Grober Unfug in Kreuzberg

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Martha Hansch, Teilnehmerin einer Versammlung zum ersten deutschen Weltfrauentag, wurde »grober Unfug« vorgeworfen. Sie und ihre Mitstreiterinnen hatten sich am 19. März 1911 gegenseitig von zu Hause abgeholt, um das preußische Versammlungsverbot zu umgehen und für das Wahlrecht der Frau zu demonstrieren. Die vorgetragene Anklageschrift des preußischen Gerichts sorgt bei den etwa 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmern von »Kreuzberg revisited«, einem queer-feministischen Stadtspaziergang, für allgemeine Erheiterung. Der »Tatort« war damals das Gebiet rund um das Frauenzentrum in der Marienstraße. Treffpunkt der Spaziergängerinnen und Spaziergänger ist nun der Kunstraum Bethanien. Vor dem ehemaligen Krankenhaus spricht eine Rednerin der QueerFem AG pathetisch über das Recht, wütend zu sein, da die Wut Ausdruck der empfundenen Ungerechtigkeit sei. Zuhörende flüstern sich Adornos Satz »Wer denkt, ist nicht wütend« ins Ohr und diskutieren leise über Sinn und Unsinn des Redebeitrags. Letztlich sind aber auch diese Teilnehmerinnen und Teilnehmer sichtlich angetan und stimmen in den Applaus für die Rednerin ein. Weitere Stationen sind der seit 30 Jahren von einem Frauenkollektiv verwaltete Bioladen »Kraut und Rüben« und das Ballhaus Naunynstraße, in dessen Theatervorführungen regelmäßig Kategorien wie Geschlecht und Herkunft in Frage gestellt werden. Vor dem Ballhaus kommt es zu einem Konflikt zwischen einem Getränkelieferanten, der seine Ware abliefern möchte, und den Flanierenden, die wegen der rumpelnden Getränkekisten der Rednerin nicht mehr folgen können. Dabei sind die schwer zu verstehenden Redebeiträge sehr informativ. So dürften sich nur die wenigsten Kreuzberger darüber im Klaren sein, dass ihr Stadtteil bereits in den zwanziger Jahren voller lesbischer Clubs war und dort verschiedenste Zeitschriften von und für Homosexuelle herausgegeben wurden, deren Titelseiten selbst aus heutiger Sicht ein wenig verrucht wirken.