Über die internationale Intervention in der Côte d’Ivoire

Wenn es dort knallt

Die »internationalen Gemeinschaft« kann in der Côte d’Ivoire bestenfalls eine Eskalation verhindern. Zur Lösung der gesellschaftlichen Probleme trägt sie nicht bei.

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Walter Müller sorgt sich um seine Osterhasen. »Wenn es dort knallt, steigt der Kakaopreis um 50 Prozent«, prophezeit der Geschäftsführer des Süßwarenproduzenten Wawi. Dort, in der Côte d’Ivoire, wird in normalen Zeiten mehr als ein Drittel der globalen Kakaoernte eingebracht. Doch wird sich die Parole »Kein Blut für Osterhasen« wohl trotzdem nicht verbreiten.
Die Friedensbewegung bringt traditionell kein großes Interesse für Interventionen und Bürgerkriege in Afrika auf. Überdies fiele es schwer, der ausländischen Intervention in der Côte d’Ivoire ein antiimperialistisches Interpretationsmuster überzustülpen. Schließlich setzt sich die »internationalen Gemeinschaft« brav für den mutmaßlich gewählten Präsidenten Alassane Ouattara und die Einhaltung rechtsstaatlicher Regeln ein. Erfolge kann sie allerdings nicht vorweisen.
Ob am Ende Ouattara oder sein Gegner Laurent Gbagbo regieren wird, ist für die Osterhasenproduktion von geringer Bedeutung. Wirtschaftspolitische Differenzen gibt es zwischen den Kontrahenten nicht. Das neokoloniale System, das einst dem 1993 verstorbenen Präsidenten Félix Houphouët-Boigny ein Milliardenvermögen verschafft hatte, wurde vom Freihandel abgelöst. Für die Kleinbauern bedeutete dies vor allem, dass sie sich nicht mehr auf den von Houphouët-Boigny festgesetzten Aufkaufpreis verlassen konnten, der manchmal über dem Weltmarktpreis lag. Der »weise Alte« hatte sich den Erhalt seines Klientelsystems und die Ruhe im Land auch einmal etwas kosten lassen.
Die ökonomische Liberalisierung hat den Zerfall des Klientelsystems beschleunigt. Eine Diversifizierung der Wirtschaft und die Bildung eines Kartells der Kakaoproduzenten hätten eine Entwicklungspolitik ermöglichen können, doch die ivorischen Politiker streiten allein um Beuteanteile. Gbagbo vertritt eine aggressivere Haltung, das verschafft ihm die Sympathie Jean-Marie Le Pens und anderer, die glauben, Probleme ließen sich am besten auf Kosten von »Fremden« lösen, wen auch immer man dazu erklären mag. Doch auch Ouattara bietet keine politische Alternative.
Die Staaten Westafrikas sind durch Handelsbeziehungen, Arbeitsmigration und Intrigen der Machthaber eng miteinander verbunden. Die Bürgerkriege in Sierra Leone und Liberia wurden beendet, ohne dass die Ursachen der Konflikte beseitigt worden wären. Eine Eskalation in der Côte d’Ivoire könnte den Frieden in der Region gefährden. Die »internationale Gemeinschaft« ist deshalb vor allem an Stabilität interessiert. Ein Kompromiss wie die nun vorgeschlagene Teilung der Macht ist einem Bürgerkrieg gewiss vorzuziehen. Von einer Lösung der gesellschaftlichen Probleme hingegen ist in den Debatten der »internationalen Gemeinschaft« nirgends die Rede.