Derricks Vater

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Wenn es um einflussreiche deutsche Schriftsteller geht, wird er meist vergessen. Dabei gehört der 2007 verstorbene Herbert Reinecker unbedingt in die Ahnengalerie deutscher Autoren, irgendwo zwischen Ernst Jünger und Heinrich Böll. Auch wenn das Fernsehen zu seiner eigentlichen Berufung wurde, hat er etliche Romane veröffentlicht. Heute ist Reinecker, der seine Karriere als NS-Propaganda-Journalist begann, vor allem als Vater des Derrick und Urheber legendär redundanter Dialoge bekannt.
Rolf Aurich, Niels Beckenbach und Wolfgang Jacobsen haben sich in ihrer Studie »Reineckerland« des Vielschreibers angenommen. Anders als der Titel suggeriert, geht es ihnen nicht um die Rezeption, sondern um die Beziehung zwischen Biographie und Fiktionalisierung. Grob gesagt, vertreten sie die These, dass Reinecker als Autor der Deutschen ein großer Verschlüsselungskünstler war. Er benannte, ließ weg, deutete um und schuf eine Wiedergutma­chungs­­rhetorik, die ebenso substanzlos wie massenkompatibel war. Figuren wie »der Kommissar« und Derrick sind die Delegierten des Autors, die die Schuldfrage klären: Wer ist verantwortlich, wer wurde manipuliert, wer hat was gewusst? Erstaunlicherweise kam diese moralische Attitüde auch im Ausland an. Nicht nur das: Auch die Generation der Achtundsechziger kam an Reineckers Gemeinschaftssehnsucht nicht vorbei. Auch sie wurden zu Heldenfiguren seiner Geschichten.

Rolf Aurich, Niels Beckenbach, Wolfgang Jacobsen: Reineckerland. Der Schriftsteller Herbert Reinecker. Edition Text + Kritik im Richard Boorberg Verlag, München 2010, 329 Seiten, 29,80 Euro