Über den Umgang mit Zeitarbeitern

Zeit für Schikane

In Deutschland sind derzeit eine Million Menschen im Zeitarbeitssektor beschäftigt. Arbeitsmarktexperten stellen die Leiharbeit häufig als beste Chance für eine Festanstellung und probates Instrument gegen Arbeitslosigkeit dar. Die Erfahrungen von Leiharbeitern bestätigen das nicht.

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Bis November war Claudia Mayer* aus Biberach im badischen Raum für sieben Monate bei einer Zeitarbeitsfirma beschäftigt. Dann wurde ihr gekündigt. Sie vermutet, dass der Grund für die Kündigung darin bestand, dass sie für eine Woche krank geschrieben war. Es war ihre erste Krankschreibung seit dem Beginn ihrer Beschäftigung. Am letzten Krankheitstag sei ihr die Kündigung ohne Angabe von Gründen zugestellt worden. Die Kündigungsfrist betrug vier Wochen. Rein formal sei alles rechtens, kommentierte ihr Berater bei der Arbeitsagentur die Kündigung achselzuckend. Da ihr Verdienst mit 7,60 Euro brutto die Stunde ausgesprochen gering war, muss sie nun mit 700 Euro Arbeitslosengeld I im Monat auskommen. Davon bezahlt sie 400 Euro Miete, jeweils weitere 50 Euro kommen für Strom und Versicherungen hinzu. Zum Leben bleiben gerade 200 Euro. Würden Verwandte und Freunde nicht regelmäßig aushelfen, käme Claudia Mayer nicht zurecht. Ihr Berater habe durchblicken lassen, dass sie mit Hartz IV besser bedient sei, erzählt die 27jährige. Nun wird sie einen Zuschuss beantragen, damit ihr Arbeitslosengeld aufgestockt wird – obwohl sie eine Vollzeitbeschäftigung hatte.
»Ich habe seit der Kündigung zehn Bewerbungen für inserierte Stellenangebote geschrieben, aber beim Arbeitsamt sagen sie, dass Zeitarbeitsfirmen derzeit die einzige Option sind«, berichtet sie. »Alle Vermittlungsvorschläge, die ich erhalten habe, befinden sich in der Zeitarbeitsbranche«, sagt sie, während sie in der spärlich eingerichteten Wohnung die Unterlagen zusammensucht, durchblättert und vorzeigt. »Der sogenannte Aufschwung, das funktioniert alles nur durch Leiharbeit.«

Eigentlich möchte Claudia Mayer sich nicht mehr auf ein Arbeitsverhältnis bei einer Leiharbeitsfirma einlassen, denn die Atmosphäre in den Betrieben, in denen sie beschäftigt war, sei katastrophal gewesen. Als sie und ihre Kolleginnen, die alle als Produktionshelferinnen tätig waren, sich an ihrem letzten Arbeitsplatz darüber beschwert hätten, dass ihre Tätigkeit nichts anderes als Sklavenarbeit sei, habe ihnen der Aufsicht führende Meister in barschem Ton ein Redeverbot außerhalb der Pausen erteilt. Das sei nicht die einzige seltsame Vorschrift gewesen, mit der sie bei diesem Arbeitgeber konfrontiert worden sei. In dem Betrieb habe sich niemand außerhalb der Pausenzeit eine Tasse Kaffee holen dürfen und für den Gang zur Toilette seien den Arbeiterinnen exakt zwei Minuten reserviert worden. Wurde dieses Limit überschritten, folgte eine harsche Reaktion.
Zahlreiche Arbeitsmarktexperten preisen die Zeitarbeit als Heilmittel gegen Arbeitslosigkeit an. Sie gehen davon aus, dass Leiharbeit den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtere und die Übernahme in ein unbefristetes Beschäftigungsverhältnis ermögliche. Claudia Mayer hat andere Erfahrungen gemacht: »Ich war in drei Firmen und wurde nie übernommen.« Leiharbeiter seien »billiger und bequemer«, sagt sie. »Warum sollten Betriebe ihnen eine Festanstellung anbieten?«
Beim Telefonat mit der Zeitarbeitsfirma, bei der Claudia Mayer beschäftigt war, gibt man sich distanziert. »Wir kennen keine Frau Mayer«, sagt die Geschäftsführerin, obwohl Claudia Mayer Gehaltsabrechnungen der Firma vorlegen kann. Zu Mayers Vorwurf, dass sich die Firma in keiner Weise um das Wohlergehen ihrer Zeitarbeiter kümmere, möchte sie keine Stellungnahme abgeben, das Gespräch endet mit einem drohend klingenden »Sehen Sie sich vor«.
Ein Einzelfall? Der Pressesprecher des Bundesverbands für Zeitarbeit in Berlin, Michael Wehran, äußert sich zurückhaltend, kommt aber nicht umhin festzustellen: »Wir halten ein solches Verhalten, wenn es denn so geschehen ist, für sehr kritikwürdig. Sollte dies bei einem unserer Mitglieder vorkommen, würden wir darauf einwirken. Die genannte Firma ist aber nicht Mitglied.« Allerdings sei der geschilderte Fall nicht zeitarbeitsspezifisch, sondern deute eher auf ein generelles Missverhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern hin, wie es überall vorkommen könne. »Die Behandlung innerhalb eines Betriebs zwischen Zeitarbeitern und Festangestellten sollte gleich sein«, sagt der Pressesprecher. Er betont, dass Auswüchse nicht auf den Zeitarbeitssektor beschränkt seien. Eine grundsätzliche Diskussion über die Arbeitsbedingungen bei der Leiharbeit möchte er aber nicht führen, schließlich könne er nicht sagen, ob die Toilettenzeit gesetzlich geregelt sei oder nicht.
Claudia Falk, Pressesprecherin des DGB, findet deutlichere Worte. Obwohl sie den konkreten Fall nicht beurteilen könne, so sei doch klar, »dass Zeitarbeiter als Arbeitnehmer zweiter Klasse angesehen werden«. Sie seien rechtlich und finan­ziell schlechter gestellt, könnten aufgrund des geringen Kündigungsschutzes nicht planen und müssten sich ständig auf neue Betriebe und Branchen einstellen. »Das ist eine unglaubliche körperliche und seelische Belastung«, sagt Falk. »Wir fordern daher Gleichbehandlung und Gleichbezahlung für Leiharbeiter.« Sicher sei davon auszugehen, dass sich ein Arbeitgeber Zeitarbeitern gegenüber »mehr Frechheiten« erlauben könne, da diese aus Angst auch mehr hinnehmen würden. Doch die Pressesprecherin weist noch auf einen anderen Umstand hin: »Jeder achte Leiharbeitnehmer ist auf Hartz IV angewiesen.« Die Unternehmen hielten sich schadlos auf Kosten der Allgemeinheit, schließlich würden die Zuschüsse vom Staat bezahlt.
Möglich geworden sei eine solche Stärkung beziehungsweise ein solcher Missbrauch des Zeit­arbeitssektors durch die Änderung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes unter der rot-grünen Regierung, die damals auch bei der CDU Unterstützung fand und mit den Hartz-Reformen umgesetzt wurde. Dies habe dazu geführt, dass der ursprünglich sinnvolle Zweck von Zeitarbeit, der das punktuelle Abarbeiten von Auftragsspitzen vorsah, ausgehebelt worden sei, sagt Falk. Mit einer Million Leiharbeitern habe man derzeit einen neuen Rekordstand erreicht. Vor der Krise waren es 800 000 Menschen, die im Zeitarbeitssektor beschäftigt waren. Falk spricht von einer Ablösung der Stammbelegschaften und beschreibt die disziplinierende Wirkung der Zeitarbeit: »Entweder du machst mit oder du bist draußen. Das ist die Devise.«
Ingrid Gier, Pressesprecherin der IG Metall, hält die von Claudia Mayer geschilderten Erfahrungen im Zeitarbeitssektor ebenfalls für »sehr realistisch«: »Der Aufschwung funktioniert in großem Maße über Leiharbeit. Dabei treten auch ausufernde Arbeitsbedingungen zu Tage. Das hört man immer wieder.« Viele Betriebe würden bei ihrer Planung mit bis zu 30 Prozent Leiharbeit kalkulieren. Deren ursprüngliche Funktion, nämlich Produktionsspitzen abzufangen, gehe somit verloren. »85 Prozent aller Betriebe setzen bei zusätzlichem Bedarf an Arbeitsplätzen auf Leiharbeit oder auf befristete Stellen. Leiharbeit hat heute einen völlig anderen Rahmen als ursprünglich vorgesehen.« Tatsächlich entstehe ein zweiter Arbeitsmarkt. Diese Entwicklung kann man auch an den Statistiken der Bundesarbeitsagentur für Arbeit ablesen. Im März 2008 betrug der Anteil von Zeitarbeitern am Arbeitsmarkt 2,6 Prozent, im gleichen Monat des folgenden Jahres sank er aufgrund der Wirtschaftskrise auf 2,0 Prozent. Im März 2010 lag er bei 2,3 Prozent, im Vergleich zum Vorjahr wurden zu diesem Zeitpunkt schon wieder 80 000 Menschen im Zeitarbeitssektor beschäftigt.
Claudia Mayer schreibt weiter Bewerbungen, trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs glaubt sie aber nicht, dass sie bald mit einer Festanstellung rechnen kann: »Aufschwung ist für mich das Unwort des Jahres 2010. » Ihre Chancen bewegen sich derzeit zwischen den Alternativen Hartz IV oder Zeitarbeit, sagt sie.

* Name von der Redaktion geändert