Eine Kritik der sogenannten »Fankultur«

Kein Spiel mit dem Feuer

Für den Fußballgenuss braucht es weder Feuerwerk noch »Platzsturm«. Dennoch ist der Ultra schnell beleidigt, wenn jemand seine »Fankultur« kritisiert.

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Ganz ehrlich, ich habe aufrichtig versucht, diese Menschen zu verstehen. Schließlich haben wir eine Gemeinsamkeit: Wir haben Spaß daran, am Wochenende am Fußballplatz zu stehen, ein Schlückchen zu trinken, eine leckere Kleinigkeit zu essen und der Mannschaft unserer Gunst einige Liedchen zu singen.
Doch schon bei den grundlegenden Begrifflichkeiten wird es schwierig: Was für die einen eine triviale und gerade deshalb großartige Freizeitbeschäftigung ist, gilt anderen als »Fankultur«. So nennen Organisationen wie Pro Fans, das Bündnis aktiver Fußballfans, »Unsere Kurve« und etliche Ultragruppen den schlichten, schönen Zeitvertreib. »Kultur« – das klingt schon ganz anders als einfach nur »Fußball gucken«, es klingt nach etwas Höherem, Größerem, Edlerem, nach einer zu bewundernden und schützenswerten Errungenschaft.
Dementsprechend beleidigt reagieren diese Fußballfans, wenn jemand etwas an ihrer »Kultur« auszusetzen hat. Beispielhaft lässt sich dies in der Debatte um den Gebrauch von Feuerwerkskörpern im Stadion verfolgen. Stigmatisiert, kriminalisiert und überhaupt aufs Schlimmste missverstanden fühlen sich pyrophile Ultras. Ansonsten auf das Image der harten Jungs bedacht, wie ihr Name schon sagt, verfallen sie in großes Gejammer und stilisieren sich zu armen Opfern des DFB und der Medien. Dabei sprechen aus der Sicht des einfachen Zuschauers, also aus meiner Sicht, triftige Gründe gegen das Feuerwerk im Stadion: Wer von Bengalischen Feuern und Rauchbomben eingenebelt wird, sieht nichts mehr von dem Spiel, für das er ja eigentlich am Platz steht. Und wer sich davon überzeugen möchte, dass Betrunkene im Umgang mit Feuerwerkskörpern nicht das allerbeste Händchen haben, sollte Anfang Januar Feuerwehrberichte lesen. Ordentlich angetüdelte Fußballfans dürften auch nicht unbedingt geschickter sein. Man sollte sie schon im Dienste ihrer eigenen Gesundheit davor bewahren, mit Bengalischen Feuern zu hantieren.

Doch solche Einwände lassen die Ultragruppen, denen das Feuerwerk eine Herzensangelegenheit ist, nicht gelten. Denn diese Fußballfreunde, die sich gern als die wahren, echten Fans darstellen, scheinen ein beinahe libidinöses Verhältnis zu Feuerwerkskörpern zu pflegen. So betreiben allerlei Ultragrüppchen die Kampagne »Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren« und bezeichnen sich als »Anhänger einer lebendigen und fröhlichen Pyrotechnik«. Sie »lieben die einzigartige Atmosphäre, wenn die Mannschaften auf den Platz kommen und von rotem Leuchten unter Flutlicht begleitet werden«. Sie »lieben die Emotionen, die mit einem Freudenfeuer nach dem Tor verbunden sind«. Sie »lieben es, wenn die Kurve in einem Meer aus Farben untergeht«. Kurz: Sie »lieben die Pyrotechnik«.

Bei so viel Liebe haben es Argumente schwer. Respektieren sollte man die »Emotionen« aber keinesfalls. Denn manchmal gehen sie mit den Menschen durch. Deshalb sind Männerrudel – nichts anderes sind Ultragruppen ganz überwiegend –, die in kollektiver Erregung der unbändige Drang überkommt, etwas anzuzünden, eine lästige Erscheinung. Und gänzlich grotesk wird die Gefühlsduselei angesichts der Tatsache, dass Ultras vor lauter Emotionen schon mal Anhänger anderer Vereine vermöbeln. Dass die »Gewaltaffinität« zahlreicher Mitglieder eine hässliche Sache ist, hat sich bei den meisten Fangruppen zwar mittlerweile herumgesprochen. Dass die martialische Kraftmeierei in den Blöcken und ihre gelegentliche Vollstreckung an Anhängern rivalisierender Vereine willkommene Anlässe für findige Ordnungspolitiker sind, die Stadien noch weiter in gutbewachte Hochsicherheitstrakte zu verwandeln, kommt ihnen unter keinen Umständen in den Sinn. Doch in diesem Fall gilt tatsächlich: Sowas kommt auch von ­sowas.
Dabei ließe sich das Problem ganz pragmatisch und ohne die Hysterie lösen, welche die öffentliche Debatte meist bestimmt. Es soll ja tatsächlich Hooligans geben, die sich am Spielfeldrand und in der Umgebung der Stadien friedlich verhalten, um sich dann zu Wald-, Feld- und Wiesenschlägereien zu treffen. Nun gibt es zwar nichts Idiotischeres, als sich wegen eines Fußballspiels auf die Schnauze zu hauen. Doch Menschen, die dies in gegenseitigem Einvernehmen an abgeschiedenen Orten tun, seien die gebrochenen Nasen von Herzen gegönnt. Könnten sich also Fußballfans, die nicht von ihrer geliebten Pyrotechnik lassen können, nicht auch einfach auf irgendwelchen Feldern zum Fackelmarsch mit anschließendem Feuerwerk treffen? Könnten Ultras, die unbedingt Absperrgitter erklimmen wollen, nicht einfach in Wäldern auf Bäume statt auf Zäune klettern? Könnte, wer ohne einen »Platzsturm« nicht auskommt, nicht einfach irgendwo weit draußen vor der Stadt plärrend über eine Wiese rennen? Dann könnten nämlich alle anderen im Stadion ungestört einem sehr schönen Zeitvertreib nachgehen.