Das System aus Politik, Wirtschaft und Sport in Brandenburg

Alles nur Zufall

Ein Untersuchungsausschuss soll jetzt den Grad der Verfilzung zwischen Sport und Politik in Brandenburg klären.

Sport und Politik verstehen sich überall traditionell gut, im Land Brandenburg jedoch ganz besonders. Über Jahre hatte die innige Beziehung für beide Seiten in dem kleinen Bundesland mit nur 2,5 Millionen Einwohnern gleichermaßen reibungslos funktioniert. So waren eben die Spielregeln in Brandenburg, das seit einem Jahr von der SPD und der »Linken« gemeinsam regiert wird. Seit diesem Sommer aber ist das engmaschige Geflecht von einigen Brandenburger SPD-Politikern und dem Brandenburger Vereinssport mächtig unter Druck geraten. Infrage gestellt wird ein völlig intransparentes System aus Politik, Wirtschaft und Sport, was nicht wenige als »Filz«, »anrüchiges Netzwerk« oder gar »Vetternwirtschaft unter Sportsfreunden« beschreiben. Die Bühne dafür bietet die Vorstandsetage des Landeshauptstadtclubs und Drittligisten SV Babelsberg 03 aus Potsdam – dass dort jetzt ein Stasi-Fall öffentlich wurde, macht die sportpolitische Gemengelage zusätzlich pikanter.
Viel Arbeit also für den von den Oppositionsparteien CDU, FDP und den Grünen eingesetzten Untersuchungsausschuss im Brandenburger Landtag. Der soll nämlich auf zwei grundsätzliche Fragen eindeutige Antworten finden: Wurden Brandenburger Sportvereine, in deren Gremien ranghohe Politiker saßen, besser behandelt als andere? Sind dank langjähriger und intensiv gepflegter Sportvereinsfreundschaften Geschäfte abgewickelt worden, bei denen das chronisch klamme Land Geld verlor?
Den Anlass zum Untersuchungsausschuss gab der ehemalige Brandenburger Finanz- und Innenminister Rainer Speer. Er ist ein enger Freund des amtierenden Brandenburger Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD), der das Land mit der Linkspartei seit einem Jahr gemeinsam regiert. Speer gilt als eine Art Abräumer, der für seinen Förderer Platzeck immer das machte, was man in der Politik mit der sperrigen Phrase »den Rücken freihalten« umschreibt. Speers Macht­instinkt und sein unerschütterlicher Drang zur Volksnähe ließen ihn im Jahr 2003 nicht eine Sekunde zögern, das Präsidentenamt des SV Babelsberg 03 anzutreten. Damals war Speer als Staatssekretär in der SPD-CDU-Landesregierung Brandenburgs politisch schon ziemlich weit oben angelangt. Sein neuer Verein indes stand ganz unten, weil kurz vor der Insolvenz, doch gerade das reizte den Spitzenpolitiker an seiner Aufgabe als ehrenamtlicher Sportfunktionär. Bereits ein Jahr zuvor hatte er den ebenfalls wirtschaftlich maroden Olympischen Sportclub Potsdam als Präsident doch schon vor dem Ruin gerettet. Unterstützt wurde er dabei von seinem Duzfreund aus alten DDR-Tagen, Matthias Plat­zeck.
Speer hielt auch in Babelsberg das, was er versprach. Zunächst führte er den SV Babelsberg mit starker Hand aus den Miesen, dann machte er den Club gesellschaftlich salonfähig. Fortan versammelte sich eine illustre Schar von allerhand Politikern und Unternehmern im engsten Führungskreis des heutigen Drittligisten, der als Aufsteiger auf Rang 16 der Tabelle zu finden ist. Frank Marczinek gehört dazu, ein Abrissunternehmer. Marczinek war 1990 unter dem letzten DDR-Verteidigungsministers Rainer Eppelmann bis in das Amt des Staatssekretärs aufgestiegen. Danach arbeitete er erfolgreich als Verkäufer von Gütern der aufgelösten Nationalen Volksarmee und zeichnet später im Vorstand von SV Babelsberg 03 zuständig für den Bereich »Bauen«. Er tritt auch als zahlungskräftiger Sponsor des Vereins auf. Zu Speer und Marczinek gesellte sich Ralf Hechel als Geschäftsführer des Drittligisten. Hechel war einstmals hauptamtlicher Mitarbeiter beim Ministerium für Staats­sicherheit, was aber erst jetzt öffentlich wurde.
Wie jener Deal, der den zwischenzeitlich zum Innenminister des Landes Brandenburgs avancierten Speer im September sein politisches Amt kostete, unter den fußballbegeisterten Männern zustande kam, ist bis heute nicht geklärt. Unzweifelhaft war Speer zuvor als Finanzminister mit dafür verantwortlich, dass ein wirtschaftlich intaktes Landesunternehmen wie die Brandenburger Boden-Gesellschaft (BBG) im Jahr 2006 privatisiert wurde. Die BBG war in der Entwicklung von ehemaligen Militärflächen der Sowjetunion tätig und wurde vor vier Jahren an ie Firma TVF Altwert verkauft. Inhaber war Speers Sportsfreund und Babelsberger Vorstandskollege Rainer Marczinek. Dieser fädelte über seine Firma dann gleich den Verkauf des 112 Hektar großen landeseigenen Kasernengeländes Krampnitz an eine angeblich dänische Firma ein, zu einem Preis von 4,1 Millionen Euro, den nicht wenige Experten für viel zu niedrig halten. Über den Bebauungsplan für dieses Gelände verhandelte im Potsdamer Rathaus der Unternehmensberater Theo Steinbach, der wie Speer, Hechel und Marczinek im Vorstand des SV Babelsberg (Marketing) sitzt. Steinbach vertritt nebenbei noch ein Planungsbüro, das für den Umbau des Babelsberger Karl-Liebknecht-Stadions den Zuschlag erhielt. Bezahlt wird die umfangreiche Renovierung aus dem Konjunkturprogramm der Bundesregierung. Andere Brandenburger Vereine, die ebenfalls die Notwendigkeit von Renovierungen in ihren Sportstätten beklagten, gingen indes leer aus.
»Alles Zufall«, wie Speer betont, oder steckt da etwa doch ein »Babelsberger Sportsystem« dahinter? Das will der eingesetzte Landtags-Untersuchungsausschuss jetzt klären.
Gleichzeitig ist im Land Brandenburg eine wohl längst überfällige Diskussion darüber ausgebrochen, ob und wie stark sich Spitzenpolitiker in Sportvereinen und -verbänden überhaupt engagieren dürfen. Und auch darüber, ob sie nicht in ernsthafte Interessenkonflikte kommen, wenn sie direkt oder indirekt politisch über den organisierten Sport entscheiden müssen, in dem sie selbst hohe Ämter innehaben.
Die Liste der Politiker, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen müssen, ist lang. Günter Baaske ist Sozialminister des Landes und Präsident von Turbine Potsdam, Bildungsminister Holger Rupprecht ist Präsident beim Handballverein VfL Potsdam, Justizminister Volkmar Schöneburg (Linkspartei) ist Vizepräsident des Brandenburgischen Judoverbandes, und die Fraktionsvorsitzende der CDU im Brandenburger Landtag, Saskia Ludwig, ist Vizepräsidentin des SC Potsdam.
Der Präsident des Landessportbundes Brandenburg, Hans-Dietrich Fiebig, interpretiert das eifrige sportliche Engagement der Brandenburger Berufspolitiker bemerkenswert gelassen. »Sie sind unsere Türöffner für Sponsoren«, lässt er sich zitieren. Der Trainer von Turbine Potsdam, Bernd Schröder, sieht durch die Einsetzung des Untersuchungsausschusses gar den gesamten Brandenburger Vereinssport »verunglimpft«. Nur die Fans des gegenwärtig auch sportlich leidgeprüften SV Babelsberg 03 haben zu alldem eine völlig andere Meinung: »Lügen, betrügen, intrigieren, korrumpieren, spionieren – Welcome to the hell of SVB 2010« ist auf einem Spruchband zu lesen, das sie im Karl-Liebknecht-Stadion zu den Heimspielen entrollen.

Geändert: 10. Dezember 2010

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