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Berlin Beatet Bestes. Folge 116. L’Affaire Louis’ Trio: Chic Planète (1987).

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Nachdem mich meine Mutter im Januar 1985 in meinem neuen WG-Zimmer in der Silbersackstraße, damals wie heute eine der abgewracktesten Alkoholikergassen St. Paulis, abgeliefert hatte, fing sie bitterlich an zu weinen. Und hörte nicht auf, bis sie wieder zu Hause war. Die Vorstellung, mich in dieser kaputten Gegend zurückzulassen, war ihr unerträglich. Außerdem fehlte ihr jetzt, da ihr Sorgenkind aus dem Haus war, eine Beschäftigung. Ich beschäftigte mich fortan damit, täglich eine Flasche billigsten Lambrusco zu trinken. Nachts suchte ich Leute, die wie ich auf US-Hardcore standen. Leider orientierte sich die Punkszene noch an Bands wie Peter and the Test Tube Babies, Toy Dolls und Anti-Nowhere League. Die Energie und Schnelligkeit von Ami-Bands wie Bad Brains, Seven Seconds und Minor Threat war live in Hamburg 1985 überhaupt nicht zu hören. Ich kannte jedenfalls nur den vierteljährlichen kollektiven Vollrausch auf Konzerten der genannten britischen Schunkelbands in der Fabrik in Altona. Damit hatte es sich in Sachen Punk auch schon erledigt. Dachte ich. Eine kleine Gruppe Hamburger Hardcore-Fanatiker formierte sich aber bereits innerhalb der Punkszene. Dass im Januar Negazione aus Turin, die sich ­sowohl dem US-Hardcore als auch der europäischen Hausbesetzers­zene verschworen hatten, im JUZ Korachstraße in Bergedorf spielten, erfuhr ich erst später.
Meine alten Schulfreunde schleppten mich derweil ins Front, eine Disco am Heidenkampsweg in der Nähe der U-Bahnstation Berliner Tor. Spärlich dekoriert und dunkel wie die Nacht, passte der Club gut zu meinem umnebelten Gesamtzustand. Im Front ging es nur um Musik und ums Tanzen. Das scheinbar überwiegend schwule Publikum drehte regelmäßig zu den allerneuesten House-Scheiben durch. Mit freiem Oberkörper wurde im Moment der größten Begeisterung auf der Tanzfläche hardcoremäßig geschrien. Noch bevor ihn jeder in der Republik hörte und Jahre bevor die Acid-Welle ausbrach, wurde der harte elektronische Sound schon im Front zusammengemixt. Gemischt war auch das Publikum, halb Mic-Mäc-Moisburg-Popper, halb Altonaer Fabrik-Punks. Wie ich damals getanzt habe, weiß ich nicht mehr. Ich kann mich nur erinnern, dass ich wie alle anderen auch im Front immer unheimlich viel getanzt habe. Stundenlang. Man kam eben hauptsächlich zum Tanzen. Gegen Ende des Jahres lernte ich im Front ein sehr hübsches Mädchen kennen, das sich, einmal bei mir zu Hause angekommen, als völlig irre und heroinabhängig entpuppte. Die Nacht verging wie im Delirium. Als sie ging, war ich erleichtert, nicht mit ihr geschlafen zu haben.
Das Front war kein »Chic Planète«, aber der schicke, jazzige Italo-Disco-Sound des französischen L’affaire Louis’ Trios könnte dort gespielt worden sein. Den Comiczeichner Yves Chaland, der das Plattencover gezeichnet hat, schätzte ich damals mehr als jeden anderen.