Olympia 2004 als Beschleuniger der Krise

Das teure Erbe von Olympia

Die verlassenen hochmodernen Sportstätten, die für die Olympischen Spiele 2004 in Athen gebaut wurden, sind heute ein Sinnbild für den ökonomischen Verfall Griechenlands. Die Unterhaltskosten sind enorm und der Staat kann sich die Instandhaltung nicht leisten.

Das dicke Eisentor am Eingang zum Athener Olympiagelände »OAKA« ist wie fast immer fest verschlossen. »Kein Eintritt«, steht in Griechisch und in Englisch auf einem Metallschild, das an der Klinke hängt – mit dickem Ausrufezeichen. Dort, wo sich im August 2004 die Sportler aus aller Welt zu den Olympischen Spiele trafen und Hunderttausende von Zuschauern sich auf dem architektonisch imposanten Gelände drängten, herrscht acht Jahre später nichts als trostlose Leere. Auch in den anderen olympischen Sportzentren in der griechischen Hauptstadt geht es kaum lebendiger zu. Erst reisten die Sportler, Funktionäre und Journalisten ab, danach die Olympia-Touristen. Als dann aus Kostengründen schon Ende Oktober 2004 die Wachdienste abgezogen wurden, verwandelten sich die Sportstädten wie befürchtet endgültig in Geisterstadien. Keine Spur von den »blühenden Sportlandschaften für die Athener Bürger«, wie Olympiastrategen sie einst beschworen hatten.

Mit den Spielen begann der rasante Verfall des Landes und die olympischen Sportstätten von 2004 sind das Sinnbild dafür. »Als die Lichter der Schlusszeremonie ausgingen, war der Erfolg schon dahin«, klagte kürzlich der Präsident des Griechischen Olympischen Komitees, Spyros Kapralos.
Rund 30 hochmoderne Sporthallen und Stadien wurden damals in der Rekordzeit von gut zwei Jahren gebaut. Eine Diskussion darüber, was man mit der Sportinfrastruktur nach der Abschlussfeier am 29. August 2004 denn alles anfangen wolle, wurde nie ernsthaft geführt. Zwar ernteten die Griechen für die perfekt organisierten Spiele weltweite Anerkennung. Doch auf den Kosten blieben sie allein sitzen. »Statt der Glückwunsche aus aller Welt wären damals Schecks sicher besser gewesen«, sagte ein Anrufer im griechischen Radiosender »Alpha« erst kürzlich wieder. »Was bleibt uns Griechen eigentlich von diesem ganzen Spektakel, außer Kosten?« fragte die griechische Zeitung Eleftherotypia in weiser Voraussicht schon während der Spiele. Und die Analyse des damaligen griechischen Ministerpräsidenten Kostas Karamanlis, von der konservativen Partei Nea Dimokratia, war auch ausnahmsweise mal richtig: »Die Spiele waren sehr erfolgreich, sehr sicher und leider auch sehr teuer.« Heute geht man von bis zu 20 Milliarden Euro aus. Genaue Zahlen hat niemand. Die Prognosen von »Wachstumsimpulsen« von bis zu 30 Milliarden Euro für Athen und die Region Attika jedenfalls waren kaum mehr wert als das Papier, auf dem sie standen.
Der von der Regierung im Jahr 2004 eingesetzte Geschäftsführer der Olympiaanlagen, Christos Hadjiemmanuil, stand einer halbstaatlichen »Olympischen Auffanggesellschaft« vor. Sie sollte die Sportstätten, »die leblosen Hüllen«, wie er sie nannte, vermarkten. Ein aussichtsloses Unterfangen. Wie saures Bier pries der smarte Manager zwei Jahre lang die hochmoderne sportliche Infrastruktur auf internationalen Messen rund um den Globus an. Fast jeder potentielle Interessent scheute die Kosten, die eine neuerliche Inbetriebnahme verursachen könnte. Von der korrupten Bürokratie und den schleppenden Genehmigungsverfahren ganz zu schweigen. Die »Auffanggesellschaft« gibt es schon lange nicht mehr.
Experten beziffern heute allein die Folgekosten für die Instandhaltung der gesamten griechischen Olympiaanlagen auf mehr als 50 Millionen Euro. Ein wirklich teures nacholympisches Erbe, was die Griechen da antraten. Von der »goldenen sportlichen Epoche für alle Athener«, die laut Organisatoren nach den Spielen in Athen und der Region Attika anbrechen sollte, hört man kein einziges Wort mehr.

»Alle neuen Stadien und Hallen wurden von unseren Steuergeldern bezahlt. Doch wenn wir dort Sport treiben wollen, dürfen wir nicht rein«, klagen zum Beispiel die Bewohner des Athener Stadtteils Galatsi. In dem bevölkerungsreichen Stadtbezirk unweit vom Olympiastadion wurde im Jahr 2004 eine neue, millionenschwere Sporthalle für die olympischen Tischtenniswettbewerbe und die Rhythmische Sportgymnastik errichtet. Das freute die Bürger zunächst sehr. Denn eine öffentliche, moderne Sporthalle fehlte ihnen. Nun steht sie da, ist aber zumeist verschlossen und verriegelt. Die notorisch klamme Gemeinde Galatsi kann die anfallenden Unterhaltskosten dieser hochmodernen Sporthalle nicht tragen. Die von Geldnöten geplagte Stadt Athen ebenfalls nicht. Der Staat suchte lange nach privaten Betreibern. Vergeblich. Schnell sammelte sich der erste Müll vor der Halle. Mit den meisten olympischen Stadien ist es so gekommen wie mit vielen anderen ungenutzten öffentlichen Bauwerken in ganz Griechenland: Sie rosten langsam vor sich hin, werden Ziel von Vandalismus und schließlich als Müllabladeplätze zweckentfremdet.
Der Vorwurf an die sozialdemokratischen Olympiaorganisatoren, die Sportstätten »nur mit Blick auf die 15 Tage Olympia entworfen zu haben, ohne jeglichen systematischen Plan für die Nachnutzung«, stimmt nicht für alle Anlagen. Im Athener Olympiastadion kicken die beiden griechischen Spitzenfußballclubs – AEK Athen und Panathinaikos Athen. Die Basketballhalle nebenan nutzt der griechische Spitzenclub Panathinaikos. Das neue Karaiskaki-Stadion ist die Heimstätte des Fußballclubs Olympiakos Piräus. Hier empfängt auch die griechische Fußball-Nationalmannschaft (Ethniki Omada) ihre Gäste. Und in das Olympische Dorf am Rande von Athen sind Familien eingezogen. Damit aber ist die nacholympische Erfolgsgeschichte auch schon wieder zu Ende.
Zwar finden auf dem Reitgelände in Marko­poulo unbedeutende Springturniere und Pferderennen statt. Zum griechischen »Ascot«, von dem viele einheimische Pferdefreunde einmal geträumt haben, hat sich diese Reitanlage indes nicht entwickelt.
Bedeutend schlimmer steht es um das 550 Hektar große olympische Sportzentrum auf dem alten Flughafen Ellenikon mit seinen Hallen für Basketball und Fechten sowie den Stadien für Base- und Softball, Hockey und der Wildwasser-Kajakslalom-Strecke. Nichts ist zu sehen von dem, was einstmals von den griechischen Olympiamanagern großspurig als »Europas größte Freizeit- und Vergnügungsstätte« oder gar als der »Central Park Athens« angekündigt wurde. In der schicken Computeranimation konnten Ausstellungshallen, Hotels, Restaurants, Shopping-Center und Büros bestaunt werden, Meerblick inklusive. Nur private Investoren ließen sich für diese Idee nicht gewinnen. Jetzt nutzen Roma- und Sinti-Familien das Areal als Unterkunft. Ab und an gibt es dort einen Flohmarkt.

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