Wenn Popstars älter werden

Never get old

»Live fast, die young«, haben Rockstars früher propagiert. Diejenigen, die sich nicht daran gehalten haben, sind nicht nur in Würde, sondern auch mit Erfolg gealtert.

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»Die Gesellschaft von Jüngeren genieße ich sehr. Je lauter und peinlicher, desto besser. Ich bin der Meinung, dass es ihr Recht und sogar ihre Pflicht ist, sich danebenzubenehmen«, sagt Jon King, Sänger der legendären Gang of Four. Nachdem sich die Band Mitte der Achtziger aufgelöst hatte, kam es 2004 im Zuge der Popularisierung ihres Sounds durch eine ganze Generation neuer Bands wie Franz Ferdinand und Bloc Party zur Reunion. Jon King wirkt mit seiner glänzenden Kunstlederweste wie ein unseriöser Autoverkäufer. Mit seinen 56 Jahren kräht er ins Mikro, als wäre es noch immer 1979, als würde die Welt am nächsten Tag mitsamt der eigenen Jugend untergehen.
Subkulturhelden, die sich dem Alter nicht stellen wollen. Schrecklich! Doch in Wirklichkeit ist nicht das Alter der Grund dafür, dass diese Vorstellung peinlich wirkt. Der Rebellen-Gestus ist ein Relikt aus Zeiten, als die Popkultur noch keinen Vertrag zwischen den Generationen eingegangen war. Als Individualität und Abgrenzung sich noch nicht als allgemeine Forderungen durchgesetzt hatten und es noch nicht zum common sense zählte, Provokation als Impuls für Innovation zu betrachten.
Doch das Spiel funktioniert an diesem Abend ein weiteres Mal, das Publikum macht mit. Vorrangig Teenager, solche, die es gerade noch waren oder es gern wieder wären, liefern Jon King den Beweis seiner eigenen Alterslosigkeit.

Das Verhältnis zwischen Alter und Jugend hat sich verändert. Auch im Pop, jener Welt also, zu deren zentralen Verheißungen die Möglichkeit ewiger Jugend zählte. Die Alten von heute sind länger jung, das jugendliche Aufbegehren gegen die Willensschwachen und Abgeschlafften, dieser älteste Konflikt, scheint beigelegt. Viele von uns bedienten sich in der Plattensammlung ihrer Eltern. Zu finden waren dort nicht mehr Peter Alexander oder Gotthilf Fischer, sondern The Clash, Sonic Youth und Patti Smith. Inzwischen in die Jahre gekommene Protagonisten von Jugendkulturen, deren künstlerische Größe heute von niemandem bezweifelt wird. Heutige Bands nähren sich aus dem Vertrauen, dass Altes vor einem veränderten Hintergrund etwas Neues sein kann. Dabei klingen die Fleet Foxes genau so, wie unsere Großeltern es sich immer gewünscht haben. Und Conor Oberst von Bright Eyes wird als neuer Bob Dylan gefeiert, der, das nur nebenbei bemerkt, gerade zum x-ten Mal auf dem Cover des deutschen Rolling Stone zu sehen war.
Die Musikgeschichte läuft nicht geradlinig, sie schlägt Kapriolen – spätestens seit Simon Reynolds »Retromania« dürfte das klar sein: Pop ist nicht nur vergangenheitsbesessen, sondern hat die Grenzen zwischen den Lebensaltern durchlässiger gemacht.
Trotzdem oder gerade deshalb: Das Alter macht als düstere Bedrohung dieser Tage wieder negative Schlagzeilen. »Altersarmut«, so real das Szenario sein mag, verbindet sich mit Ängsten vor Vereinsamung, Überalterung und hoffnungslos überfüllten Altersheimen. Dabei schien das Altersbild in den vergangenen Jahren ein Imagelifting durchlaufen zu haben. Weg von Entbehrung und Abschied, hin zu altersweiser Selbstreflexion und später Erfüllung. (Kennen Sie Fifty, »Das Magazin für die besten Jahre«?)
Dabei wurden ältere Menschen nicht nur wegen ihrer angeblichen Lebenserfahrung geschätzt, sondern auch aufgrund ihrer Wirtschaftskraft. Die demographische Entwicklung in Deutschland spiegelt sich auch in den Käufergruppen der Musikindustrie wider. Für fast die Hälfte der Konsumausgaben sind heute Menschen ab 50 verantwortlich. Zahlungskräftige »Best« oder »Silver Agers« können sich die CDs im Laden offenbar noch leisten, sie sind mit ihren Lieblingen gealtert und haben günstige Bedingungen für Comebacks geschaffen. Phil Collins und The Cure kamen schon gefühlt drei bis viermal zurück; Peter Gabriel, Iggy Pop und Madonna machen das, was sie schon immer gemacht haben; Alternative-Rock-Acts wie Helmet, The Make-up oder die Pixies tauchen wieder auf, und Leonard Cohen, 77, ist erfolgreicher denn je. Popstars dürfen inzwischen also alt sein.
Aber altern Musiker eigentlich anders? Marian Gold von Alphaville (»Forever Young«), heute 58, wäre schrecklich gern wieder jung. »Früher haben mir die Gigs nichts ausgemacht. Ich bin anschließend in die Clubs gegangen und habe geraucht und gekifft und gesoffen. Heute lebe ich wie ein Mönch auf Tour. Auf früheren Touren war der Auftritt Nebensache. Der Spaß kam eigentlich vorher und hinterher.« Das Künstlerdasein habe ihn vor dem Erwachsenwerden bewahrt: »Als Künstler verrichtet man ja keine Arbeit, sondern ist nur am Spielen.«
Kim Wilde behauptet, sie sei heute »viel glücklicher als damals«, toure mehr denn je und habe mit 50 »eines der besten Alben meiner gesamten Laufbahn« gemacht. Jaki Liebezeit, Schlagzeuger der Krautrock-Legende Can, geht noch heute täglich in den Proberaum. »Ist man bereit, sich weiterzuentwickeln, vielleicht auch ohne genau vor Augen zu haben, wo es hingehen soll, dann ist das Alter keine Bürde, sondern nützt einem.« Jaki Liebezeit ist auch mit seinen mittlerweile 74 Jahren noch lange nicht fertig.

Vorstellungen von Freiheit und Selbstbestimmung, der spielende Künstler, der sich selbstvergessen für das eigene Werk aufopfert, dessen Reifungsprozess niemals abgeschlossen ist, »live fast, die young« – immer noch gibt es diese Mythen, die in der Realität kaum Entsprechung finden. Denn künstlerische Produktion ist schon lange kein Gegenbild mehr zur Arbeit, sie wird nicht selten wie ein Job verrichtet. Es gilt, im Kreislauf aus Studioproduktion, Promotion-Tätigkeiten und oftmals wochen- oder sogar monatelangen Touren nicht zerrieben zu werden, dem Druck von außen dauerhaft standzuhalten. Wer nicht ins Abseits geraten will, als Musiker nicht zufällig in jungen Jahren genug verdient hat, um sich einen »Ruhestand« leisten zu können, ist darauf angewiesen, erfolgreich zu altern. Das bedeutet, geistig und körperlich beweglich zu bleiben und an sich zu arbeiten, solange es nur irgend geht. Künstler überarbeiten ihr Profil ein Leben lang, um den eigenen Marktwert zu erhalten. Damit ist nicht nur das abgegriffene »sich neu erfinden« gemeint. Selbst der wertkonservativste Metal-Act ist darauf angewiesen, seine vermeintliche Echtheit ein ums andere Mal wiederherzustellen.
Künstler scheinen damit die Selbsttechniken nur vorweggenommen zu haben, zu deren Anwendung immer größere Teile der Gesellschaft gezwungen werden. Selbst wenn von Möglichkeiten später Freizeit die Rede ist, vom neuen Spielraum, den »Herbst des Lebens« heute dank medizinischem Fortschritt länger gestalten zu können, ist damit auch gemeint: Nutze diesen Spielraum gefälligst! Du hast heute mehr Zeit denn je, dein Leben zu verpfuschen! Also unternimm noch ein paar Reisen, werkele an deinem Körper und deinen Kompetenzen, geh noch auf’s Konzert der Sonics, die gibt es nämlich auch endlich wieder. Wer passiv, gebrechlich und arm ist, hat vor allem eines: selbst Schuld. Man hätte ja schon früh anfangen können, ein anderes Leben zu führen. Man hätte auch schon früh ernüchternde Schlüsse ziehen können: »Ohne normalen Job war auch klar, dass es für mich keine Rente geben würde. Ich hatte aber auch niemals die Absicht, mir später mit der Rente die Eier zu kraulen, rumzusitzen und Pfeife zu rauchen«, sagt DJ Tanith, 50. In dieser Hinsicht sind sich Musiker und Mehrheitsgesellschaft wohl tatsächlich etwas näher gekommen. Traurigerweise.

»Never get old? Interviews mit Musikern über das Älterwerden.« Ein Feature von Oliver Koch und Jörn Morisse. Mittwoch, 26.09., Deutschlandradio Kultur, null Uhr 5