Wie deutsche Esoteriker den Krieg abschaffen wollen

Akupunkturpunkt des Friedens

Eine in Portugal ansässige Gruppe deutscher Esoteriker glaubt, den Krieg abschaffen zu können. Der Feminismus verschwindet dabei gleich mit.

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Irrationale Welterklärungsmodelle stehen spätestens seit Beginn der neunziger Jahre wieder hoch im Kurs. Zwar treten immer mehr Menschen aus der Kirche aus, doch wollen viele statt an Gott an etwa anderes glauben. So ist in Deutschland der Glaube an Außerirdische, Schutzengel und »alternative Heilmethoden« Umfragen zufolge mehrheitsfähig. Wenn Esoteriker die Esoterik nicht nur betreiben, um das ihnen widerfahrene Leid zu individualisieren und seine gesellschaft­liche Dimension auszublenden, sondern daraus ihre Lebensaufgabe beziehen, kommt meistens gleich ein Weltrettungsplan heraus.
Mit einem solchen ausgestattet kaufte die Theologin Sabine Lichtenfels mit einem Freundeskreis 1995 ein 134 Hektar großes Gelände in Südportugal und gründete dort mit dem Psychologen Dieter Duhm das »Heilungsbiotop I« mit dem Namen Tamera. Derzeit leben dort etwa 200 Personen, die nicht nur neue Formen des Zusammenlebens ausprobieren, sondern gleich der ganzen Welt den Frieden bringen wollen.

Tamera gibt sich als offene Gemeinschaft, viele Mitglieder der ersten Stunde sind ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner des von Duhm mitgegründeten und noch heute existierenden Zentrums für experimentelle Gesellschaftsgestaltung (ZEGG) nahe Berlin. In Tamera finden jährlich Seminare für neue Interessierte statt. Laut Selbstdarstellung gibt es »keine religiösen oder ideologischen Verpflichtungen«, jedoch »eine gemeinsame Richtung«. Ziel sei es, ein »heilendes Biotop aus Pflanzen, Tieren und Menschen« aufzubauen. Zu diesem Zweck wurden bereits 20 000 Bäume gepflanzt. Mit alternativer Landwirtschaft und eigener Energieversorgung wird auf eine autarke Ökonomie hingearbeitet. Derzeit ist die Gemeinschaft noch von Spenden und den Einkünften ihrer Mitglieder abhängig.
Zu seinen Ideengebern zählt Duhm den Aktionskünstler Otto Mühl, der 1991 in Österreich unter anderem wegen Kindesmissbrauchs zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde. Mühl führte eine hier­archisch organisierte Kommune im Friedrichshof bei Wien, die Aktionsanalytische Organisation (AAO), die von Wilhelm Reich inspiriert war. Dass es dort zu Fällen sexualisierter Gewalt kam, bestätigen ehemalige Mitglieder. Duhm schrieb 1993 im ZEGG-Magazin, er habe sein Projekt »Bauhütte« gegründet, um eine Alternative zum Friedrichshof zu schaffen. Dennoch bezeichnet er die AAO als eines der »wichtigsten Gemeinschaftsexperimente unserer Zeit«.

Der Sexismus der »geistigen Führer« Tameras ist typisch für die Ausläufer der New-Age-Bewegung. Im Zentrum ihres Interesses steht die Rehabilitation der »wahren« weiblichen Sexualität. »Eine Frau ist«, so Duhm in seinen »Politischen Texten«, »wenn sie ihre weibliche und universelle Identität gefunden hat, eine natürliche Anlaufstelle für alle Männer, (…) weil es ihre natürliche Funktion ist.« Lichtenfels fordert dazu auf, den »antimännlichen Feminismus« endlich aufzugeben. Dadurch, dass die Frauen ihre Sexualität unterdrückten, förderten sie nicht nur ihre eigene sexuelle Frustration, sondern auch die der Männer, was deren Aggressivität steigere.
In ihrem Buch »Der Hunger hinter dem Schweigen« beschreibt sie die vermeintliche Mitschuld der Frauen an »sexuellen Gewaltverbrechen«. So fordere eine Frau, »solange sie den Eros nicht bewusst in ihr Leben integriert« habe, solche instinktiv heraus. Die Frauen werden von Lichtenfels nicht nur für eigene Gewalterfahrungen verantwortlich gemacht, sondern auch gleich für Kriege. Einer ihrer Leitsätze, zugleich einer Tameras, lautet: »Es kann in der Welt keinen Frieden geben, solange in der Liebe Krieg ist.« Weniger euphemistisch ausgedrückt heißt das bei ihr: »Die Würde der Frau hat immer ein Loch.«
Diese Zitate stammen aus Texten, die Anfang der neunziger Jahre erschienen sind. Dass seither keine tiefergehende Reflexion eingesetzt hat, beweist das kürzlich erschienene »Tamera-Manifest«, in dem Duhm seine Vorstellung einer besseren Welt entwirft. In ihr wären alle Formen des Geschlechterkampfes befriedet, es gäbe »weder Chauvinismus noch Feminismus«.
Der Arbeit des zu Tamera gehörenden Instituts für Globale Friedensarbeit (IGP) liegt Duhms Plan der »Heilungsbiotope« zugrunde, den er als »globale Friedensstrategie« bezeichnet. Er sieht vor, weltweit »Friedensforschungsdörfer« zu errichten, um Alternativen zum »globalen System der Gewalt« zu entwickeln, und stützt sich auf die Annahme der Existenz »morphoenergetischer Felder«. Ein »unsichtbares Informationssystem« verbreite mittels Feldwirkung »seine Frequenzen über die ganze Erde«. Aufgabe der Friedensarbeiter sei es, »entsprechende Heilungsinformationen« in die Biosphäre einzugeben. Sobald diese in den »Lebenskörper« der Erde träten, würden sie dort auf der Stelle genetische Veränderungen verursachen. Die Menschen seien dann psychisch und physisch nicht mehr in der Lage, ihre »Mitgeschöpfe zu quälen und zu töten«. Duhm bezeichnete seine »Heilungsbiotope« auch als »Akupunkturpukte des Friedens«.

Eine weitere Antwort Duhms auf schwierige Fragen heißt »Versöhnung«: Da alle Anklagen und Verurteilungen nur die Spirale der Gewalt verlängerten, solle von dem Mittel der Rache abgesehen werden, schreibt er im »Tamera-Manifest«. Alle Menschen hätten ein »ähnliches Leid durchlaufen«, weshalb es auch »keine wirklichen Feinde« mehr gebe. »Wer nicht auf das Böse projiziert, kann vom Bösen nicht erreicht werden.« So weiß Duhm von Menschen »in den Konzentrations­lagern« zu berichten, »die von den Henkern verschont wurden, weil sie keine Angst hatten vor deren Macht und Grausamkeit«. Um sich von seiner Angst zu befreien, bedürfe es einer »hohen Schulung und eines hohen Blicks«.
Für die Verbreitung des »Plans der Heilungsbiotope« bietet das IGP eine Basisausbildung für künftige Friedensarbeiter an. Der sechswöchige Kurs kostet 1 800 Euro, Jugendliche und Portugiesen zahlen 1 200 Euro. Zur Vorbereitung des Kurses sollen Bücher von Duhm und Lichtenfels gelesen werden. Nach dreijähriger Forschungsarbeit im »Projekt Monte Cerro« ist die Kerngruppe für das geplante neue »Heilungsbiotop« in »Israel/Palästina«, bestehend aus Israelis, Palästinensern und »Internationalen«, vor einigen Wochen dorthin zurückgekehrt, um mit dem Aufbau zu beginnen. »Wie groß, wo und wann dieses Dorf entsteht, ist noch offen«, heißt es. Das Engagements für den Nahen Osten rühre von einem starken Gefühl der Mitverantwortung der Deutschen für den Konflikt her, so Leila Dregger, eine freie Journalistin und Bewohnerin von Tamera. Damals wie heute gehe es um »tiefe Versöhnung«.