Joachim Gauck und die Bundeswehr

Der Bundesprediger

Joachim Gauck bringt den Protestantismus in deutscher Reinkultur zum Klingen.

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Brite müsste man sein. Dann hätte man eine Queen, die ihre Tätigkeit auf gelegentliches Winken vom Palastbalkon beschränkt, sich strikt aus der Politik raushält und ihre Untertanen nicht mit länglichen Reden nervt. Hierzulande jedoch qualifiziert sich als Staatsoberhaupt, wer zu jedem beliebigen Anlass seinen Senf dazugeben kann und dabei diesen salbadernden Ton anschlägt, der gewöhnlich als staatsmännisch bezeichnet wird. Wer also wäre besser für das »höchste Amt im Staate« geeignet als ein Evangelisch-Scheinheiliger, der seine DDR-Karriere als Freiheitskampf definiert und beim Staatsbesuch in Israel unverfroren Parallelen zwischen den Archiven der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und der Stasi-Unterlagenbehörde zieht?
Moralische Instanz wird so einer genannt, und er darf überall dort aktiv werden, wo es gilt, die Ladung eines Güllewagens rhetorisch in Wein zu verwandeln. So auch vergangene Woche an der Bundeswehrakademie in Hamburg. Das Segnen von Kanonen ist inzwischen aus der Mode gekommen; heutzutage wird ein Bundesprediger gebraucht, der in seine Rede schon mal einen »Abscheu gegen Gewalt« einstreut und dem Wort »Krieg« im Zusammenhang mit aktuellen Einsätzen der Truppe weiträumig ausweicht. Eine Sportpalastrede, wie manche Kritik glauben lassen könnte, ist das nicht; was sie so unerträglich macht, ist vielmehr die klebrige Verlogenheit, ohne deren Begleitung heute kein »Mutbürger in Uniform« (Gauck) mehr zum Bomben und Schießen losgeschickt wird. Die Heuchelei ist allen bewusst und von allen gewollt. Der Bundespräsident, dem die Binsenweisheit rausrutschte, dass die Marine am Horn von Afrika nicht für Menschenrechte, sondern für freie Handelswege kämpft, war danach nicht mehr lange Präsident.
So ist es nur logisch, dass einen bei Sätzen wie »Dass Frieden, Freiheit und die Achtung der Menschenrechte vielfach nicht von allein entstehen – wer wüsste das besser als wir Deutschen? (…) ›Ohne uns‹ als purer Reflex kann keine Haltung sein, wenn wir unsere Geschichte annehmen«, ein Déjà-vu-Gefühl der unheimlichen Art beschleicht: So etwas könnte sinngemäß aus Joseph Fischers Redemanuskripten aus der Zeit des Jugoslawien-Kriegs abgeschrieben sein. Womit auch erklärt wäre, worüber sich naivere Zeitgenossen immer noch wundern, warum nämlich ausgerechnet der Konservative Joachim Gauck zum Wunschpräsidenten der Grünen erkoren wurde.
Doch auch einem, der den Jargon des Pfaffen-Neusprechs dermaßen perfektioniert hat, entwischt gelegentlich eine Phrase, die erahnen lässt, wie es tatsächlich im Staatsoberstübchen aussieht. So konnte es Gauck sich nicht verkneifen, das Redemanuskript auszuschmücken und über die »glückssüchtige Gesellschaft« zu nörgeln, die sich immer noch nicht daran gewöhnen will, dass Soldaten auch schon mal in Särgen heimkehren.
Dass es den Leuten noch viel zu gut gehe, ist neben der Freiheits- und Verantwortungslitanei ja ohnehin eines von Gaucks Lieblingsthemen: So klingt der Protestantismus in deutscher Reinkultur. Und so mancher der lauschenden Kommissköppe wird zustimmend genickt oder die präsidiale Untertanenschelte einfach in das ungeschriebene Motto des Kriegshandwerks übersetzt haben: »Schwund ist einkalkuliert.«