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Gibt es unter Ihnen eigentlich noch Leute, die nicht an den Feiertagen arbeiten müssen? Sollte unsere Leserschaft mehrheitlich aus Menschen wie uns selbst bestehen, aus kreativen Freiberuflern also, ist das kaum anzunehmen. Nun gehörte die Hoffnung auf ein Leben, das nicht in die gleichermaßen öden Phasen Arbeit und Freizeit zerfällt, ja seit jeher zur Utopie einer freien Menschheit. Man sollte, so die Vorstellung, weder arbeiten müssen, um zu leben, noch leben, um die ganze Zeit zu arbeiten. Vielmehr sollte das ganze Leben selbstbestimmte, freie Tätigkeit sein und jede Tätigkeit lebendiger Bestandteil des eigenen Lebens. Irgendwie scheint sich diese Utopie mittlerweile auf verkehrte Weise verwirklicht zu haben. Einige von uns identifizieren sich bereits so stark mit unserem jungdynamischen Kreativbetrieb, dass sie manchmal kurz davor sind, ihre Überweisungsanträge statt mit »Manfred Mustermann« mit »Lekto Rat« oder »Carni Vora« zu unterschreiben.
Natürlich hat ein fließender Übergang zwischen Beruf und Restleben auch Vorteile. Beispielsweise müssen wir fast nie unsere Verabredungen mit Freunden wegen interner Treffen absagen, weil wir sowieso fast nur untereinander befreundet sind. Außerdem brauchen wir im Privatleben nicht darauf zu achten, keine Betriebsgeheimnisse an Betriebsfremde weiterzugeben, weil wir schon seit Jahren kaum noch mit Betriebsfremden sprechen, sondern nur noch – na, Sie wissen schon, mit Freunden eben. Und nicht zuletzt kommen einem die besten Ideen meist nachts oder am Sonntagmorgen, da ist es doch praktisch, wenn man zu diesen Zeiten ohnehin vor dem PC sitzt, um sie aufschreiben zu können.
Aber einige Nachteile hat die Freizeitarbeit doch. Zum Beispiel die Kirchenglocken, die an den Feiertagen noch öfter zu hören sind als während der Woche. Eine Kirche, deren Glocken besonders laut schlagen, befindet sich in unmittelbarer Nähe unserer Redaktion. Wenn es dort zu läuten beginnt, müssen wir, damit nicht die Kaffeetassen von den Tischen purzeln, alle Fenster schließen, was bei den derzeit herrschenden Temperaturen unangenehm ist. Zuletzt war das am Pfingstmontag so, der noch andere Nachteile barg. Etwa, dass die nahe Markthalle nicht geöffnet hatte, was die Essensbeschaffung erschwert, und dass das Tor zu unserem Gebäude immer wieder verschlossen wurde, weil die Tatsache, dass hier Kreative arbeiten, sich nicht bis zu unserer Hausverwaltung herumgesprochen hat. Offenbar müssen wir uns wirksamer in der Öffentlichkeit präsentieren. Ein Schritt dahin wird im »Dschungel« dieser Ausgabe unternommen: Er enthält die erste Glosse einer Kolumne, die der Chefredakteur der Titanic, Leo Fischer, künftig für uns schreiben wird.