Homophobie, LGBT und die queere Szene in Griechenland

Um zehn Jahre zurückgeworfen

Mit dem Erstarken der Neonazis in Griechenland mehren sich auch die Übergriffe gegen Lesben und Schwule. LGBT-Aktivisten versuchen verzweifelt, darauf aufmerksam zu machen. Die kleine queere Szene hingegen thematisiert vor allem den größeren politischen Zusammenhang.
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An diesem Freitagabend gehen an der Metrostation Keramikos ungewöhnliche Dinge vor sich. Dort im Athener Ausgehbezirk Gazi, wo sich sonst die Jugend zum Feiern trifft, spazieren zwei Männer im Licht aufgebauter Scheinwerfer Händchen haltend umher, bleiben zwischendurch stehen, um sich zu küssen. Zwei abseits stehende dunkel gekleidete Gestalten schauen skeptisch hinüber und tuscheln, bevor sie schließlich auf die beiden losgehen und sie zu Boden treten. Plötzlich kommen Menschen herbei, die Fummel oder auf nackter Haut Parolen wie »Zerstör den Schrank« und »Ich Mensch – du?« tragen. Sie vertreiben die Angreifer und der Schauplatz wird zum queeren Laufsteg, auf dem die sonst Marginalisierten ihr Selbstbewusstsein zur Schau tragen und für Sichtbarkeit werben.
Die Performance gehört zur Abschlusskundgebung einer Demonstration gegen homophobe Gewalt, zu der ein Bündnis verschiedener griechischer und Athener Gruppen, darunter die schwul-lesbische Gemeinschaft Griechenland (OLKA), die Lesbengruppe Athen (LOA), die griechische Transgender Unterstützervereinigung und Colour Youth, die LGBTQ-Jugendorganisation Athen, aufgerufen hatte.
Innerhalb der vorigen beiden Wochen waren drei Angriffe gegen Schwule auf Athens Straßen bekannt geworden. Demonstration und Performance sind Teil der Kampagne »kataggeile to« (zeig es an), die das Bewusstsein für homophobe Gewalt sowohl in als auch außerhalb der Szene stärken soll. Wer in Athen Opfer homophober Übergriffe wird, geht in den seltensten Fällen zur Polizei. »Das Problem ist, dass diese Gewalt, die von Faschisten ausgeht, überhaupt nicht öffentlich wahrgenommen wird«, erklärt Kostas Spiliotis, einer der Organisatoren der Kampagne. »Im Gegenteil. Wenn jemand angegriffen wird und zur Polizei geht, muss er geradezu darum betteln, dass seine Anzeige aufgenommen und als Motiv Homophobie festgehalten wird. Die Polizisten wissen nicht einmal, was das ist, oder zumindest tun sie so. Für sie existiert das Problem einfach nicht.«
Viele Griechen gehen davon aus, dass ein großer Teil der griechischen Polizei mit den Faschisten sympathisiert und die Chrysi Avgi wählt. Doch nicht nur von der Polizei, auch von anderen Institutionen kann die Szene kaum Unterstützung erhoffen. »Wir haben es in Griechenland mit einer institutionellen Homophobie zu tun«, berichtet Stefanos Agelastos von Colour Youth. »Nicht nur Polizei und Politik, sondern auch die griechischen Medien boykottieren alles, was mit der LGBT-Bewegung zu tun hat. Über die diesjährigen Prides in Thessaloniki und in Athen wurde in griechischen Me­dien nicht berichtet. Wir hatten damals eine Presseerklärung herausgegeben und eine Pressekonferenz anberaumt, und die einzigen Me­dienvertreter, die kamen, waren von der BBC.«
Die griechische Gesellschaft ist nach wie vor sehr patriarchal geprägt, auch wenn es spätestens seit den achtziger Jahren normal wurde, dass Frauen berufstätig sind und alleine leben. Die Antidiskriminierungsrichtlinien der EU gelten zwar auch hier, dennoch haben viele Homosexuelle Angst, sich zu outen, weil sie befürchten, am Arbeitsplatz gemobbt, vom Freundeskreis ausgeschlossen und von der Familie verstoßen zu werden. Auch der Einfluss der Kirche ist nicht zu unterschätzen. Im Vorfeld des Pride in Thessaloniki, der dieses Jahr zum ersten Mal stattfand, hatte der Metropolit von Thessaloniki öffentlich dazu aufgerufen, die Veranstaltung zu stören, weil sie unmoralisch und inakzeptabel sei. »In keinem anderen Land sind Kirche und Staat so eng verbunden wie in Griechenland. Außer vielleicht im Iran«, erklärt Litsa Kariofillidou von der LOA. »Die orthodoxe Kirche ist nach dem Staat die zweitgrößte Immobilienbesitzerin des Landes, und sie zahlt keine Steuern. Kein Wunder, dass Griechenland pleite ist!«
In der Antike war es für einen griechischen Mann völlig in Ordnung, vor oder auch während der Ehe männliche Geliebte zu haben, ohne dass seine Funktion als (zukünftiges) Familienoberhaupt davon angetastet wurde. Dieser Tradition folgend ist man in Griechenland auch heute noch durchaus bereit, bei diskret praktizierter männlicher Homosexualität ein Auge zuzudrücken, wenn die Betreffenden weiterhin ihre Rollen als heterosexuelle Väter und Ehemänner wahrnehmen. Nur sich zu outen und proud zu sein, das wird nicht gern gesehen. Dementsprechend diskret treten auch viele der zahlreichen Schwulenclubs in Erscheinung. In dem aufstrebenden Athener Bezirk Gazi reiht sich ein Club an den anderen. Früher, als Gazi noch eine übel beleumdete Gegend und ein Rotlichtviertel war, waren die Schwulen hier unter den Ausgehwilligen in der Mehrheit. Erst nach dem Bau der Metroanbindung im Jahr 2004 vermischte sich das Publikum. Seit einigen Jahren gibt es sogar einen Lesbenclub.
Die Athener Lesbengruppe LOA trifft sich seit zwölf Jahren einmal wöchentlich im »Feministischen Zentrum Athen« zu einer offenen Gesprächsrunde. Sie wurde gegründet, um angesichts der Verborgenheit und Unsichtbarkeit weiblicher, insbesondere lesbischer Existenz, die sich auch in der Unterrepräsentation von Lesben im Nachtleben äußert, einen Ort zu schaffen, an dem die Einzelnen und Vereinzelten aus ihrer Isolation heraustreten und sich mit anderen treffen und austauschen können. Dieses Zusammentreffen wird als erster Schritt zur Selbstermächtigung und damit als politisches Handeln angesehen.
»Uns gibt es nicht«, sagt eine Teilnehmerin der heutigen Gesprächsrunde. In diesem Zusammenhang ist das sogar eine gute Sache, denn die Sitzung handelt von »Goldenen Morgenrötlern in der Nachbarschaft«. In Griechenland, wo schon immer gerne laut und öffentlich über Politik diskutiert wurde, halten seit dem Aufstieg der faschistischen Partei bei den vorigen Wahlen auch deren Anhänger nicht mehr mit ihrer Meinung hinterm Berg. Alle in der Gruppe waren bereits Zeuginnen rassistischer und homophober Äußerungen oder Beleidigungen, etwa auf der Straße, im Taxi oder in öffentlichen Verkehrsmitteln, haben die Erfahrung gemacht, dass sich ein Nachbar, Kollege oder der Kiosk­besitzer um die Ecke neuerdings als Nazi-Anhänger zu erkennen gegeben hat. Es geht in der Sitzung weniger darum, konkrete Verhaltensregeln zu erarbeiten, sondern Erfahrungen auszutauschen. Die Anwesenden reden der Reihe nach sehr offen über ihre Ängste und Gefühle und immer wieder wird deutlich, wie sehr die politischen Entwicklungen der vergangenen Jahre bis in die kleinsten Alltäglichkeiten hineingreifen. Auf der einen Seite dominieren die Empörung sowie die Befürchtung, dass die öffentlich geäußerten Meinungen der Nazis unwidersprochen bleiben, auf der anderen Seite stehen die Angst, sich selbst in Gefahr zu bringen, die Frage, ob sich der Aufwand lohnt, mitunter aber auch der schiere Überdruss angesichts der Zumutung, immer und immer wieder intervenieren und diskutieren zu müssen, und schließlich die unvermeidliche Scham, wenn man doch den Mund gehalten hat.
»Die Entwicklungen seit der Krise haben uns um mindestens zehn Jahre zurückgeworfen«, sagt Stefanos von Colour Youth, der jüngst selbst auf dem Omonia-Platz von einer Gruppe Faschisten zusammengeschlagen wurde. »Vor einigen Jahren wurde noch über die Homo-Ehe diskutiert, jetzt müssen wir uns wieder damit beschäftigen, wie wir mit Hassverbrechen umgehen sollen.«
Während die LGBT-Szene durch zahlreiche Aktionen auf sich aufmerksam macht und für Sichtbarkeit wirbt, bleibt die Queer-Szene eher verborgen. Es bestehen zwar Kontakte untereinander. Viele LGBT sind politisch links, die queere Gruppe ist aber dem anarchistischen Antifa-Spektrum zuzuordnen und derzeit wohl mit anderen Kämpfen beschäftigt. Da die Gewalt der Faschisten sich nicht nur gegen Schwule, sondern auch gegen Flüchtlinge richtet, ist die Solidarität mit ihnen immer Bestandteil der Kampagnen gegen Homophobie. Manche aus der LGBT- und vor allem aus der Queer-Szene befürchten aber, dass die LGBT-Szene insgesamt sich zu sehr auf ihre eigenen Probleme konzentriert und dabei die großen Zusammenhänge aus den Augen verliert, etwa wenn die jüngsten Angriffe als homophob einge­ordnet würden, anstatt die Faschisten als Täter zu benennen und deren Erstarken mit der ­Krise in Verbindung zu bringen, die wiederum ein Symptom des Kapitalismus sei. Für einen Teil der LGTB-Aktivisten ist das jedoch eine bloß theoretische Feststellung, die ihnen beim konkreten Kampf gegen die Gewalt auch nicht weiterhilft.