Mordprozess gegen einen schwedischen Rassisten

Profil erstellen und töten

In Schweden steht der mutmaßliche rassistische Mörder Peter Mangs vor Gericht. Seine Opfer suchte er angeblich über rassistische Blogs.
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Anders als der Mann, der ihm kürzlich einen begeisterten Fan-Brief schickte, schweigt Peter Mangs während seines Prozesses meistens. Im Gegensatz zu Anders Breivik, der ihm und dem mutmaßlichen NSU-Mitglied Beate Zschäpe seine »moralische Unterstützung« angeboten hat, nutzt der 40jährige, dem dreifacher Mord und 14facher Mordversuch vorgeworfen wird, den Gerichtssaal nicht als Bühne. Er sei unschuldig, hatte Mangs zu Prozessbeginn erklärt, obwohl alle Indizien – wie die bei ihm gefundene Tatwaffe und Hausschlüssel der Opfer – gegen ihn sprechen. Auch zu einem aufgezeichneten Telefongespräch mit der Malmöer Polizei, in dem er versucht hatte, einen Nachbarn als wahren Täter hinzustellen, äußerte er nur: »Antwort: nein.«
Geschwiegen hatte Mangs auch während der ersten Verhöre nach seiner Festnahme. Wenn ihm eine Frage zu weit ging, fing er an zu singen. Damit möchte Mangs womöglich eine Selbstdiagnose bestätigen: Er hält sich für jemandem, der am Asperger-Syndrom leidet, einer Form des Autismus – diagnostiziert wurde dies bei ihm jedoch nie. »Offenbar verstehen Sie nicht, wie ich denke«, antwortete Mangs während des Prozesses mehrmals auf Fragen des Staatsanwalts.

Dabei ist inzwischen längst geklärt, wie der Mann vorging, den seine eigene Mutter als »Rassisten« bezeichnet. »Mit nachtschwarzer Präzision« habe Mangs seine Taten geplant, schrieb die schwedische Journalistin Anna-Lena Lodenius zu Prozessbeginn, er habe »peinlich genaue Profile« von ihm verhassten Personen wie »Einwanderern, Journalisten, Kriminellen und Künstlern angefertigt, sich ihre Adressen besorgt« und sich in manchen Fällen »bis zu fünf Mal Zutritt zu ihrer unmittelbaren Umgebung verschafft«.
Wie akribisch er nach potentiellen Opfern suchte, hatte Peter Mangs den ihn verhörenden Polizisten nach einigen Wochen schließlich doch noch geschildert. Auf rassistischen Websites wie »Politisk Inkorrekt« (PI) habe er Namen und Bilder von potentiellen Opfern gefunden, gab er zu. Auf legalen Suchmaschinen wie »Ratsit«, wo in Schweden für jedermann zugängliche Daten wie Wohnorte und Einkommensverhältnisse gesammelt werden, habe er nach ihren Adressen gesucht. »Fast wie ein Hobby, eine Art Spionage, nur eben mit öffentlich zugänglichen Informationen«, beschrieb Mangs seine Opfersuche. Eines dieser Opfer war der 22jährige Xhafer Dani, den Mangs am 10. Oktober 2009 in dessen Auto erschossen haben soll, zusammen mit der zufällig neben Dani sitzenden Trez West Persson.
Bei PI hatte Mangs jedoch nicht nur nach Menschen gesucht, die er töten wollte. Unter dem Nickname UsamaBinLadulås verfasste er 63 Kommentare zu seinen Lieblingsthemen, wozu unter anderem die gängigen Verschwörungstheorien zu 9/11 gehörten. Zudem listete Mangs immer wieder seiner Meinung nach jüdische Medienunternehmen und Journalisten auf, die ihm zufolge Schweden und die ganze Welt beherrschten. »Ohne das Judentum kein Zionismus. Ohne Zionismus kein Israel«, postete er.

Das Blog »Politisk Inkorrekt« war 2008 gegründet worden, um Meldungen zu verbreiten, die angeblich von der schwedischen Presse zensiert wurden. Stets ging es um angebliche negative Folgen von Einwanderung und kultureller Vielfalt. Das antifaschistische Magazin Expo bezeichnete PI als »rassistisch und fremdenfeindlich«. PI gehörte zu den 100 beliebtesten Seiten Schwedens – und zur rechten Partei Sverigedemokraterna (Schwedendemokraten). Betrieben wurde die Seite unter anderem von deren Fraktionsvorsitzendem Ken Ekeroth. Für Spenden an PI hatte er seine eigene Kontonummer angegeben, wie vor einem Jahr bekannt wurde. Kurz darauf wurde PI eingestellt.
Mangs war bereits lange vor seiner Verhaftung wegen israelfeindlicher Äußerungen bei PI gesperrt worden. Wie bei ähnlichen Blogs legte man bei PI Wert darauf, nicht als antisemitisch zu gelten – eine Haltung, die jedoch von der Mehrheit der Leserinnen und Leser nicht geteilt wurde, wie die Kommentar-Archive zeigen. Und auch die Mitglieder der Schwedendemokraten sind lange nicht so israelfreundlich und nazifeindlich, wie sich die Partei nach außen hin gerne präsentiert.
Eddie Påfvelsson, stellvertretender Vorsitzender der Schwedendemokraten in Ale und früheres Mitglied der Nationalsocialistisk Front (Nationalsozialistische Front), nannte den Nationalsozialismus in der vergangenen Woche »keine Ideologie des Hasses, sondern der Liebe, der Natur und der Tiere – wo man eben in Synergie lebt«. Die Jugendorganisation SDU hatte bereits im Herbst Solidarität mit den Palästinensern gefordert, nun trat die Parteiveteranin Solveig Renhammar-Metus aus, weil »die Partei von einer Clique Zionisten« gesteuert werde.

Das Nachfolgeblog von PI, Avpixlat (deutsch etwa: »unverpixelt«, also nicht zensiert), führt das Konzept von PI nahezu unverändert weiter. Mit Halbwahrheiten und verdrehten Fakten wird versucht, Stimmung gegen Einwanderer zu machen, zum Beispiel durch einen auch auf deutschen rechten Blogs verbreiteten Artikel, dem zufolge Polizisten kein Schwedisch mehr beherrschen müssten. Dass dies eine äußerst eigenwillige Schlussfolgerung ist, dürfte den einschlägigen Leserkreis wenig interessieren: In Wirklichkeit wurde lediglich das Bewerbungsverfahren landesweit angeglichen und damit der mancherorts übliche Sprachtest zugunsten von auf Schwedisch geführten Einstellungsgesprächen und -tests abgeschafft.
Mangs kann Avpixlat auf dem Computer in seiner Zelle nicht lesen, ein Internetzugang ist ihm verboten. Er vertreibt sich seine Zeit mit einschlägiger Verschwörungsliteratur, Deutschkursen und dem Schreiben von Liedern. Und mit Zukunftsplänen. Falls er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werde, wolle er seine bereits begonnene Biographie beenden, erzählte er einer Psychologin. Ansonsten plane er, seinen Lebensabend auf einer Mittelmeerinsel zu verbringen. Ob er sich im Verfahren zu seinen Motiven äußern wird, ist dagegen weiterhin unklar.