Der Text ist erstmals unter dem Originaltitel »Israel: 1968 and the ›67 Generation‹« erschienen in »1968. Memories and Legacies of a Global Revolt« im Bulletin of the German Historical Institute, Supplement 6/2009. Washington 2009, S. 111–117. Vorliegende erweiterte Fassung wurde von Volker Weiß aus dem Englischen übertragen. ­Abdruck mit freundlicher Genehmigung des GHI.