Flämische Nationalisten in Belgien

An der schönen braunen Dender

In der belgischen Stadt Aalst wollen flämische Nationalisten den Gemeinschaftssinn stärken und die »Verfranzung« beenden.

Irgendeine Neigung zur Hemmungslosigkeit scheint Aalst innezuwohnen. Zumindest wenn man nach dem geht, was die Belgierinnen und Belgier mit dieser Stadt verbinden. Da gibt es den Karneval, der am kommenden Wochenende wieder Zehntausende promillefixierte Besucherinnen und Besucher anlocken wird, weshalb seit Wochen bunte Figuren und unverständliche Slogans im lokalen Dialekt an den Schaufensterscheiben der Innenstadt kleben. Und dann ist da die ehemalige Bürgermeisterin Ilse Uyttersprot, eine Christdemokratin, die einst im Urlaub Sex auf einem Turm hatte und dabei von anderen Touristen gefilmt wurde.
Deutlich weniger entspannt geben sich ihre Nachfolger im Stadthaus. Die nationalistische Partei Nieuw-Vlaamse Alliantie (N-VA) gewann die Kommunalwahlen im Oktober vorigen Jahres mit ihrem Programm »Flämische Stadt«, das regionalistisch und fremdenfeindlich geprägt ist. Weil das 30 Kilometer westlich von Brüssel gelegene Städtchen mit »einem großen Zustrom Anderssprachiger konfrontiert« werde, will die Partei den »bedrohten sozialen Zusammenhalt« unter anderem mit »gemeinschaftsverstärkenden Maßnahmen« schützen. Diese lesen sich, als hätten ein paar Satiriker an dem Programm gearbeitet, um dem rabiaten Flamentum einen grotesken Anstrich zu verpassen. Ein »flämisches Manifest« solle der Stadtrat verabschieden, in Gemeindeeinrichtungen nur noch Niederländisch gesprochen werden. Die alteingesessene Bevölkerung wird angehalten, mit Immigranten in keiner anderen Sprache mehr zu reden. Schließlich will man beim lokalen Einzelhandel für die Idee flämischer Geschäftsnamen werben, den Bewohnern »Festfahnen« schenken und neue Straßenschilder anbringen, auf denen der flämische Löwe prangt.
Auf den ersten Blick gibt es viel zu tun für die N-VA, die seit Anfang Januar mit Bürgermeister Christoph d’Haese und vier von neun Dezernenten den Stadtrat maßgeblich bestimmt. Besucherinnen und Besuchern in Aalst dürfte sofort das »New Hotel« ins Auge fallen, die Bars um die Großbaustelle am Bahnhofsvorplatz tragen ebenfalls fremdsprachige Namen: »New Atlanta«, »Brussels City« und – womöglich das erste Zeichen der frankophonen Expansion – »Déjà-vu«. Dort hat man allerdings noch nichts davon gehört, dass der Name im Rathaus nicht goutiert wird. Die Wirtin glaubt nicht, dass sie zur Umbenennung aufgefordert werden wird, ebenso wenig das ältere Paar, das nach Landessitte einen flüssigen Nachmittagsimbiss zu sich nimmt. »Sie sind auf der falschen Spur«, versichert der Mann treuherzig. »Hier passiert so etwas nicht.« Die Wirtin grinst, als sie hinzufügt: »Noch nicht.«

In den belgischen Medien ist Aalst in diesem Winter ungewöhnlich präsent. Das Provinzstädtchen mit 80 000 Einwohnern ist zum Symbol für den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg der N-VA geworden. Ein fragwürdiger Ruf – daher entgleist das freundliche Empfangslächeln der Rezeptionistin im karnevalesk geschmückten Rathaus, als ich mich als ausländischer Journalist nach dem aktuellen Stand in Sachen Straßenschilder erkundige. Ohne Termin werde ich sogleich zu Mia De Brouwer durchgewunken, einer der gerade erst vereidigten Dezernentinnen. Zu ihrem Aufgabenbereich gehört Tourismus, daher ist der zuvorkommenden älteren Dame die Außenwirkung ihrer Stadt wichtig. Niemand, sagt sie beruhigend, werde aufgefordert, seinen Geschäftsnamen zu ändern. Angesprochen auf die flämischen Löwen auf den Straßenschildern, bedauert De Brouwer, dass sich nach dem unverhofften Wahlsieg ihrer Partei alle Welt darauf gestürzt habe. Sie versichert, das werde alles nur hochgespielt, höchstens einen Preis werde es geben – »für den Betrieb mit dem schönsten flämischen Namen«. Was aber will sie dann, die N-VA? »Dass unsere Stadt nicht verfranzt. Weil wir so nah an Brüssel liegen, ziehen schon seit Jahren viele Frankophone zu«, erläutert sie. Die Flamen hätten sich früher immer an die Frankophonen angepasst, die Belgien bis nach dem Zweiten Weltkrieg dominierten. Nun fordere man, »dass andere sich uns anpassen«. Diese Haltung ist in Kreisen der N-VA stark verbreitet und führt zu reflexartigen Losungen: »Wir wollen nur unsere flämischen Wurzeln beschützen«, sagt De Brouwer.

Einer der neuen Dezernenten setzt sich besonders dafür ein. Karim Van Overmeire war bereits als junger Mann im rechtsextremen Teil der flämischen Bewegung aktiv. Danach prägte er 20 Jahre lang die ideologische Ausrichtung des Vlaams Blok und – nachdem dieser als rassistische Partei verboten worden war – der Nachfolgepartei Vlaams Belang. 2010 trat Van Overmeire aus und ein Jahr später der deutlich gemäßigteren N-VA bei, die den Vlaams Belang als größte flämisch-nationalistische Partei abgelöst hat. Offenbar empfahl er sich damit für eine leitende Position im Rahmen der identitären Werbekampagne von Aalst. Das Wahlprogramm kündigte einen Dezernenten an, der »neben eventuellen anderen Befugnissen auch für den flämischen Charakter und Einbürgerungen zuständig« sei. Zu seinen »anderen Befugnissen« gehört das Bibliothekswesen, das in Belgien eigentlich Teil der Kulturpolitik ist. Bürgermeister d’Haese erklärte den Schritt als »Instrument der ›Flamisierung‹«, doch es gehe nicht darum, »alle französischen Bücher aus der Bibliothek zu verbannen«. Hinter der Formel »nicht alle«, so befürchten manche Aalsterinnen und Aalster, stecke nichts Gutes. »Mich erinnert das an Orange«, sagt Johan Dumortier, Regionalsekretär der sozialistischen Angestelltengewerkschaft BBTK. In der südfranzösischen Stadt Orange hatte der damalige Bürgermeister des Front National, Jacques Bompard, Mitte der neunziger Jahre missliebige Literatur aus der Stadtbücherei entfernen lassen.
Dumortier ist nicht der einzige, der Alarm schlägt. Deshalb gibt es in der Stadt nun gleich zwei Gruppen mit dem Kürzel NVA. Nach der Wahl gründete sich ein progressives Bündnis namens »Noig Verontruste Aalstenaars«, was »ziemlich besorgte Aalster« bedeutet. Erstmals trat es bei der Vereidigung des Stadtrats in Erscheinung. »Wir behalten Euch im Auge«, kündigten die Mitglieder des Bündnisses an. Sie wollen bei jeder Ratssitzung anwesend sein und gegebenenfalls Protestaktionen durchführen. »Wir fürchten, dass Aalst zum Laboratorium für ultranationalistische Konzepte wird«, erläutern sie. Ohnehin sieht Dumortier die Probleme eher im größeren Rahmen. Zu den Hochzeiten des Vlaams Blok vereinbarten die anderen Parteien, dass auf keiner Ebene mit den Rechtsextremen kooperiert werde. Seit Herbst nun wird dieser Beschluss aufgeweicht, und zwar just in der Gegend um Aalst. In mehreren Fällen hätten sich, so Dumortier, neue Stadtregierungen bei Abstimmungen auf die Stimmen von Abgeordneten des Vlaams Belang gestützt. »Die Probleme ziehen sich am Fluss Dender entlang. Wir nennen sie daher auch die braune Dender«, sagt der Gewerkschafter.
Die N-VA hat sich zwar deutlich vom Vlaams Belang distanziert, in den vergangenen Jahren aber rund 40 seiner früheren Mitglieder aufgenommen. Ob diese dem alten Gedankengut ­tatsächlich abgeschworen haben, wird in Belgien derzeit debattiert. Wenig Zweifel gibt es da­gegen an der Gesinnung anderer Kräfte. Beim Mittagessen im Gewerkschaftsbistro Volkshuis ­erzählt Dumortier von einer sozialistischen Gruppe, die unlängst nach ihrem Treffen hier versackt sei. Spät abends habe sie Besuch von einigen Männern bekommen, die sich als Mitglieder des Vlaams Belang aus der Nähe von Brüssel vorgestellt hätten. Sie hätten die Sozialisten bedroht, den Hitlergruß gezeigt und das Bistro singend verlassen – mit dem Horst-Wessel-Lied auf den Lippen.

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