Fußballfans auf der Straße

Dritte Halbzeit gegen Mursi

Die miltanten ägyptischen Fußballfans gehen wieder auf die Straße, diesmal ­gegen die Muslimbrüder. Aber auch das Motiv der Rache für das Massaker in Port Said mit 74 toten Fans spielt eine Rolle.

Die Jungs sind wieder da. Die Fußballfans, vor allem die Ultras des großen Kairoer Clubs al-Ahly, mischen wieder bei den Protesten in Ägypten mit. Bei den Schlachten der vergangenenen Tage waren erneut Hunderte von Fußballfans in der Mahmoud-Street nahe dem Tahrir-Platz aktiv. Neben und nach der Muslimbruderschaft, die bekanntlich den neuen Staatspräsidenten stellt, sind die Ultras eine der größten und politisch bedeutendsten Gruppen in Ägypten. So jedenfalls schätzt es der Politologe James M. Dorsey ein, der das renommierte Blog »The Turbulent World of Middle East Soccer« betreibt.
Bereits vor fast zwei Jahren auf dem Tahrir-Platz, als es um den Sturz von Hosni Mubarak ging, spielten Fußballfans durch ihre Militanz eine besondere Rolle – etwa indem sie die Verteidigung gegen eingreifende Militär- und Polizeieinheiten organisierten, indem sie öffentliche Einrichtungen vor Plünderern schützten oder indem sie sich um Verwundete kümmerten.

Man schätzt die Zahl der Ultras, die in lockeren Organisationen zusammenwirken, auf 20 000. Überwiegend sind sie in Kairo aktiv, und die Mehrheit bei al-Ahly. Viele andere Ultras entstammen noch dem Umfeld von Zamalek, einem anderen großer Kairoer Verein, der dem Militär nahesteht, was aber keine Bedeutung für die Haltung der Fans hat.
Mittlerweile ist neben dem Umstand, dass Fußball wie vermutlich kein anderer gesellschaftlicher Bereich für Säkularismus und Weltoffenheit steht, für die Fans ein weiteres Motiv hinzugekommen, sich in die politischen Auseinandersetzungen einzumischen: Rache. Im Februar kamen bei einem Spiel von al-Ahly in Port Said 74 Fans des Kairoer Clubs ums Leben. Fest steht, dass es ein Massaker vor den Augen einer passiven Polizei war. Verschwörungstheorien, wie sie etwa die Muslimbrüder, die von einem »versteckten Plan« zum Abschlachten von Fans sprachen, in die Welt setzten, fanden keine Bestätigung. Aber der Prozess, der gegen die verantwortlichen Polizeioffiziere läuft, zieht sich in die Länge. Und das sorgt für mehr als nur Unzufriedenheit bei den Fans.

Die Macht der Ultras hat in den vergangenen Monaten noch zugenommen. Da ist zum einen der besondere Respekt, den die Fans in weiten Teilen der ägyptischen Protestbewegung besitzen. Es sind überwiegend junge, zum Teil sehr junge Männer, die ohne Arbeit und Perspektive sind – aber durch den Fußball immun gegen die islamistischen Offerten. Ein Fan erzählte jüngst in einem Interview: »Warum nicht einen Polizeiwagen abfackeln? Wenn wir nicht deren Wagen anzünden, dann verletzen sie uns.«
Zudem ist gerade bei den al-Ahly-Fans das Selbstbewustsein immens gewachsen, seit vor wenigen Wochen ihr Club die afrikanische Champions League gewonnen hat. Der Erfolg wiegt um so schwerer, als die ägyptische Fußballliga seit zehn Monaten ausgesetzt ist – was auch ein Verdienst der Ultras ist. Solange nämlich die Verantwortlichen von Port Said nicht verurteilt sind, verhindern sie einen Start der Liga. Wenn es nach dem Willen des ägyptischen Fußballverbandes EFA geht, soll die Nationalliga bald wieder beginnen – geplant ist der 15. Dezember –, und zwar ohne die Fans, unter Ausschluss von Zuschauern, so wie jüngst der Betrieb der Zweiten Liga begonnen hatte. »Das war ein Indikator für die erste Liga«, erklärte EFA-Vorstandsmitglied Ihab Lehata. »Aber das war vor der jetzigen Situation im ganzen Land.«
Wie wichtig dem Regime ist, die befriedende Wirkung eines regelmäßigen Ligabetriebs zu entfalten, auch wenn er nur via Fernsehen zu den Fans gelangt und nicht durch das Liveerlebnis im Stadion, wurde deutlich, als ein Sprecher des Verteidigungsministeriums anbot, doch die Erstligaspiele in den Stadien der Armee anzupfeifen. Die befinden sich auf Militärgelände und sind leichter zu schützen. Das Innenministerium zögert noch, auf den Vorschlag einzugehen. Die Ultras haben nämlich viel Macht. Und noch haben sie nicht vor, ihre Macht abzugeben. Ein Ultra erzählte der Los Angeles Times: »Wir wollen kein Chaos. Aber Chaos ist möglich.«

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