Über das Buch »Anständig geblieben. Nazionalsozialistische Moral«

Die Moral von der Geschichte

Raphael Gross untersucht in seiner Studie »Anständig geblieben« die
Wertvorstellungen der Nationalsozialisten.

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Nachdem Martin Walser 1998 in der Paulskirche seine Rede über das Verhältnis der Deutschen zum Holocaust gehalten hatte, war die Empörung groß – noch größer aber die begeisterte Zustimmung. Endlich war gesagt worden, was vielen auf der Seele brannte. Seine Zurückweisung der Erinnerung an Auschwitz in aktuellen politischen Kontroversen, die »Instrumentalisierung von Auschwitz«, sowie die Bezeichnung des Holocaust als »Schande der Deutschen« waren in der Paulskirche mit stehenden Ovationen begrüßt worden. Raphael Gross hat die Walser-Debatte zum Anlass genommen, das Fortdauern von nationalsozialistischer Moral in der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft zu untersuchen, und dafür auch eine neuartige Perspektive auf den Nationalsozialismus selbst eingenommen. »Anständig geblieben« zu sein, attestiert Gross mit dem Titel seines Buches daher auch der deutschen Gegenwartsgesellschaft, »anständig« im Sinne einer untergründig fortdauernden nationalsozialistischen Moral.
Für Gross ist die Analyse der Moral zentral für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Weder die Etablierung des Nationalsozialismus noch die Überzeugungskraft seiner Ideologie lassen sich seiner Ansicht nach ohne seine moralischen Normen erklären. Wichtig sei die Moral zugleich für die Frage von Kontinuitäten, da sie tiefer in den Subjekten verankert sei als die politische Ideologie: wichtig sowohl für die Übernahme preußischer und christlicher Moral in die nationalsozialistische als auch für das Fortwirken des Nationalsozialismus bis heute. Da der Nationalsozialismus bisher als grundsätzlich amoralisch aufgefasst worden sei, habe man der belastenden Frage nach der eigenen Involviertheit ausweichen können. Das Ergebnis sei, dass in Deutschland immer noch in Kategorien wie Schande und Treue gedacht werde. Immer noch seien viele von einer »partikularen Moral« überzeugt, nach der für Deutsche andere Werte gelten als etwa für Juden.
Die moraltheoretischen Grundlagen übernimmt Gross aus den »Vorlesungen über Ethik« von Ernst Tugendhat. Hier nehmen die moralischen Gefühle wie Schuld, Groll und Empörung einen zentralen Platz ein, denn über diese werden »gute« Handlungen wechselseitig eingefordert und Moral durch sozialen Druck abgestützt. Die Bindekraft der wechselseitigen Einforderung von Moral stellt den theoretischen Kern des Buchs dar. Nur mit ihr lässt sich Gross zufolge erklären, warum der Nationalsozialismus einen so hohen Grad an gesellschaftlicher Akzeptanz erreicht hat. Allerdings ist diese Theorie letztlich unzureichend. Sie thematisiert nicht, warum diese Gefühle wechselseitig eingefordert wurden und warum sie sich auf spezifisch national­sozialistische Normen bezogen haben. Gross beschreibt zwar den Nationalsozialismus als all­gemein-gesellschaftliche Moralordnung, also nicht nur als allgemeinen Zwang und Betrug; doch bleibt er auf der Ebene von Individuen, die von anderen bestimmtes Verhalten fordern, und erklärt nicht, warum diese bestimmten nationalsozialistischen Forderungen entstanden sind. Dies würde eine gesellschafts­theoretische Analyse erfordern, die Gross’ moralischer Perspektive fremd bleibt.
Gegen die partikulare Moral des Nationalsozialismus setzt Raphael Gross den Universalismus. Diesen wendet er auch gegen Hegels geschichtliche Entwicklung von Sittlichkeit, die Gross zufolge nur eine partikulare Moral darstellt, da zu verschiedenen Zeiten verschiedene moralische Normen gelten, und davon ausgehend gegen den Marxismus, der in der Herstellung der gerechten Gesellschaft jegliches Handeln sanktioniere. Bei all diesen Auseinandersetzungen fehlt leider das Gespür für die Dialektik der Aufklärung und eben jenes Kantianischen Unversalismus.
Die Gliederung des Buchs ist nicht glücklich. Da es keine kohärent erarbeitete Monographie ist, sondern eine Sammlung von Aufsätzen, die in den vergangenen zehn Jahren entstanden sind, kann sich die innere Logik des Buchs nur an den Themen dieser Aufsätze orientieren. Dementsprechend verfolgen die ersten Kapitel eine immanente Analyse der nationalsozialis­tischen Moral, in deren Zentrum »Rassenschande«, Treue und Religion stehen. Ihnen folgt die Analyse von Schuld- und Rechtsdebatten unmittelbar nach dem Krieg, wo unter anderem Jaspers’ Schuldfrage und der Eichmann-Prozess untersucht werden. Den Abschluss stellt die Analyse des Fortwirkens der nationalsozialistischen Moral anhand der Rede Martin Walsers dar. Problematisch bei dieser Gliederung ist, dass keine klare Unterscheidung zwischen theoretisch-begrifflicher Arbeit und Sachuntersuchungen getroffen wird. Bezüglich der letzteren kann man sich im Inhaltsverzeichnis orientieren, aber die theoretischen Auseinandersetzungen etwa über den Begriff einer nationalsozialistischen Moral oder auch methodische Reflexionen sind über alle Kapitel verteilt und weder im Inhaltsverzeichnis noch in der Einleitung ausgewiesen.
Gleichwohl sind die Fallstudien, die Gross in den einzelnen Kapiteln entwickelt, sehr spannend und kenntnisreich geschrieben und damit nicht nur aufschlussreich hinsichtlich des Kernthemas des Buches, also der Moralgeschichte des Nationalsozialismus. Neben den oben bereits genannten Themen analysiert Gross etwa die Filme »Jud Süß« und »Der Untergang«, den SS-Spruch »Meine Ehre heißt Treue«, die Kritik des angeblichen Rechtspositivismus der Nazis in der Nachkriegszeit sowie die Auseinandersetzung von ehemaligen Nazis wie Hitlers Sekretärin Traudl Junge und Reichsrechtsführer Hans Frank mit ihrer Schuld. Die Wahl dieser Quellen scheint zwar mehr aus Gründen ihrer Popularität als aus systematischen Überlegungen getroffen worden zu sein, aber das muss kein Mangel für ein Buch sein, das exemplarisch vorgeht und seine Schlüsse aus verschiedenen Fallstudien zieht. Einzig an den Fallstudien selbst ist auszusetzen, dass sie zum Teil etwas oberflächlich bleiben. So wird zwar im vierten Kapitel der Treue-Begriff anhand historischer Äußerungen genau charakterisiert, den Fragen jedoch, was Treue ­inhaltlich – abseits von formalen Beziehungen zum Führer oder zum Volk – bedeutet, wie daher das Subjekt in die Treue involviert ist und welche subjektive Wirkung ein Motto wie »Meine Ehre heißt Treue« hatte, wird nicht nachgegangen.
Insgesamt ist das Buch sehr gut lesbar und behandelt eine Fülle an Themen. Die inhaltliche Ausrichtung aber wird dem eigenen Anspruch nicht gerecht. Die Fixierung auf das moralische System lässt nicht erkennen, wie die Moral mit der ökonomischen Krise, massenpsychologischen Prozessen und politischen Interessen zusammenhängen könnte. Wichtig ist jedoch Gross’ Anliegen, die nationalsozialistische Moral genau zu beschreiben – und hierin ist das Buch sehr gut. Denn erst mit dieser Kenntnis kann ihr Fortdauern in der Gegenwart fundiert angegriffen werden.

Raphael Gross: Anständig geblieben. Nationalsozialistische Moral. S. Fischer, Frankfurt am Main 2010, 192 Seiten, 19,95 Euro