Rechtsextreme Hooligans in Dresden

Anpfiff für den Mob

Die Europameisterschaft ist für Migranten und Linke in Dresden nicht das friedliche Fußballfest, von dem in den Medien gern die Rede ist. Anhänger von Dynamo Dresden machen die Stadt unsicher.
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»Ob Sieg oder Niederlage ist uns gleich, wir reisen für dich durchs ganze Reich!« Das singt der HipHopper Budo44 in einer Hommage an den Fußballverein Dynamo Dresden. Der junge Mann gehört zum Umfeld der Fan- und Hooligan-Gruppe »Faust des Ostens«. Zum Auftaktspiel der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der Europameisterschaft 2012 besuchte Budo44 gemeinsam mit seinen Freunden das »Public Viewing« am Elbufer. Mehr als zehn Personen aus dieser Gruppe von etwa 60 jungen Männern und Frauen reckten während der deutschen Nationalhymne den rechten Arm zum Hitlergruß. Anders als bei vergangenen Übertragungen von EM- oder WM-Spielen war der Veranstalter vorbereitet und filmte sie dabei. Die Polizei erhielt noch in der Halbzeitpause Fotos und konnte einige Täter identifizieren.

Thomas Geithner, Pressesprecher der Dresdner Polizei, sagt der Jungle World, das Videomaterial müsse noch weiter ausgewertet werden. Erst nach dem Abschluss der Ermittlungen könne man mit Sicherheit sagen, inwieweit das Zeigen des Hitlergrußes »vielleicht alkoholbedingt, vielleicht politisch motiviert« gewesen sei. Geithner betont, dass es sich bei den betreffenden Personen angesichts der vielen Tausend weiteren Zuschauer ohnehin nur um eine »Minderheit im Promillebereich« gehandelt habe. Bereits am Abend vor dem Spiel versammelten sich ungefähr 50 junge Anhänger von Dynamo Dresden an der Elbe. Sie feierten, zündeten Feuerwerkskörper, zeigten ebenfalls den Hitlergruß und grölten rassistische Parolen. Etwa die Hälfte von ihnen zog nachts in das Szeneviertel Neustadt und pöbelte vermeintliche Migranten sowie Linke an. Dabei kam es vereinzelt zu Handgreiflichkeiten. Gegen fünf Uhr morgens jagten dann einige der Dynamo-Fans einen dunkelhäutigen Deutschen und seine zwei Begleiterinnen durch die Straßen. Die Polizei schritt gerade noch rechtzeitig ein und verhinderte so, dass die drei ernsthaft verletzt wurden.
Nach Auskunft des Antifa-Recherche-Teams (ART) Dresden gehören die an diesen Vorfällen Beteiligten alle zum Umfeld der Fan- und Hooligan-Gruppe »Faust des Ostens«. Ihr gehören bis zu 200 Personen an, einige von ihnen unterhalten Verbindungen zu organisierten Nazis. Trotzdem handelt es sich nicht um eine homogene Truppe neonazistischer Fußballfans. Für Simone Ritter vom ART ist die »Faust des Ostens« nur ein Name von vielen. Bei Dynamo Dresden gebe es zahlreiche solcher Zusammenschlüsse, sagt sie, für viele Jugendliche stehe dabei der »Actionfaktor« und nicht die Politik im Vordergrund. Ritter betont jedoch, dass gerade das spontane Moment diese Gruppen unberechenbar mache. »Sie treffen sich spontan irgendwo und werden zur Bedrohung für Migranten und Linke. Man weiß heute nicht, wo sie morgen auftauchen.« Ereignisse wie die Europameisterschaft böten einen willkommenen Anlass für Gewalttaten.
Dieser Einschätzung stimmt Andrea Hübler von der Beratungsstelle für Betroffene rechter Gewalt der RAA Sachsen e.V. zu. Wenn die deutsche Nationalmannschaft spielt, nimmt die Zahl rechtsextremer und rassistischer Angriffe deutlich zu, so ließen sich die Beobachtungen der Opferberatungsstellen zusammenfassen. Mit Körperverletzungen, aber auch gezielten Sachbeschädigungen sei dann erfahrungsgemäß zu rechnen.
Welche Gefahr von rechtsextremen Fußballfans ausgeht, zeigte 1998 der Tod von Nuno Lourenço in Leipzig. Nach einem verlorenen WM-Spiel der deutschen Mannschaft am 4. Juli 1998 griffen acht Deutsche den jungen Portugiesen an und miss­handelten ihn schwer. Im Dezember 1998 starb er an den Folgen der Attacke. Etwa 100 Antifaschisten erinnerten in der vergangenen Woche in Leipzig an die Tat. Für Hübler waren die Angriffe rechter Hooligans nach dem EM-Halbfinalspiel Deutschlands gegen die Türkei im Sommer 2008 ein Höhepunkt der Gewalt in Dresden. Damals griffen 30 vermummte Hooligans, von denen einige mit Holzlatten und Eisenstangen bewaffnet waren, in der Neustadt Menschen und Geschäfte an. Lediglich vier Täter wurden bisher rechtskräftig verurteilt, nur der Anführer erhielt eine Gefängnisstrafe.

Taten wie diese und die Hooligangruppe »Elbflorenz« haben bei den gewaltbereiten Fans in Dresden einen guten Ruf. Der harte Kern der »Hooligans Elbflorenz« steht seit August 2011 wegen des Vorwurfs der Bildung einer kriminellen Vereinigung vor Gericht (Jungle World 36/2011). Ein Ende des Prozesses ist noch nicht in Sicht. Am 5. Juni gab es auch bei Mitgliedern der Gruppierung »Faust des Ostens« Hausdurchsuchungen. Auch gegen sie möchte die Staatsanwaltschaft Dresden nach Paragraph 129 vorgehen.
Die Hooligans wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung anzuklagen, zeigt jedoch vor allem, wie ratlos die Behörden sind. Die locker organisierten und fluktuierenden Gruppen gewalttätiger Fußballfans überfordern den Staat. Zwar haben die Innenminister der Länder auf der jüngsten Innenministerkonferenz die Absicht bekundet, Gewalt am Rande von Fußballspielen entschieden zu bekämpfen. Doch über die Mittel ist man sich unschlüssig. Verfahren nach Paragraph 129 einzuleiten, ist für die Behörden dabei zunächst einmal eine Möglichkeit, Informationen zu sammeln. Dass dadurch Angriffe verhindert werden, ist wegen der losen Organisierung der Gruppen und der Spontaneität solcher Attacken zu bezweifeln.
Zudem verschleiert die Unterscheidung zwischen kriminellen Schlägern und harmlosen Deutschland-Fans einen gesellschaftlichen Zusammenhang. Einer Studie des Bielefelder Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung zufolge führt der bei Fußballspielen der deutschen Mannschaft demonstrierte Nationalstolz bei einer Vielzahl der Anhänger zu einer verstärkten Abwertung von als fremd wahrgenommenen Gruppen. Die jugendlichen Hooligans setzen also in die Tat um, was viele Menschen ohnehin umtreibt.