Das Verbot von Pyros ist autoritärer Kontrollwahn

Feuer und Flamme

Die Forderung, Pyrotechnik und Stehplätze in Stadien zu verbieten, ist ein autoritärer Angriff auf eine sehr kleine Freiheit.
Von
Anzeige

Dass man selbst auf Punkrock-Konzerten nicht mehr rauchen darf, ist bereits üblich geworden. Es kann nicht mehr lange dauern, bis es auch da nur noch Sitzplätze gibt und alkoholfreies Bier. Denn was für die einen Pogo ist und Spaß, ist für die anderen der Untergang des Abendlandes. Was, wenn man nur gepflegt den dargebotenen Kompositionen der Künstler lauschen möchte? Was, wenn Kinder zwischen so eine besoffene, tanzende Punkermeute geraten? Wie soll man denn da mit der ganzen Familie hingehen? Die Antwort auf diese Fragen ist einfach: Gar nicht, bleib zu Hause! Wer einen Sonntagsausflug mit Kind, Fiffi und Picknickkorb machen möchte, soll die frisch geputzten Räder aus dem Keller holen (Fahrradhelme nicht vergessen!) und ins Grüne fahren (nur nicht ins Umland, wo die Nazis sind!), den aufgeräumten Park bestaunen (aber nicht die befestigten Gehwege verlassen!), dort sein Schinkenbrot rausholen (wenn es Bio und ohne Zusatzstoffe ist!) und eine Limo trinken (aber Vorsicht vor den Wespen!). Kurz: Es ist das gute Recht der Menschen, sich eine möglichst sichere, geregelte und kontrollierte kleine heile Welt um sich herum zu wünschen, aber das Paradies solcher Leute ist meine Hölle. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der jedes Risiko beseitigt, jede Gefahr gebannt ist, ohne Überraschung, ohne Erschütterung, kontrolliert und angeleint; die Welt ein großes Paderborn, eine sterile Adrian-Monk-Wohlfühloase.
Ich bin, wie man sagt, fußballinteressiert, bin leidenschaftlicher Fan einer Bundesligamannschaft, aber große Menschenmengen und identitärer Gruppenzwang bereiten mir in der Regel Unbehagen. Ja, ich verfolge Fußball gerne ab und zu auch mal im Stadion, lieber aber am Fernseher, am Radio, im Internet, in der Zeitung. Fußball ist Unterhaltung. Bestens unterhalten fühlte ich mich beim Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC Berlin. Da war alles dabei: Action, Herzschmerz, Spannung, viele Komparsen und bunte special effects, herrlich! Wie im Kino. Da bezahlt man doch gerne seine Fernsehgebühren – und damit die Fußballvereine.

Nicht, dass Pyros im Stadion anzuzünden ein Ausdruck von Freiheit wäre, aber die Forderung, sie zu verbieten, die ist eindeutig ein Impuls von Freiheitsgegnern. Nicht, dass ich persönlich unbedingt einen Stehplatz brauche, wenn ich ins Stadion gehe, aber Stehplätze im Stadion verbieten zu wollen, ist nichts als autoritärer Kontrollwahn. Natürlich kann etwas passieren, wenn man unter mehreren tausend alkoholisierten und aufgekratzten, größtenteils männlichen Fußballfans in der Kurve steht. Aber schon der Weg zum Stadion, das Überqueren der Straße, ist gefährlicher als jeder Stadionbesuch. Von mehr als 17,5 Millionen Stadionbesucherinnen und -besuchern in der Erst- und Zweitligasaison 2010/2011 wurden insgesamt 846 Personen verletzt, viele davon durch unverhältnismäßige Polizeieinsätze, manche durch Schlägereien, aber fast niemand durch Pyrotechnik. Doch selbst wenn man das alles zusammennimmt, liegt das Risiko, im Stadion Opfer von Gewalt oder Unfällen zu werden, bei 0,005 Prozent. Wer nicht mal ein minimales Risiko einzugehen bereit ist, der darf, das ist sein gutes Recht, zu Hause am Bildschirm das Spiel verfolgen oder in einer gepolsterten Sitzplatzloge hinter Glas. Ja, es ist ein zivilisatorischer Fortschritt, dass man nicht mehr selbst ins Kolosseum gehen muss, das soll nicht bestritten werden, aber wer dennoch dorthin gehen möchte, der will doch nicht, dass es da genauso ist wie daheim auf der Couch.
Pyrotechnik sei doch gefährlich, hört man ständig. Statistisch lässt sich das nicht belegen. Dass Bengalisches Feuer bei unsachgemäßem Gebrauch tödlich sein kann, ist zwar richtig, aber das trifft auch auf Messer, Gabel, Schere, Licht, ja sogar auf zehn Esslöffel Salz zu. Pyros haben in der Regel mit Fan-Gewalt nichts zu tun. Dass sie in Einzelfällen aufs Spielfeld geworfen werden, ist natürlich abzulehnen, aber viel öfter wird mit Geldmünzen auf Spieler an der Eckfahne geworfen – auch gefährlich. Es kommt jedoch niemand auf die Idee, Geld verbieten zu wollen.

Bei jedem Oktoberfest, jeder Kirmes, überhaupt überall, wo Menschenmassen zusammenkommen, und erst recht, wo der Anteil von jungen Männern überdurchschnittlich hoch ist, ist es gefährlich – außer bei Nürnberger Parteitagen und Massenchoreographien in Pjöngjang, dort wird freilich kein Streichholz ohne Order von oben abgebrannt. Ist das die Sicherheit, die die Pyro-Gegner wollen? Fußballstadien sind in Deutschland ohnehin schon vollständig kontrollierte Räume, in die man nur nach intimster Abtastung und Taschenkontrolle hineingelassen wird, wo dich ständig Kameras beobachten. Die Anti-Ultra-Hysterie ist ein autoritärer Angriff von Kontrollfreaks auf die wirklich winzige Freiheit, stehend im Stadion eine etwas bessere Wunderkerze anzünden zu können.
Als voriges Jahr im Oktober in Hannover die Polizei im Spiel gegen die Bayern die Nordkurve stürmte, weil sie Pyrotechnik beschlagnahmen wollten, wurden 27 Personen verletzt – durch Reizgas der Polizei. Durch Pyrotechnik niemand.