Die »Jungle World« erklärt den Frieden

Frieden auf Erden und den Menschen die Sintflut

Früher dachte man bei dem Wort »Frieden« an Kapitulation, Versailles oder Jesus. Heute fragt man, wer bombardiert wird. Ein historischer und soziologischer Überblick über den Frieden als Mythos und Politik.

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Das Wort »Frieden« löst Unbehagen aus. Sei friedlich, sagen die Eltern, wenn das Kind den Mund halten soll, und Äcker und Wiesen, unter denen Tote liegen, heißen Friedhöfe. Gegen Carl Knudsen, »der in Boldixum auf Föhr seiner Mutter mit ­einem Hammer schwere Kopfverletzungen beigebracht hatte, denen sie kurz darauf erlegen war«, sei Anklage wegen Mordes erhoben worden, schrieb 1950 die Regionalzeitung. Tatmotiv sei Knudsens Wunsch gewesen, »sich an der Mutter dafür zu rächen, dass sie den letzten Willen ihres Ehemannes nicht geachtet habe. Knudsens Vater hatte als seine Grabschrift den Satz ›Mein Leben war nur Arbeit und Verdruss‹ verlangt. Seine Frau hatte jedoch die Worte ›Ruhe in Frieden‹ anbringen lassen.« Vermutlich wollte seine Mutter nur vermeiden, dass der Verdruss im Leben des Verstorbenen auf sie zurückfällt. Aber Knudsen fand es zynisch, dass ein Leben voller Kummer mit Ruhe und Frieden im Tod vergolten wird.
Es gebe schmutzige Kriege, aber auch »schmierige Frieden«, sagte Ernst Bloch. Christen sind darin Virtuosen. Die friedliche Konfliktbewältigung war nie Gottes Ansinnen. Als er nach dem Schöpfungsakt die Bosheiten der Menschen sah, sprach er: »Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde.« Das hat er wiederholt versucht – mit Sintfluten und Schwefel. Aber der Mensch war zäher als der Dinosaurier. Von Gott stammt der Kanon aller Diktaturen: Wer ihm gehorche, solle leben, »weigert ihr euch aber und seid ungehorsam, so sollt ihr vom Schwert gefressen werden«.
Jesus brach dann mit dem göttlichen Hass auf die Menschen. Doch kaum durften die Christen in Rom mitregieren, verwarfen sie seine Worte und entwickelten Thesen zum »gerechten Krieg« – eine Vorlage für SPD und Grüne. Danach verbrannten sie Frauen und folterten nach Herzenslust, organisierten Kreuzzüge und verfolgten Juden – Martin Luther rief auf, Synagogen anzuzünden –, sie skalpierten Indianer, segneten Hitlers Waffen, Papst Woityla nannte General Pinochet einen »großen Freund der katholischen Kirche«, und sein Großinquisitor Ratzinger exkommunizierte 150 Priester der Befreiungstheologie. Die christliche Gewaltlosigkeit ist nur eine Anweisung an die, die unten sind, ihr Schicksal geduldig zu ertragen.

Der Landfrieden und der Hauptmann von Köpenick
Früher dachte man bei dem Wort »Frieden« an Kapitulation, Versailles oder Jesus, heute fragt man, wer bombardiert wird. Drohnen und Soldaten töten im Auftrag Frieden schaffender, Frieden bringender, erzwingender, erhaltender, sichernder oder Frieden bewahrender Kommandos. Die Umbenennung ist ein Erfolg der Friedensbewegung – vielleicht der einzige. Unter linken Bellizisten ist der Krieg zur Verbreitung der Zivilisation beliebt. Eine Propaganda mit Vor- und Nachteilen. Der Vorteil: Dem Gegner wird die Zivilisation abgesprochen, die eigene muss nicht reflektiert werden, der Soldat wird auf gegnerische Barbaren programmiert, verliert die Hemmungen beim Töten und mutiert selbst zum Barbaren. Das stärkt die Kampfmoral. »Unser Aufzug, bei dem sich das Winseln der Gefangenen mit unserem Jubeln und Lachen vermischte, hatte etwas Urkriegerisches und Barbarisches« (Ernst Jünger). Die Mutation des zivilen Soldaten ist nicht neu. Marx schrieb, die »moderne Zivilisation« gehe in Amerika auf Skalpjagd und hetze in Afrika Kinder zu Tode: »Sie wurden gepeitscht, gekettet und gefoltert mit dem ausgesuchtesten Raffinement von Grausamkeit.« Europa habe »den letzten Rest von Schamgefühl und Gewissen eingebüßt«. Die Nachteile sind, dass die Aversion gegen die westliche Zivilisation und die Gegenaufklärung anschwillt und der Soldat heute nicht mehr auf die Heroisierung seiner Regression zum Urkrieger hoffen kann. Die Ersetzung von Soldaten durch Killerdrohnen wird das Problem nicht lösen.
Auch für die innere Stabilität gibt es viele Frieden: Betriebsfrieden, sozialen Frieden, Arbeitsfrieden, Landfrieden, Burgfrieden und Friedenspflicht. »Frieden« ist nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern auch ein Instrument zur Disziplinierung der Gesellschaft, die der Untertan als Lebenssinn antizipiert. »Wenn dein Wille nur ist stille, wirst du von dem Kummer frei! Dein Papa« (Poesiealbum). Keiner verkörperte den Landfrieden so gefühlsduselig wie Heinz Rühmann – privat etwa beim Kindergeburtstag der Goebbels’ und beruflich. In dem Film »Der Hauptmann von Köpenick« nach Carl Zuckmayer sitzt Schuster Voigt für Lappalien zehn Jahre im Gefängnis. Nach der Entlassung besorgt er sich eine Uniform und sammelt Soldaten, mit denen er zum Rathaus von Köpenick marschiert. Er will einen Pass. »Mit dem Geld hätten sie doch weit kommen können, sogar ins Ausland«, sagt der Beamte. »Nee«, sagt Voigt, »sie glauben gar nicht, wie schön Deutschland ist. Ich wollte nicht unter fremder Erde begraben sein.« Der Kaiser war gerührt und begnadigte ihn.
Beim Landfrieden geht es um die Einhaltung der öffentlichen Ordnung in Friedenszeiten. Am 2. November 1959 zogen 40 Jugendliche durch Leipzig und riefen: »Wir wollen keinen Lipsi und keinen Ado Koll, wir wollen Elvis Presley und seinen Rock’n’Roll!« Das Bezirksgericht verurteilte 15 von ihnen wegen Landfriedensbruchs zu bis zu viereinhalb Jahren Haft. In Schwabing wurden 1962 Jugendliche, die zur Gitarre Friedenslieder sangen, des Landfriedensbruchs bezichtigt. Die Polizei ritt in die Menge und löste die Schwabinger Krawalle aus. Für den Landfrieden zog der SPD-Bürgermeister von Stadtoldendorf (Niedersachsen) 1951 mit der NSDAP-Mitgliederliste unter dem Arm und einem Tross Journalisten zum Gaswerk. Dort übergab er die Liste mit 600 Namen auf einer Koksschaufel den Flammen. Davor hatte er auf dem jüdischen Friedhof einen Kranz niedergelegt. Das »dient dem sozialen Frieden«, sagte er, »was hätte passieren können, wenn das Verzeichnis in falsche Hände geraten wäre! Dort sind alle Personen verzeichnet, die heute in der Stadt Rang und Namen besitzen.« Der Stern würdigte den Akt mit einer Story voller Begeisterung und einem Foto von der Feuerluke.
Der Burgfrieden sorgt wiederum in Zeiten hegemonialer Kriege dafür, dass Pazifisten und Sozialisten in Schutzhaft genommen oder umgebracht werden. Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky und Erich Mühsam wurden ausgebürgert oder in Lagern ermordet, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht hinterrücks erschossen, während Ernst Jünger, der Bote von der Freude am Töten (»Der Krieg ist unser Vater, er hat uns gezeugt im glühenden Schoße der Kampfgräben als ein neues Geschlecht«), von Nazis und Helmut Kohl verehrt wurde. »Die stupide Anschauung Ernst Jüngers, Kampf sei das Primäre, das Eigentliche, wofür allein zu leben sich verlohne, steht auf ähnlichem Niveau wie die eines Friedensfreundes, der jeden Kampf verabscheut und für Kamillentee optiert« (Tucholsky).

Nibelungen, Opferkult und hilfsbereite Kinder
Das deutsche Bewusstsein assoziiert traditionell Krieg mit Ehre und Frieden mit Fahnenflucht. Der gute Ruf des Krieges basiert unter anderem darauf, dass die ersehnte deutsche Nation im Krieg geschaffen wurde und dass bedeutende Philosophen den Mythos vom Krieg als Natur des Menschen nach Kräften förderten. Dazu gesellt sich ein bis heute anhaltender deutscher Opferkult, der auf das Nibelungenlied zurückzuführen ist. Ein Nationalmythos, in dem die eigene Sippe am Ende komplett draufgeht, hinterlässt Spuren. Deutsche empfinden sich notorisch als Opfer von irgendetwas: Juden, Franzosen, Amerikaner, Bolschewisten, gelbe Gefahr, Halbstarken, Islam, Globalisierung, Wallstreet. Und wer sich als Opfer fühlt, neigt zu Verschwörungsphantasien und präventiver Gewaltanwendung. Die Kette ist lang. Die SPD wollte 1914 verhindern, dass deutsche Frauen und Kinder »das Opfer russischer Bestialität werden«, die Opferpropaganda der Nazis war uferlos: »Versailler Schandfrieden«, »raffendes Kapital«, »jüdische Weltverschwörung«, »bolschewistische Juden«.
Immanuel Kant meinte: »Der Friedenszustand unter Menschen, die nebeneinander leben, ist kein Naturzustand, der vielmehr ein Zustand des Krieges ist.« Dass diese These falsch ist, bestätigte jüngst wieder Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut. In allen Tests hätten Kleinkinder wildfremde Menschen, die Hilfe brauchten, vorbehaltlos unterstützt, selbst dann, »wenn ein Spiel sie fesselte« – unabhängig von Eltern und Belohnungen. Das humanistische Menschenbild ist eine der Scheidelinien zum Faschismus, für den der Mensch Wolf unter Wölfen ist – unter Führung eines Alphatieres. Josef Goebbels fand das vermeintliche Naturgesetz auch bei Vögeln: »Die Vogelfrau putzt sich für den Mann und brütet für ihn die Eier aus, dafür sorgt der Mann für Nahrung. Sonst steht er auf der Wacht und wehrt den Feind ab.« Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald.
Friedrich Nietzsche versorgte die deutsche Seele mit Heroismus: »Was ist gut? – (…) nicht Friede überhaupt, sondern der Krieg.« Seine »Übermenschen« seien »frohlockende Ungeheuer, welche vielleicht von einer scheußlichen Abfolge von Mord, Niederbrennung, Schändung, Folterung mit einem Übermute (…) davongehen.« Martin Hei­deg­ger ließ das Individuum im »Sein als die Dimension des Ekstatischen der Eksistenz« verschwinden und pries die »innere Wahrheit und Größe der nationalsozialistischen Bewegung«. Heute verehrt Peter Sloterdijk Heidegger, weil er die Epochenfrage gestellt habe: »Was zähmt noch den Menschen, wenn der Humanismus als Schule der Menschenzähmung scheitert?« Ein Alphatier? Er bangt um das Abendland: »In Bevölkerungen mit starken Jungmänneranteilen« steige »der Bellizismus, indessen überalterte Völker zum Pazifismus neigen«. Man ahnte, dass »Überalterung« etwas Gutes sein muss.
Auch die grüne Antje Vollmer, die häufig vor Kasernen saß, offenbarte sich in ihrem Buch »Der heiße Frieden« als Freundin der Rudelphilosophie. Der »Prozess der Konzentration der Menschenmassen« übersteige »jedes Maß an menschenmöglicher Gastfreundschaft«. Sie wollte aber nicht nur Verständnis für Pogrome äußern, sondern andeuten, dass sie zur völkischen Regeneration taugen. Die »kleine Bewegung des Daumens«, der im römischen Zirkus das Metzeln der Christen auslöste, habe »ihre ordnungsstiftende Binnenwirkung gehabt«, auch der Krieg werde als Stifter eines »Gemeinschaftsgefühls« erfahren. Und so fragte sie: »Zerstören sich Weltreiche also nicht nur durch maßlose Kriege, sondern womöglich gerade dadurch, dass sie sich nicht in Kriegen blutig erneuern?« Die Gegenposition formulierte die herrschsüchtige Rancherin, gespielt von Barbara Stanwyck, in dem Western »Vierzig Gewehre«: »Man soll den Frieden in einem Land nicht auf Gräbern aufbauen.« Etwas philosophischer: Menschen sind nicht von Natur böse, das Übel ist, »dass noch keine Welt ist, in der sie, wie es bei Brecht aufblitzt, nicht mehr böse zu sein brauchen« (Adorno). Um die wäre also zu kämpfen, statt über blutige Erneuerungen zu lamentieren.

Deutsche Legionäre und der Kampf gegen Kartoffelkäfer
Selbst nach 1945 wollten viele Deutsche keinen Frieden. Vielleicht der Kriegsversehrte, der auf Beinstumpen hinter einem Pappkarton Druckknöpfe verkaufte. Aber im Westen war die Masse davon überzeugt, der Kalte Krieg beweise doch, dass Hitler die Welt ganz richtig betrachtet habe. Und dass die Vereinigten Staaten nicht an der Seite Deutschlands gen Moskau marschieren wollten, wurde ihnen als Schwäche ausgelegt. In einer Emnid-Umfrage fanden 1949 nur 19 Prozent den »Frieden« wichtig. 60 Prozent der Spiegel-Leser wollten Krieg, 31 Prozent waren für »die Rückeroberung der Ostgebiete«, 16 »für die Erhaltung der westlichen Bürgerfreiheit«, 13 »für den Schutz von Frau und Kind«. In der Ethikskala stand die Eroberung des Ostens weit über dem Leben von Frau und Kind.
Hunderttausende Deutsche zogen gleich wieder in Kriege. 300 000 kämpften in der Fremdenlegion für Frankreich in Indochina und Nordafrika. Heute sind 10 000 in der Legion unterwegs. Als Israel 1948 am Tag der Staatsgründung von fünf arabischen Staaten und den Palästinensern angegriffen wurde, standen deutsche Offiziere den Arabern zur Seite. Die Illustrierte Revue schwärmte: »Die Deutschen sind uns am liebsten, sagten die Syrer und holten sich deutsche Offiziere.« Auf Seiten der Araber »überall deutsche Offiziere«: »General von Strachwitz« kämpfte mit der »ersten illegalen deutschen Militärmission nach dem Kriege« gegen die Juden, Hauptmann Keil führte sein »gefürchtetes Panzer-Rollkommando« dorthin, »wo die Juden Durchbrüche erzielt hatten«, »Leutnant Siebert bildete« arabische Fallschirmjäger aus. »Er galt als Draufgänger«, Oberst Kriebel war »Spezialist für Wüstenkrieg« usw.
Es gab auch die Initiative gegen die Wiederbewaffnung. Sie verabschiedete 1955 in der Frankfurter Paulskirche das »Deutsche Manifest« gegen Wiederbewaffnung und »Zerreißung unseres Volkes«. Der SPD-Vorsitzende Erich Ollenhauer, Gustav Heinemann, Professor Gollwitzer und DGB-Redner beschworen das einige Vaterland. Auf dem Saal-Transparent stand: »Wir werden weder für Dollar – noch für Rubel sterben!« Lieber für die Reichsmark? Man sah sich in der »Pflicht gegenüber 18 Millionen Deutschen« in der DDR und allen »östlichen Völkern«, die man »aus der sowjetischen Gewalt herausbringen« wollte. Sie beklagten nicht die Bewaffnung, sondern befürchteten, dass an der Westbindung die Wiedervereinigung scheitern würde. 1957 verfassten dann 18 Wissenschaftler den berühmten »Göttinger Appell« gegen die atomare Bewaffnung. Darin bekannten sie sich zum Kampf der »westlichen Welt gegen den Kommunismus« und zur Atombombe, die einen »wesentlichen Beitrag zur Erhaltung des Friedens in der ganzen Welt und der Freiheit« leiste. Aber »ein kleines Land wie die BRD« solle sie nicht haben.
Beide deutschen Staaten pflegten einen ungetrübten Umgang mit Verschwörungen. Die BRD-Propaganda ließ ständig »den Russen« bis zum Atlantik vorrücken, die SED verbreitete 1950, die USA hätten aus Flugzeugen Kartoffelkäfer über der DDR abgeworfen. Plakate zeigten einen Käfer, der in eine US-Flagge gehüllt war: »Kampf für den Frieden – Ami-Käfer sollen unsere Ernte vernichten. Kartoffelkäfer vernichten, ist Kampf gegen die Kriegspläne der Imperialisten. Dein Kampf gegen die Pest aus den USA ist Kampf für den Frieden!« Auch die KPD klebte Plakate mit dem Käfer. Ihrer hatte ein Dollar-Zeichen auf dem Rücken: »Er frisst 10 Milliarden jährlich an Besatzungskosten. Wir arbeiten nicht für Schmarotzer und Besatzer. Wähle Kommunisten!« Dass der Marshall-Plan ausgeblendet wurde, liegt auf der Hand, unerträglich war die Adaption der wenige Jahre vorher von den Nazis herausgegebenen »Kartoffelkäfer-Fibel«, mit der sie das Gerücht verbreitet hatten, amerikanische Bomber würden Kartoffelkäfer abwerfen.

Scherzartikel des Friedens
Die DKP überbrückte wacker alle Durststrecken der Friedensbewegungen, bot auf jedem Ostermarsch ihre Algebra an: »Frieden statt Raketen« und »Arbeit statt Raketen«. Das ergibt: »Frieden = Arbeit«. Marx war zwar der Meinung, dass das »internationale Prinzip« der Arbeiterklasse »der Friede sein wird, weil bei jeder Nation dasselbe Prinzip herrscht – Arbeit«. Er meinte aber, dass die Menschen im Kommunismus von ihrer Arbeit leben, statt vom Diebstahl fremder Arbeit. Der DKP ging es um Arbeit im Kapitalismus, und da lässt sich ihre Formel nur als Aufruf zum »sozialen Frieden« verstehen. In Anlehnung an Marx strebte Herbert Marcuse die klassenlose »befriedete Gesellschaft« an, in der ein neuer Menschentypus das Leben nicht verdienen müsse, sondern es genießen könne, in der die aggressive Produktivität und der Heroismus dem Frieden, der Schönheit und der Sensibilität zu weichen hätten und sich die Fähigkeiten und Bedürfnisse wirklich freier Individuen entfalten könnten.
Die Friedensbewegten im Bonner Hofgarten (siehe Seite 11) hielten es wieder mit dem Nibelungenmythos. Fremde Mächte wollten Deutschland zum »Schlachtfeld« machen, was »unser nationales Interesse« verletze. Gemeint war das der vereinten Nation, die als Fiktion vorweggenommen wurde. Sie warfen sich wie tot auf die Straße, schwelgten im Selbstmitleid. Später musste »der Wahnsinn am Golf die Existenz der gesamten Menschheit« (PDS) gefährden, damit auch Deutsche leiden durften, und: »Die Kölner Jecken wollen nicht verrecken.« Niemand bedrohte sie.
Doch nur die Grünen und ihre Freunde konnten es mit der Verschlagenheit der Christen aufnehmen. Als der deutsche Krieg wieder legitim wurde, stellte sich heraus, dass die Grünen, die an der Brust der Friedensbewegung gezeugt wurden und der Linken mit dem zutreffenden Verdacht, sie würden es mit der Gewaltfreiheit nicht genaunehmen, das Leben erschwert hatten, gar keine Pazifisten waren. Die Lage erforderte ihr Bekenntnis zum Krieg und sie lieferten dafür abgefeimte Begründungen. Die Tageszeitung freute sich über den Golf-Krieg, weil »Saddam in der Tradition des Hitler-Faschismus« stehe, und Joschka Fischer berief sich bei der Bombardierung der Serben auf die Verhinderung von »Auschwitz«. Hitler und Auschwitz waren nun arabische und serbische Phänomene. Unverschämter hätte der Deutschland real oder ideell regierende Teil der 68er den späten Schlussstrich unter der deutschen Geschichte kaum ziehen können. Da blieb fast unbemerkt, dass die hoch gelobte Friedensbewegung der DDR verschwunden war. Rainer Eppelmann von der Initiative »Schwerter zu Pflugscharen« verkaufte noch schnell NVA-Kriegsgerät in der Welt, wissend, dass sie Leben auslöschen würden – das war’s.

Charakterlose Gleichgültigkeit und die Weisen von Zion
Die Friedensbewegung existiert nicht mehr und die Kriegsbegeisterung ist einer Gleichgültigkeit gewichen. Der Imperialismus führt seine Kriege weit weg im Süden oder in Asien. Man hat mehr Angst um sein Sparbuch als vor dem Krieg, und für den Frieden in anderen Erdteilen fehlt die Empathie. Die charakterlose Abgestumpftheit, mit der Deutsche im Zweiten Weltkrieg Spielsachen jüdischer Kinder in der Kreissammelstelle abholten, äußert sich heute in dem Wunsch, dass die mit Spielzeug beladenen chinesischen Schiffe möglichst nicht von Piraten aufgehalten werden. Man sorgt sich, dass Deutschland wegen der Abstinenz im Krieg gegen Gaddafi von den künftigen Machthabern bei der Ölverteilung übergangen werden könnte.
Bei den Grünen ist Friedenspolitik auf Kurzinterventionen von Christian Ströbele geschrumpft. Prowestliche Linke ziehen in jeden Krieg des Westens. Nicht bedingungslos, die Propaganda muss ihnen versprechen, dass irgendwem »Zivilisation« gebracht werden soll. Dann rufen Antideutsche sogar nach jenem deutschen Militär, das sie in der Traditionen der Wehrmacht einordnen. Die Partei »Die Linke« beantragt noch in alter Friedenstradition, aber ohne Resonanz, den Abzug deutscher Truppen und die Begrenzung der Rüstungsexporte. Bei ihr setzt sich zunehmend durch, dass Kriege dann erlaubt sind, wenn die Uno, in der Despotien in der Mehrheit sind, die Freigabe erteilt. Die Friedensaktionen sind immer häufiger von Ressentiments gegen Amerika und Israel geprägt. Auf Demonstrationen schallt es aus Lautsprechern: »Wir sind alle Hizbollah!«; vorneweg »linke« Abgeordnete.
Bisweilen verschwimmt die Grenze zwischen Friedensaktivisten und Rechtsextremen. Abgeordnete der Linkspartei projizieren ihren antisemitischen Wahn auf totalitäre Organisationen (Hamas, Hizbollah), sofern die nur versichern, Juden vernichten zu wollen. Ein »Bremer Friedensforum« stellte sich – wie früher die SA – mit Schildern vor dem Bauch »Boykottiert israelische Früchte« vor Läden, in denen es jüdische Avocados entdeckt hatte. Nicht nur Christen pflegen »schmierige Frieden«. Die Junge Welt hat »Das Kapital« gegen »Die Protokolle der Weisen von Zion« ausgetauscht. Wussten Sie schon? Hinter den Angriffen auf Muslime in den USA soll sich ein gewisser »Eric Cantor« verbergen! – Was? Den kennen Sie nicht? Das ist doch »der ranghöchste Jude im Kongress und ein führender Vertreter der Pro-Israel-Lobby!« Der Aufstand im Iran für mehr Freiheiten wurde abgefertigt als »konterrevolutionäre Revanche an der islamischen Revolution (…) der Volksklassen«. Der KBW sprach in den siebziger Jahren von »Volksmassen«, als er die Nähe zur Mörderkolonne von Pol Pot suchte.
Dass fast nur noch der Papst und der antisemitische Sumpf im Namen des Friedens unterwegs sind, ist tragisch. Die Sklavenarbeiter in den Minen in den armen Ländern und die Bauern, die von ihrem Land vertrieben werden, damit die reichen Länder mit strategischen Rohstoffen für ihre High-Tech-Industrie versorgt werden und die Böden für den Bedarf an Energie- und Nahrungspflanzen nutzen können, verdienen Unterstützung durch antimilitaristische und antikapitalistische Kämpfe im »Norden« – ebenso Rebellen im arabischen Raum, die sich nicht vom antisemitischen Religionsterror vereinnahmen lassen.
Zweitens ist die Wiederkehr hegemonialer Schlachten evident. Die Konkurrenz der alten und neureichen Imperien (vor allem China) um Mineralien und Böden auf der Welt spitzt sich wegen des siechenden Öls, der klimabedingten Verwüstungen und der Krisen zu, Russland setzt seine Flaggen auf den Grund der Nordmeere, China platzt ökonomisch und militärisch aus den Nähten und beansprucht immer mehr Territorium, andere asiatische Staaten bitten die USA um Schutz, die USA beanspruchen die Führung im asiatisch-pazifischen Raum und kündigen die Aufstockung ihrer Militärpräsenz in Asien an, Europa schwankt zwischen der Bildung eines neuen Machtkerns und dem Zerfall in die Kleinstaaterei.
Kriege wird es geben, solange der Kapitalismus existiert, weil er expandieren muss, sich Märkte, Rohstoffe und fremden Mehrwert aneignen, Investitionen, Transportwege und Sklavenarbeit militärisch sichern muss. Wer das begreift, wird die Worte des Bischofs auf einer Friedenskundgebung: »Lasst bitte keinen Zweifel daran, dass ihr als Friedensbewegung wirklich den Krieg bekämpft und nichts und niemanden sonst« als Aufforderung zum permanenten Krieg verstehen. Man muss mit Dogmatikern der Gewaltfreiheit auskommen, auch wenn sie den Frieden stören – weiter kommt man mit Kurt Hiller, dem Gründer der Gruppe »Revolutionärer Pazifismus«, der nach dem Ersten Weltkrieg erläuterte: »Gewaltloser Pazifismus ist gut als Beschreibung eines Endzielzustandes, als visionäre, eschatologische Malerei, nicht als Anleitung zum Handeln morgen früh.« Morgen früh geht es um die Entehrung und Beseitigung des Krieges und seiner patriotischen, völkischen, ökonomischen und männlichen Wurzeln.