Über Jeanette Wintersons Roman »Die steinernen Götter«

Brave New 1984

Der Roman »Die steinernen Götter« von Jeanette Winterson belebt das Genre der dystopischen Literatur neu.

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Während für das 20. Jahrhundert gerne der Abschied von Utopien konstatiert wurde, mag für das 21. Jahrhundert das gleiche für Dystopien gelten. Seit die Zivilisationskritik zum Allgemeinplatz geworden ist, die Weltuntergangsszenarien ihren Platz von der Literatur in die Zeitungen verlegt haben und selbst der betulichste Mahner sich kaum mehr traut, im Zusammenhang mit Vorratsdatenspeicherung und der Überwachung des öffentlichen Raums beschwörend »1984!« zu raunen, ist das Genre der negativen Utopie, das seit H.G. Wells’ »Die Zeitmaschine« ihrer jeweiligen Gegenwart einen Spiegel vorhält und vor den möglicherweise verdeckten Gefahren des schönen Fortschritts warnt, etwas aus der Mode gekommen. Die Autorin Jeanette Winterson hat sich trotzdem getraut, einen dystopischen Roman zu schreiben, der sich an der Grenze zur Science Fiction bewegt und in drei nur semiotisch verbundenen Episoden beinahe jede Hoffnung der Leser zerstört.
Die erste Episode spielt auf einem der Erde sehr ähnlichen Planeten namens Orbit. Im Einflussbereich der Zentralen Macht leben die Menschen in ewiger Jugend und Schönheit. Sie stoppen den Alterungsprozess, indem sie sich in ihren besten Jahren »genetisch fixieren« lassen, Frauen selten über dreißig, Männer oft kurz vor vierzig, und falls man beim eigenen Partner eine Vorliebe für junge Mädchen entdeckt, gibt es die Rückfixierung, notfalls auf zwölf Jahre. Die Ewigkeit ist Gegenwart geworden und weil die Zentrale Macht – zumindest theoretisch – eine Demokratie ist, profitieren alle ihre Bewohner gleichmäßig von den Errungenschaften der Schönheitsindustrie. Seit alle Körper medizinisch und ästhetisch optimiert sind, ist Sex jedoch todlangweilig; das Geschäft mit sexuellen Abnormitäten boomt.
Die meisten Arbeiten im Haushalt werden, ebenso wie ein Großteil der Polizeiaufgaben, von Robotern erledigt, jedoch ist die Notwendigkeit zu arbeiten der Menschheit bislang nicht abgenommen. Alle Lebensmittel werden synthetisch hergestellt, das ganze wird als Tier- und Umweltschutz verkauft. Bücher gibt es nicht mehr, die Menschen sind quasi Analphabeten, weil sie es nur noch mit Abkürzungen zu tun haben. Die Teilhabe an all diesen Errungenschaften der Zivilisation wird den Bürgern durch einen implantierten ortungsfähigen Chip ermöglicht, der Kreditkarte und Ausweis in einem ist und dessen Entfernung einer Identitätssperrung gleichkommt, durch die unliebsame Elemente sehr effektiv aus der Gesellschaft ausgestoßen werden können.
Der Planet Orbit steht kurz vor dem ökologischen Kollaps, deshalb wurde bereits vor Jahren mit der Suche nach einem bewohnbaren Ausweichplaneten begonnen. Dieser ist nun gefunden worden, in Form des blauen Planeten, auf den sich seitdem alle Hoffnungen richten. Ein Konzern namens Mehr hat die Erschließung des blauen Planeten in die Hand genommen, wodurch ihm der neue Planet praktisch schon gehört, bevor er überhaupt besiedelt ist.
Die Protagonistin Billie Crusoe ist eine Rebellin. Sie arbeitet eher widerwillig für die Behörde, die mit der Erkundung des blauen Planeten zu tun hat, liest Bücher und lebt auf einem Bauernhof mit echten Tieren außerhalb von Tech City. Aber diese Idylle ist gefährdet. Einem kafkaesken Bedrohungsszenario – sie wird verurteilt, ohne sich verteidigen zu können – entzieht sich Billie durch Flucht: Zusammen mit Spike, einer außergewöhnlich gut aussehenden Roboterin, begleitet sie die Kolonialisierungsmis­sion zum blauen Planeten. Es entspinnt sich eine Liebesgeschichte, die erwartungsgemäß kein gutes Ende nimmt.
In der zweiten Episode wird der Seemann Billy Crusoe im Jahr 1774 bei der überstürzten Flucht seines Schiffes, das zu Captain Cooks Flotte gehört, auf der Osterinsel zurückgelassen, wo er sich in den Eingeborenen Spikkers verliebt.
Die zivilisationskritische Annahme, dass nur industrialisierte Gesellschaften ihre Umwelt rücksichtslos ausbeuten, wird hier durch das Beispiel der Osterinsel konterkariert. Für den Bau der berühmten Kultfiguren wurde der gesamte Baumbestand der Insel und damit ihr komplettes Ökosystem vernichtet. Wertvoller als Wasser oder Gold ist den Inselbewohnern seitdem das Holz; die auf Holzschiffen anreisenden Seeleute werden als Gesandte eines holzreichen Paradieses empfangen. Die Eingeborenen sind untereinander uneins, welche Gottheit sie aus ihrer Notlage befreien kann, und so verbringen sie die letzte Zeit auf ihrer unbewohnbaren Insel mit einem Glaubenskrieg, dem auch Spikkers zum Opfer fällt, was das ebenfalls absehbare Ende des gestrandeten Billy bedeutet.
Die dritte Episode spielt auf der Erde in einer nicht allzu fernen Zukunft nach dem dritten Weltkrieg. Der Mehr-Konzern hat nach der atomaren Verwüstung, als Politik und Verwaltung handlungsunfähig waren, die Versorgung der Bevölkerung übernommen, die Infrastruktur neu aufgebaut und somit ein System installiert, das weder Kapitalismus noch Demokratie zu nennen ist, aber de facto die Alleinherrschaft von Mehr bedeutet.
Es gibt jedoch eine andere Welt; in der verbotenen Zone außerhalb der Stadt, die nach dem Krieg zunächst sich selbst überlassen wurde und beim Wiederaufbau von Tech City von allen möglichen Aussteigern besiedelt wurde, herrscht solidarische Anarchie; lesbische Teenager, Motorradgangs, Hippies, Nonnen sowie ein Barkeeper namens Friday leben hier in schöner Eintracht von den Überresten der zerstörten Vor-Welt.
Spike ist ein körperloser, nur aus einem Kopf bestehender, weiblicher Robo Sapiens, die perfekte Mensch-Maschine, die der Menschheit bei der Lösung ihrer Probleme und Fragen helfen, vor allem aber einen erneuten – endgültig letzten – Krieg verhindern soll. Bei einer Exkur­sion in die verbotene Zone mit ihrer Betreuerin Billie Crusoe entschließt sich Spike all ihrer Programmierung zum Trotz zu desertieren, fortan nur noch eine Teenagerin namens Alaska mit ihrer vibrierenden Zunge zu beglücken und die Menschheit ansonsten ihrem Schicksal zu überlassen. Weil Spike jedoch ein unbezahlbarer Gegenstand ist, der zudem dem Mehr-Konzern gehört, droht dieser, mit seinen bewaffneten Kräften die verbotene Zone zu stürmen und dem alternativen Lotterleben ein Ende zu bereiten.
Drei zentrale Motive ziehen sich durch die Episoden des Romans: das Motiv der zerstörten Welt, sei es durch den ökologischen Kollaps der modernen oder vormodernen Gesellschaft oder durch einen Atomkrieg. Damit verbunden ist die Suche nach einer besseren oder alternativen Welt. Die allgegenwärtige Dichotomie zwischen hier und dort, zwischen Orbit und blauem Planeten, Osterinsel und Europa, Tech City und verbotener Zone macht es jedoch deutlich: Die ersehnte Zuflucht existiert nur zum Schein; sie ist immer schon bedroht. Auch die Hoffnung auf Rettung durch ein höheres Wesen wird enttäuscht: Der Robo Sapiens macht sich davon, weil er die ausweglose Lage der Menschen durchschaut, die Holzgötzen lassen sich von den Kulthandlungen ihrer Erbauer nicht erweichen.
Vor allem dank seines Geschichtspessimismus reiht sich der Roman »Die steinernen Götter« in die lange Reihe der dystopischen Literatur des 20. Jahrhunderts ein. Im Gegensatz zu den inzwischen oft antiquiert anmutenden Klassikern des Genres ist Wintersons Werk aber von geradezu makabrer Aktualität: Der Roman, in dem unter anderem eine atomar verseuchte rote Zone mitsamt ihren Mutantenbewohnern eine Rolle spielt, erschien in Deutschland am 12. März, am Tag des Erdbebens in Japan und der anschließenden Atomkatastrophe in Fukushima.
Literarisch lebt der Roman vor allem von dem Spiel mit Zitaten. So werden nicht nur zwischen den einzelnen Episoden Querverweise gestreut, das Werk strotzt auch von Verweisen auf die Literaturgeschichte – auf die englische Seefahrer- und Abenteuerliteratur des 17. und 18. Jahrhunderts ebenso wie auf die Klassiker der dystopischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Die permanente Überwachung und die Blockkonstellation der Weltmächte erinnert an »1984«, die stupide Oberflächlichkeit der im materiellen Überfluss lebenden Menschen und ihre zur Beliebigkeit gesteigerte sexuelle Freiheit an »Brave New World«, die bis zum Analphabetentum reichende Verblödung der Menschen durch Massenmedien an »Fahrenheit 451«.
Das einzig Irritierende ist die Überhöhung der Liebe zur treibenden und heilenden Kraft. Die Einführung dieses nicht näher erläuterten, aber als universal dargestellten Prinzips, droht die beklemmende Aktualität des Romans in ­einer klebrigen Soße aus metaphysischem Kitsch zu ertränken. Jeanette Winterson, die in ihrem inzwischen beachtlichen und spätestens seit »Written on the Body« (1992) auch akademisch beachteten Werk nicht nur die Genre-, sondern auch die Geschlechtergrenzen dekonstruiert, setzt dem Pessimismus ihres Aus-, und Rückblickes ausgerechnet das Konstrukt der romantischen Liebe als versöhnendes Allheilmittel entgegen, die, fast wie im Märchen von der kleinen Meerjungfrau, sogar in der Lage ist, einen Roboter in einen Menschen zu verwandeln. Sie kann zwar den Untergang der Menschheit nicht verhindern, den Einzelnen jedoch immerhin in einen Zustand der Unsterblichkeit versetzen.
Winterson bietet in ihrem Werk nicht nur ­einen beängstigenden Ausblick, sondern demontiert gleich alle möglichen Utopien. Der Bauernhof außerhalb der Stadt, der neue Planet, das Südseeparadies, die Aussteigerkommune: Keiner dieser Sehnsuchtsorte bietet eine verlässliche Zuflucht vor der menschlichen Zerstörungskraft.
Wenn die negativen Utopien ihre Sprengkraft vor allem aus der Wahrscheinlichkeit ihrer Verwirklichung beziehen, dann ist Winterson mit »Die steinernen Götter« eine mitunter etwas konventionelle, aber vor allem wegen ihrer Aktualität beklemmend gelungene Neudefinition dieses totgesagten Genres gelungen.

Jeanette Winterson: Die steinernen Götter. Berlin-Verlag, Berlin 2011, 272 Seiten, 22 Euro