Über den Comic »Der König der Fliegen«

Sex and the Suburbs

Direkt drastisch, sofort heftig: Der Comic »Der König der Fliegen« zeigt Vorstadtjugendliche im Pulp-Appeal.

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Wuff wuff … wuff wuff … WAU WAU WAU!« – Der Popkenner hat es natürlich sofort erkannt: Mit diesem in musi­kalischer Hinsicht nicht gerade gängigen Klangereignis beginnt »Suburbia« von den Pet Shop Boys. Weil Hundegebell so gut klingt? Besser jedenfalls als alle anderen Vorstadt-Sounds, die an keinem Jägerzaun haltmachen und die nachmittägliche Ruhe der Mittelschichtfamilien stören können: Rasenmähen, Kreissägen, ein Hämmern aus weiter Ferne, das kratzige Harken eines Rechens oder Kindergeschrei. Im Verlauf des Songs singt Neil Tennant: »I only wanted something else to do but hang around«, woraufhin Fensterscheiben zerbrechen und Polizeisirenen ertönen. Das Idyll kippt um und entlässt uns, praktisch inmitten des Debakels, ins groteske Negativland vom »König der Fliegen«.
Wo genau sich die Hölle aus Eigenheimen und Gärten befindet, in der die Handlung von »Hallorave« angesiedelt ist, wird uns vorenthalten. Die Franzosen Pascal »Mezzo« Mesenburg, der unter anderem Bücher von Stephen King ­illustriert hat, und Michel Pirus, die bislang vor allem durch ihre »Noir«-Gangstercomics bekannt sind, legen in diesem ersten Teil ihrer Comic-Trilogie nahe, dass wir uns am Rande irgendeiner, oder gar jeder, europäischen Großstadt befinden könnten. Hier lebt Éric, ein desillusionierter Slacker, mit seiner frisch geschiedenen Mutter. Weil sämtliche Stühle aus dem Garten verschwunden sind, trägt er gemeinsam mit seiner Freundin Sal und deren Freund Damien alte Polstermöbel vom Dachboden nach draußen. Sie hängen rum, saufen, nehmen Drogen und denken über Kostüme für die anstehende Halloween-Party nach. Auf dem Scheunen-Rave kommt es zu Streitigkeiten. Damien wird auf der Flucht vor seinen Verfolgern von einem Auto erfasst, was Sal allerdings nicht davon abhält, noch am selben Abend mit Éric fremdzugehen.
Weitere Figuren tauchen auf: Marie ist minderjährig, ihr zugeknöpfter Vater schlägt ihren Freund Denis aus Eifersucht mit einem Plastikroboter nieder. Bisweilen halluziniert Maries Vater seinen imaginären Mentor Jiminy herbei, einen lässigen Typen im Hawaii-Hemd, mit Zigarre und Sonnenbrille, der (in des Vaters Vorstellung) mit Sal schläft. Später erwacht er im Garten, nimmt nur Kindergeschrei (!) wahr und kann sich an nichts erinnern. Und dann ist da noch Ringo, ein brutales Scheusal, das »die ganze Welt ficken« will.
Kurzgeschichten, den Köpfen Instinktreduzierter entsprungen? Was sich zunächst wie eine Reihung isolierter Erzählungen lesen mag, verdichtet sich zusehends zu einem komplexen Bild abgründiger Hässlichkeiten. Hinter den Fassaden der Einfamilienhäuser, umgeben von sorgfältig gemähten Rasenflächen und frisch gestrichenen Zäunen, werden Leben räuberisch durchkreuzt. Unter den Teenagern herrschen Vereinzelung, rücksichtsloser Egoismus, Sinnlosigkeit und Rausch. »Ich war der König. Seine Majestät der Fliegen, sagte meine Mutter, eine Anspielung auf ein Buch, das sie gelesen hatte«, erzählt Éric, der im Zen­trum der Hallorave-Welt steht, gleich zu Beginn. Er lässt seinen Kopf unter einer riesenhaften Fliegenmaske verschwinden, durch die er liest, isst, mit der er verschmilzt.
Auweia, mag sich so mancher denken. Die Symbolik ist nun echt angekommen! Und schon im Titel der Trilogie ist der Bezug auf William Goldings Roman über Moral und Zivilisation überdeutlich, in dem gestrandete Internatsschüler sich im hobbesianischen Naturzustand die Köpfe einschlagen. Und das alles, obwohl sie doch auf einer paradiesischen Insel sind! Tatsächlich sind die Figuren in Mezzo/Pirus’ Vorstadt-Fiasko derart verloren, dass der Vergleich mit Goldings Robinsonade fast schon wieder unangemessen erscheint. Teenager verbringen die heiße Phase ihrer Adoleszenz schließlich nicht aus freien Stücken im Vorort. Aber welcher Zwölfjährige hätte seine Eltern je über die Ideologie des Vorstadtlebens aufklären können? Ganz so wie die Internatsschüler in Goldings »Herr der Fliegen« kommt man also erst einmal nicht weg. Auch auf Goldings »beast within« greifen Mezzo und Pirus zurück, ihre Figuren verhalten sich ausschließlich gewalttätig und selbstsüchtig. Müssen wir diesen düsteren Comic somit doch als Klage über die kulturelle Verderbtheit von Vorstadtjugendlichen lesen? Ist er nur ein moderner Aufguss des Golding-Stoffs?
Mitnichten. Denn hier geht es gerade nicht um konkurrierende Ordnungsvorstellungen oder das Zusteuern auf ein Desaster. Es entwickelt sich kaum etwas. Die Hallorave-Welt scheint unveränderlich zu sein, in den Außenbezirken lässt sich die herrschende Ordnung an der Resignation ihrer Einwohner ablesen. Mezzo und Pirus reizen die Ironie der Geschichte aus: Suburbias Versprechen von Entschleunigung, Übersichtlichkeit, Fürsichsein und der Vermeidung unerwünschter Einflüsse haben sich gegen die Figuren gewendet. Wo sich nichts tun soll, tut sich auch dann nichts, wenn alles ­hinüber ist.
Diese Tristesse vermittelt der Comic so eindringlich wie ausführlich. Für Pirus’ Plot ist es nebensächlich, ob seine Teenager Ziele verfolgen, die sich nicht in Vulgärsprache fassen lassen. Zuerst einmal gilt es, sich abzufinden mit dem, was ist. Dunkelheit, Abgründigkeit und Verachtung sind der Normalzustand.
Mag der Comic sich auch in großen Teilen auf den Text stützen, Érics Resignation, die Art und Weise, wie er Alltägliches mechanisch erledigt oder einfach im Stumpfsinn verharrt, gewinnt erst durch Mezzos Illustrationen ihre Wucht. Ob Éric sich nun um Drogen sorgt (viel), um Sex (häufig) oder Musik (Pulp, Stones), ob er ganze Nachmittage apathisch im Sessel verbringt und leere Bierdosen zu seinen Füßen ansammelt – in seinem Gesicht regt sich kaum etwas, seine Mimik drückt nichts als Gleichgültigkeit aus. Überhaupt prägt eine taube Abgestumpftheit dieses Vorortdasein. Geistreich werden die Protagonisten nur, wenn sie sich gegenseitig zu hintergehen versuchen. Verbale Kommunikation und Blickkontakte finden selten statt, auf Dialoge haben Mezzo/Pirus weit­gehend verzichtet. Vermutlich, weil das Gerede nur ein Übergangsritus zur letzten Fluchtmöglichkeit ist: dem Exzess.
Die Panels stehen häufig wie Erinnerungssplitter da, wie Momentaufnahmen aus albtraumhaften Rauscherlebnissen und Phantastereien. Auseinandergerissen wie die Eindrücke an einem schlimmen Katermorgen. Erlösung bringt der Exzess selbstverständlich nur temporär. Als Maries Vater wieder zu sich kommt, beschleicht ihn lediglich eine Ahnung: »Alles ist verschwommen, bis auf mein Gefühl, die Welt gerettet zu haben.« Und es liegt kein bisschen Wahrheit in diesem Empfinden.
Mezzo und Pirus könnte man für den infla­tionären Gebrauch von Schockeffekten und ihre Darstellung von Sexualität leicht kritisieren. Auch die thematische und visuelle Nähe zum dunklen, surrealen Horror eines Charles Burns mag als störend empfunden werden. Die Art und Weise aber, wie hier Leere und Stumpfsinn in Szene gesetzt werden, Bild und Text einander verstärken und die Dramaturgie der Erzählung entwickelt wird, ist vortrefflich. Hallorave ist sofort heftig, ohne Umschweife und ohne allmählich über filmische Einstellungen erzeugte Atmosphäre erzählt – direkt abgründig und kaputt, und die Stimmung wird über die Länge des Bandes weiter verdichtet. Endlich mal wieder ein Vorortdasein, das ohne Anekdötchen über weltfremde Lebensstile auskommt! Endlich wieder eine Kleinstadt, die nicht »Garden State« ist! Am Ende übrigens tritt Éric mit einer Motorsense auf. Ihr Schnurren wird in der gesamten Nachbarschaft zu hören gewesen sein.

Mezzo / Pirus: Der König der Fliegen. Teil 1: Hallo­rave. Avant-Verlag, Berlin 2010, 64 Seiten, 20,50 Euro.