Über die Ausstellung »Jüdisches Leben in Argentinien«

Gauchos mit Kippa

Buenos Aires ist nach New York die größte jüdische Metropole außerhalb Israels. Eine Ausstellung widmet sich dem jüdischen Leben in Argentinien.

Anzeige

Am 18. Juli 1994 explodierte vor dem jüdischen Gemeindezentrum Amia (Asociación Mutual Israelita Argentina) im Zentrum von Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires eine Autobombe. 85 Menschen starben, mehr als 300 wurden verletzt. Der Anschlag, für den die Hizbollah und argentinische Rechtsextremisten verantwortlich gemacht werden, zerstörte auch eine der wichtigsten jüdischen Bibliotheken der Diaspora. Diese beherbergte äußerst wertvolle jiddische und he­bräische Handschriften und Bücher, von denen einige 50 Jahre vorher vor der Zerstörung durch die Nazis gerettet worden waren und als letzte Zeugnisse der vernichteten jüdischen Kultur Osteuropas galten. Der Terrorakt zerstörte außerdem das Zentralarchiv der jüdischen Immigration nach Argentinien und Lateinamerika und somit eine der wichtigsten Grundlagen der jüdisch-lateinamerikanischen Geschichtsschreibung.
Insofern hat es eine gewisse Logik, das Medium Buch zum Leitmotiv der noch bis zum 10. Oktober im Jüdischen Museum Berlin gezeigten Ausstellung »Jüdisches Leben in Argentinien« zu machen – auch wenn die Verbindung zur Zerstörung der Bibliothek nicht explizit gezogen wird. Als Beitrag zum 200. Jahrestag der Staatsgründung Argentiniens spiegelt die Schau verschiedene Aspekte der Geschichte jüdischer Einwanderung nach Argentinien wider. Das Buch als Objekt des Schaffens und Erinnerns, als aktive Verpflichtung vor dem Leben, bildet den konzeptionellen Knotenpunkt der von Elio Kapszuk und Ana E. Weinstein kuratierten Ausstellung. Fünf Installationen werden dabei derart zueinander in Beziehung gesetzt, dass sie sich zu einer einzigen verbinden.
Sich auf ein Talmud-Zitat beziehend, stützen und tragen drei bis unter die Decke reichende Büchersäulen das Museum auf symbolische Weise. Die »Tragenden Säulen« verkörpern all jene geistigen Inhalte, die die Lebendigkeit von Erinnerung stärken. Sie repräsentieren das Überleben des Wortes gegen alle Ignoranz und Vernichtungsversuche und sind Ausgangspunkt für andere Bücher, die noch nicht geschrieben wurden. Die Bücher sind die Stützen der Identität und Erinnerung, denn ohne Erinnerung bricht alles zusammen, so die Grundidee dieser In­stallation.
Im Zentrum der Ausstellung steht die Installation »Buchhandlung der Erinnerung«. Sie erzählt anhand von 200 ausgewählten Biografien argentinisch-jüdischer Persönlichkeiten die Geschichte Argentiniens und würdigt gleichzeitig deren Beitrag für die Entwicklung und Iden­tität des Landes.
Eine von ihnen ist Alberto Gerchunoff, der Verfasser von »Los gauchos judíos« (Die jüdischen Gauchos). Die 1910 erschienene Sammlung von Erzählungen ist längst ein Klassiker und gilt als Schlüsselwerk der lateinamerikanisch-jüdischen Literatur. Gerchunoff gehörte zur ersten Generation jüdischer Immigranten. Er kam als kleiner Junge von sechs Jahren mit seiner Familie aus der heutigen Ukraine nach Argentinien. In seinen zahlreichen Romanen und Erzählungen schrieb er über das Leben der Juden in Lateinamerika, ihre Sehnsüchte, Ängste und Erfahrungen. In­spiriert von den Erinnerungen seiner Kindheit und Jugend, verarbeitete er Eindrücke und Schilderungen jüdischer Immigration nach Argentinien in seinem Werk.
Heute ist die jüdische Gemeinde Argentiniens die größte Lateinamerikas und die sechstgrößte der Welt, Buenos Aires ist nach New York die größte jüdische Metropole außerhalb Israels.
Während der spanischen Kolonialherrschaft war es Juden verboten, sich in den Kolonien aufzuhalten. Jüdische Traditionen wurden höchstens im Verborgenen gepflegt und von der Inquisition grausam verfolgt. Erst mit der Unabhängigkeit der lateinamerikanischen Republiken zu Beginn des 19. Jahrhunderts durfte die Religion wieder offen praktiziert werden und jüdische Immigration setzte erneut ein. Französische und andere westeuropäische Juden waren die ersten, die um 1810 nach Argentinien einwanderten. Am 24. März 1813 dann erklärte die Verfassunggebende Versammlung die Abschaffung der Inquisition und führte den Bruch mit dem »Mutterland« herbei. Dies bedeutete noch keineswegs, dass Juden frei in Argentinien leben konnten, schuf aber die rechtlichen Voraussetzungen für die jüdische Einwanderung.
Ab 1853 herrschte Religionsfreiheit, und 1862 entstand die erste jüdische Gemeinde »Congregación Israelita de Buenos Aires«; sie ist heute als »Congregación Israelita de la República Argentina« (CIRA) die größte des Landes. Damals umfasste sie aber keine 100 Mitglieder. Erst mit dem Einwanderungsgesetz von 1876 und vor allem aufgrund von Verfolgung und antisemitischen Pogromen in Russland und anderswo kamen Ende des 19. Jahrhunderts viele aschkenasische Juden nach Argentinien. Um die Jahrhundertwende lebten bereits 6 000 Juden am Río de la Plata. Aber gerade orthodoxe Juden waren auch immer wieder mit Vorurteilen und dem Antisemitismus der Bevölkerung konfrontiert. Nichtsdestotrotz entwickelte sich das kul­turelle Leben der Einwanderer: Jüdischsprachige Zeitungen und Zeitschriften entstanden, ebenso Synagogen, Schulen für jüdische Bildung und jüdische Gewerkschaften wie die Union Obrera Israelita. Auch wanderten seit Beginn des 20. Jahrhunderts immer mehr säkulare Juden ein, die nicht mehr in religiösen, sondern in politischen, kulturellen und sozialen Zusammenschlüssen organisiert waren. Die Juden Argentiniens hatten nun mit einem neuen Vorurteil zu kämpfen: der Gleichsetzung von Juden und sozialen Unruhestiftern. Eine Tendenz, die durch die Oktoberrevolution in Russland verstärkt wurde; die russischen Juden wurden zunehmend nur noch als rusos wahrgenommen und pauschal des Kommunismus und revolutionärer Umtriebe verdächtigt.
Von den zwanziger Jahren an wurden die Einwanderungsbestimmungen ständig verschärft. Mittlerweile lebten ungefähr 150 000 Juden in Argentinien. Immigration wurde nun zunehmend nach Nützlichkeitskriterien organisiert. Zudem mussten die Einwanderer ein polizeiliches Führungszeugnis aus dem Herkunftsland vorweisen können, das bestätigte, dass sie sich nicht politisch betätigt hatten. Die Tore Argentiniens schlossen sich also genau zu dem Zeitpunkt, als die von der Vernichtung durch die Nazis bedrohten Juden Europas Zuflucht suchten. Wiederholt wiesen argentinische Behörden Flüchtlingsschiffe ab und lehnten Gesuche des Völkerbundes ab, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Doch trotz aller Beschränkungen war Argentinien das Land Lateinamerikas, in dem die meisten europäischen Juden vor dem Nationalsozialismus Zuflucht fanden. Schätzungen sprechen von 25 000 bis 45 000, von denen die Hälfte illegal einwanderte.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kamen Deutsche, Italiener, Kroaten und andere, die mit den Nazis kollaboriert hatten, nach Argentinien. Ihnen wurden bei der Einwanderung im Gegensatz zu jüdischen Flüchtlingen kaum Steine in den Weg gelegt. Als der Staat Israel gegründet wurde, standen viele Juden Argentiniens vor der Entscheidung, zu bleiben oder zu gehen. Viele verließen das Land Richtung USA oder Israel. In Argentinien selbst schwächte sich der Antisemitismus kaum ab. In den fünfziger und sechziger Jahren führte die Nationalistische Bewegung Tacuara, eine verzweigte faschistische Organisation mit politischen Verbindungen, eine Reihe von antisemitischen Kampagnen und schändete Synagogen und jüdische Friedhöfe.
Während der Militärdiktatur (1976–1983) waren unter den Opfern der Diktatur und den desaparecidos, den »Verschwundenen«, unverhältnismäßig viele Juden, was auch damit zusammenhängt, dass sich besonders viele Juden politisch engagierten.
In den neunziger Jahren erreichte die Gewalt gegen Juden in Argentinien eine neue Qualität. Mutmaßlich die Hizbollah verübte zwei schwere Bombenanschläge. Beim Angriff auf die israelische Botschaft in Buenos Aires am 17. März 1992 wurden 29 Personen ermordet und 242 verletzt; das Attentat auf das jüdische Gemeindezentrum Amia am 18. Juli 1994 forderte 85 Menschenleben und mehr als 300 Verletzte. Die Attentate seien vermutlich von der Regierung im Iran befehligt, urteilte die argentinische Untersuchungskommission. Argentinien verlangt deshalb die Auslieferung fünf ehema­liger hoher iranischer Funktionäre und eines Libanesen, was vom Iran jedoch abgelehnt wird. Wenig verwunderlich, ist doch einer der mutmaßlichen Drahtzieher, Ahmad Vahidi, der heutige iranische Verteidigungsminister. Aber auch die Beteiligung und spätere Vertuschung durch die argentinische Polizei und andere staatliche Stellen harrt weiterhin der Aufklärung.
Die Installation »Pfade der Erinnerung« in der Berliner Ausstellung nimmt diese Ereignisse der jüngeren argentinischen Geschichte auf und stellt sie in einen Zusammenhang mit der Erinnerung an den Holocaust. Die Berliner Stolpersteine im Gedenken an die Opfer des NS-Regimes finden sich neben Gedenktafeln im Asphalt für die desaparecidos während der Militärdiktatur, die in Buenos Aires an Orten angebracht wurden, wo die »Verschwundenen« gearbeitet, studiert oder gewohnt haben und nicht selten auch verhaftet wurden. Daneben findet man die 85 Platten im Gedenken an die Opfer des Anschlags auf das Amia, die 1999 in der Pasteur-Straße in Buenos Aires, wo sich das Amia befindet, eingelassen wurden.
Jüdische Einwanderer haben viel zu Wachstum und Entwicklung in Argentinien beigetragen und eine Reihe jüdischer Institutionen geschaffen, wie das »Museo de La Shoá«. Das Jüdische Museum »Salvador Kibrick« in Buenos Aires beherbergt historische Dokumente intellektuellen jüdischen Austausches. Das 1952 gegründete jüdische Gemeindezentrum Amia sorgt kontinuierlich für den Aufbau von kulturellen Einrichtungen.
Flankiert werden die Installationen im Jüdischen Museum in Berlin von einer Zeittafel und von Filmen, die jüdisches Leben und Kultur in Argentinien aus verschiedenen Perspektiven im historischen Kontext zeigen.

»Jüdisches Leben in Argentinien«. Jüdisches Museum Berlin. Bis 10. Oktober