Über Übersetzer, die schon immer arm waren

Im wilden Fluss

Übersetzen ist ein anspruchsvoller Job, der leider viel zu schlecht bezahlt wird und einem jede Menge Ärger einbringen kann.

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Das Übersetzen von Büchern wird oft verglichen mit der Arbeit eines Fährmanns – so, wie der die Reisenden von einem Ufer zum anderen bringt, schaffen wir den Text vom Ufer der einen an die Gestade der anderen Sprache.
Das ist ein schönes Bild, und da wir uns daran nun erfreut haben, werfen wir doch einen kleinen Blick auf den Alltag unter Fährleuten.
»Dieses kleine Buch ist ein großer Roman über Sprache und Wirklichkeit, über Konstruktion von Wirklichkeit durch Sprache. Es ist eine unglaublich spannende Geschichte über einen, der nicht mehr mitspielen will und sich dabei völlig verstrickt in die Unwahrheiten seines eigenen Lebens. Ein wunderbares Buch über die Suche nach dem Authentischen und der Sehnsucht.« Klingt gut, nicht? Und wurde aus einer echten Rezension zitiert, die nicht weiter erwähnt werden, sondern nur als Typus dienen soll. Der Autor, dessen Buch so gelobt wird, hat sich sicher über diese schöne Rezension gefreut, falls sie ihm jemand übersetzt hat, denn er kann kein Deutsch. Er schreibt folglich auch nicht auf Deutsch, auch wenn die Rezension diesen Eindruck erweckt, denn mit keinem Wort erwähnt sie, dass irgendwer das Juwel von Buch übersetzt hat. Und offenbar noch dazu gut, sonst hätte es nicht solche Superlative gehagelt.
Das ist ein Phänomen, das sich immer wieder beobachten lässt: Gefällt dem Rezensenten das Buch, wird die Sprache des Autors gelobt, gefällt es dem Rezensenten nicht, wird die Übersetzung gescholten, meistens ohne die Kritik mit auch nur einem Beispiel zu begründen. Aber immerhin wird dann überhaupt vermerkt, dass es sich um eine Übersetzung handelt. So hat alles seine Vor- und Nachteile, und gar zu viele Rezensionen werden veröffentlicht ohne diese Information oder gar den Namen der Übersetzerin. Die Jungle World hat sich immerhin, zweifellos durch unermüdliches Gequengele der Beschwiegenen, in den vergangenen Monaten ungeheuer gebessert, inzwischen ist schon fast die Hälfte der Rezensionen und der aus übersetzten Büchern entnommenen Texte mit dem Namen der übersetzenden Person versehen.
Manchmal staunt der angesprochene Rezensent und ist noch nie auf die Idee gekommen, dass der Name der Übersetzerin für irgendwen von Bedeutung sein könnte. Der Wink mit dem Urheberrecht (wir müssen erwähnt werden) hilft wenig (wer würde schon wegen einer unterlassenen Erwähnung einen Rezensenten vor Gericht zerren), viel besser ist ein Gleichnis. Würden Sie, fragt die an Kummer gewöhnte Übersetzerin, eine Musik-CD rezensieren und den Namen des Komponisten erwähnen, aber nicht den der Solistin? Nein, würden Sie nicht, und Sie nicken überzeugt.
Dieses Gleichnis hat sich übrigens auf Wanderschaft gemacht, ich habe es erstmals bei der Verleihung des Deutschen Jugendbuchpreises 2008 benutzt. Ich sprach von der »Solistin«, ohne ein Instrument zu nennen (natürlich hatte ich mir eine romantisch lächelnde Harfespielerin vorgestellt), zitiert wird es aber mit »Klavierkonzert« und »der Klavierspieler«. Wir lernen: Rezensenten hören nicht zu. Aber immerhin wird das Gleichnis zitiert, werden wir erwähnt. In den Zeitungen, selbst denen, die weiterhin Rezensionen von übersetzten Büchern bringen, ohne die Übersetzung zu nennen, ist derzeit oft vom »Übersetzerstreit« die Rede, ab und zu wird bei Lesungen danach gefragt. Es ist aber gar kein Streit, wir möchten nur so viel bezahlt bekommen, dass wir davon leben können, während viele Verlage meinen, wir bekämen ohnehin schon zu viel. Pro Seite 20 Euro werde gezahlt, sagt so mancher gewichtige Verlagsherr, aber wer die glücklichen Kollegen sind, die solche traumhaften Honorare einholen, wird nicht verraten. Ich jedenfalls kenne keine.
Solche Berechnungen werden immer nur an »Erwachsenenbüchern« durchgeführt, da Jugendbücher viel schlechter bezahlt werden als andere Literatur, was das Durchschnittshonorar dann noch weiter senken würde. Worin die unterschiedliche Honorierung begründet ist – keine Ahnung. Vielleicht geht es nach dem Lustprinzip: Ich als Fährfrau bringe doch lieber ein tiefgründiges Buch wie »Sofies Welt« vom Ufer der einen Sprache an das der anderen – und keinen Dutzendkrimi aus Schweden, klar, dass ich bei soviel Spaß weniger Fahrgeld kassieren kann. Oder so. Immerhin gibt es Gerichtsurteile, denen zufolge wir immer am Verkauf beteiligt werden müssen, der Streit geht, sehr kurz gefasst, darum, wie diese Beteiligung aussehen soll.
Gerade erst kam aus Dänemark die Schreckensnachricht, dass die Verlage dort die Übersetzerhonorare gekürzt haben und keine Erfolgsbeteiligung mehr bezahlen werden, Gerichtsurteile zugunsten der Übersetzenden gibt es dort nicht und sind wohl auch nicht zu erwarten. Erste Folge: Der renommierte Übersetzer Umberto Ecos, Thomas Harder, weigert sich, den neuen Eco zu übersetzen, und so leicht ist niemand zu finden, der einen solchen Brocken bewältigen kann. Wer denn jetzt Bücher übersetzen soll, wird der händeringend nach einem Eco-Übersetzer suchende Verlagsdirektor gefragt. »Die Leute, die nicht vom Übersetzen leben müssen«, ist seine Antwort.
Von solchen Zuständen sind wir hierzulande glücklicherweise weit entfernt, auch wenn bisweilen von Kollegen Sprüche zu hören sind wie »Übersetzen kann nur, wer mit einer Lehrerin verheiratet ist, die seine Arbeit subventioniert«. Das sagen, wohlgemerkt, die Kollegen, nie die Kolleginnen, doch ehe ich mich auf vermintes Genderterrain wage, lieber etwas über die Arbeit beim Übersetzen.
Die ist nämlich gar nicht so einfach. Eine Sprache bloß fließend zu sprechen und zu verstehen, reicht nicht. Unerlässlich sind Kenntnisse des Landes, in dem diese Sprache gesprochen wird, der Geschichte, der Anspielungen, der wichtigen Zitate, von allem, was einem Buch seine Atmosphäre und den Personen im Buch ihren Charakter verleiht. Stellen Sie sich umgekehrt einen Übersetzer in einem anderen Land vor, der deutsche Gegenwartsliteratur übersetzt, nie von Gernhardt und Bernstein gehört hat und »die schärfsten Kritiker der Elche« aus der Übersetzung weglässt, weil er keine Ahnung hat, was das heißen soll. Der Mann ist nicht erfunden, ich bin ihm begegnet.
Aber es gibt wirklich Worte und Wendungen, die so gut wie unübersetzbar sind, und wir alle können stundenlang alle Zuhörer wahnsinnig mit Beispielen langweilen. Unter Übersetzern aus dem Norwegischen sehr beliebt ist der Buhund, der ein Lieblingstier norwegischer Autoren ist. Eine Hundesorte, norwegischer Buhund, so finden wir ihn bei deutschen Züchtern, aber nur bei ihnen. Und sonst weiß niemand, was das für ein Tier ist. Wörterbücher helfen nicht weiter. Da steht »ein spitzähnlicher Hund«. »In der Ferne bellte ein spitzähnlicher Hund … « Klingt bescheuert, kann ich nicht schreiben. Dann gibt es noch den Lundehund, der steht nicht einmal in den Listen der Hundezüchter, und die Wörterbücher schweigen. Nur in einsprachigen norwegischen Wortlisten werde ich fündig: »Ein buhundähnlicher Hund.« In solchen Fällen gibt es nie eine Lösung, die sich immer wieder verwenden lässt, jede Situation muss neu überlegt und geklärt werden. Bei meinem letzten Buhundfall habe ich die Autorin – die wunderbare norwegische Krimiautorin Unni Lindell – gefragt, sie streichelte Kater Knut, der sich gerade zu uns gesellt hatte, und sagte: »Mach, was du willst, Hunde sind mir egal.« Es wurde also ein Spitz in der deutschen Übersetzung. Nicht gerade phantasievoll, aber für die Situation im Buch absolut passend.
Wenn ich Pech habe, liest das dann ein Rezensent von der Sorte, die Übersetzer nur erwähnen, wenn ihnen etwas nicht passt, und schreibt: »Die Übersetzung kann ja nichts ­taugen, die Übersetzerin kann nicht einmal die gängigsten Hunderassen voneinander unterscheiden.« Auch das kommt häufiger vor, als man denkt. Hier ein selbsterlebtes Beispiel: In einem dänischen Jugendbuch gibt es einen Jungen, der altmodische Ausdrücke und Wörter sammelt. Immer, wenn er den Mund aufmacht, wenden sich seine Kumpels genervt ab und denken »Nicht schon wieder!« Aber natürlich kommt dann wieder ein schönes altertümliches Wort, er geht nicht ins Kino, sondern ins Lichtspielhaus, fährt mit der Elektrischen und nicht mit der Straßenbahn. Gleich die erste Rezension fing hymnisch an: Grandioses Buch, witzig, spannend, nur leider, die Übersetzung ist total daneben. »Der Junge benutzt ja so altmodische Wörter, das tut kein modernes Kind.« Wir lernen: Lesen tun die Rezensenten auch nicht. Vielleicht ist es also gar nicht so schlecht, wenn sie gar nicht erst bemerken, dass es sich um eine Übersetzung handelt, immerhin bleiben uns dann solche Peinlichkeiten erspart. Es hilft auch nicht viel, einen Brief an die Redaktion zu schreiben und um Richtigstellung zu bitten. Wenn die erscheint, ist die Ursache längst vergessen und wir stehen da als beleidigte Leberwurst.
Manchmal aber nimmt auch solch eine Affäre ein gutes Ende. Wir machen einen Sprung nach Norwegen, wo ein bekannter Rezensent das neue Buch von Thomas Pynchon verriss, da die Übersetzung unter aller Sau sei. Dazu brachte er Beispiele und es ergab sich, dass die allesamt in der norwegischen Ausgabe gar nicht vorhanden waren, sondern aus einer überaus fehlerhaften englischen Zusammenfassung stammten, die der Rezensent im Internet gefunden hatte. Weil Herr X in Norwegen sehr bekannt ist, fanden andere Zeitungen den Fall so lustig, dass alle darüber schrieben, der Übersetzer war rehabilitiert, und die beleidigte Leberwurst war der Rezensent, der erklärte: Nie wieder werde er eine Übersetzung rezensieren, sondern nur noch Bücher in Originalsprachen. Seither schweigt er. Aber, wie gesagt: Nicht alle Fälle dieser Art nehmen ein gutes Ende, und die Fahrwasser der Übersetzerei sind voller Stromschnellen und Tücken, während am Ufer die Zaungäste Ignoranz und Verrat auf der Lauer liegen. Schöne Bilder, nicht? Lernt man beim Übersetzen.