Abdruck aus »Helden wie ihr«

Helden wie ihr

Knud Kohr macht sich auf die Suche nach den Helden des Alltags.

Von Knud Kohr
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Ermittlungsbericht

Meine Ermittlungen zum Thema »Helden wie ihr« begannen an einem Sonnabend vor dem Schaufenster von Serbia Tourist in Berlin-Charlottenburg. Anfangs hatte ich selbst keine Ahnung, dass ich ermittelte. Auf dem Zettel stand, dass schräg über dem Reisebüro ab sofort eine Wohnung frei wäre. Da ich schon seit Längerem eine neue Bleibe suchte, ließ ich mir sofort den Schlüssel für eine Besichtigung geben.
Schlüsselverwalterin war Sanja, die Serbin aus dem Reisebüro. Keine Ahnung, ob sie eine Heldin war. Aber als ich den Schlüssel erst nach einer Stunde zurückbrachte, bedachte sie mich mit einem strengen Blick, der mir auf den Magen schlug wie ein serbischer Räuberspieß mit scharfen Zwiebeln. Doch kaum signalisierte ich Interesse an der Wohnung, hatte Sanja den Telefonhörer in der Hand und vereinbarte mit dem Hausbesitzer binnen Minuten einen Vorstellungstermin drei Tage später.
Ob mein neuer Vermieter ein Held war, kann ich auch nicht genau sagen. Vermutlich aber schon: Immerhin war er beim Vorstellungsgespräch 90 Jahre alt. Er hatte in Ostpreußen bereits das Ende des Kaiserreichs erlebt und die Weimarer Republik. Am Ende des Zweiten Weltkriegs war er über irgendeine zugefrorene Bucht oder Nehrung nach Berlin geflohen und hatte es zu sechs Mietshäusern gebracht, die er seitdem mit eiserner Faust verwaltete. Ob er sich selbst als Held sah, konnte ich jedoch nicht ermitteln, weil der geldgierige Kerl es vorzog zu versterben, bevor er auch nur den maroden Holzboden in meiner Küche reparieren ließ. Aber immerhin ließ er mich vor seinem Urnenbegräbnis noch einen Mietvertrag unterzeichnen.

Man kann also sagen, dass ich keine Ahnung von Heldentum hatte, als ich meine neue Wohnung fand. Natürlich wusste ich all die Sachen, die man eben so weiß, wenn man 1966 zur Welt gekommen ist: Wann man den Henrystutzen benutzt, und wann man sich lieber auf den Bärentöter verlässt zum Beispiel. Oder wie Hermann der Cherusker ein paar römische Legionen im Teutoburger Wald dem Erdboden gleichmachte. Und ich wusste schon vor dem affektierten Hollywoodschinken »300«, warum König Leonidas und seine Spartaner gegen die Perser zur größten Schlacht aller Zeiten antraten. Aber ansonsten überließ ich das Reden und Schreiben über Heldentaten vor allem Nachrichtensprechern und Sportreportern, den Mitarbeitern von Boulevardzeitungen, dem Nobelpreiskomitee, den Ärzten ohne Grenzen und anderen Menschen, die in regelmäßigen Abständen Preise für Heldentum verteilen. Dabei blieb es über Jahrzehnte. Ich machte also keine großen Unterschiede, was das Heldentum des spartanischen König Leonidas anging oder das der netten Frau Helga, die trotz ihrer 88 Jahre wacker für ihre zwei Jahre ältere Schwester eine Niere spendete. Oder das des Profifußballers, der in einem wichtigen Spiel meines Lieblingsclubs Werder Bremen den Ausgleichstreffer in der 88. Minute erzielte. Das alles waren Helden. Irgendwie. Auf ihre Art.
Ein paar Wochen später zog ich gemeinsam mit meiner Freundin in die neue Wohnung ein. Obwohl gerade Anfang Februar war und es kräftig fror, standen wir in der ersten Zeit gern in der geöffneten Glastür zu der zwei Quadratmeter großen Zumutung, die aus unerfindlichen Gründen »French Balcony« genannt wird. Vermutlich hatten die Engländer sie so getauft, um sich an Frankreich für den Hundertjährigen Krieg zu revanchieren. Es handelt sich um ein Stück Balkon, auf dem man weder in Ruhe sitzen noch stehen kann, der aber groß genug ist, um sich wie Leonardo DiCaprio und Kate Winslet an der Bugspitze der Titanic aneinanderzuschmiegen und »Ich bin der König der Welt!« zu rufen. Und um Menschen auszulachen, die weder einen frisch verlegten Haufen Holz unter den Füßen noch dreieinhalb Meter Deckenhöhe mit Stuck über ihren Köpfen haben. In meinen arroganten Augen waren diese Menschen Kleindarsteller, die nur für mich über die Bühne des Kirchplatzes vor unseren Fenstern wuselten. Und ich saß auf der Empore.
Der Karl-August-Platz misst etwa einen Hektar, und er gilt als der achtschönste Platz Berlins. Wobei ich mir die Frage, wer zum Teufel eine solche Liste in Auftrag gibt und was sie aussagt, niemals stellte. Nach 18 langen Jahren in Studentenwohnheimen, in von steinalten Witwen möblierten Absteigen in Schlachtensee oder in Absteigen mit Ofenheizung und Kampfspuren aus dem Zweiten Weltkrieg im Prenzlauer Berg war ich unversehens in den Top Ten des Wohnens angekommen. Wenn ich Lust auf Büffelfleisch oder Berberitzen hatte, konnte ich jeden Mittwoch und Sonnabend auf den zu meinen Füßen stattfindenden Markt gehen. Der übrigens als drittbester Berlins gilt – einer anderen Liste zufolge.

Eines Mittwochs sah ich dort meine erste Heldin. Ein Mädchen von vielleicht sechs Jahren, die ihren tief und schief über einen Rollator gebeugten Großvater auf den Markt begleitete. Auf der Straße direkt unter meinem Balkon schien der große, schwere Mann plötzlich Kreislaufbeschwerden zu bekommen. Er griff mit den Armen in die Luft, um dort Halt zu finden.
»Du kannst dich auch an mir festhalten, Opa«, krähte das Mädchen tapfer und stemmte sich gegen den Rücken des Mannes. Wäre er nach hinten gefallen, hätte seine Enkelin mit Sicherheit schlimme Verletzungen davongetragen. Doch ihr entschlossener Ruf half dem alten Mann. Er fing sich wieder, streichelte seiner Enkelin über den Kopf und setzte den Spaziergang fort.
Offenbar war ich Zeuge einer Heldentat geworden, die Frau Helga oder König Leonidas nicht besser hätten bestehen können. Nicht mal ein Ausgleichstreffer war notwendig gewesen.
Seit diesem Tag sah ich meinen Kirchplatz mit anderen Augen und entdeckte Helden, die ich vorher nicht einmal als solche erkannt hatte. Ein altes Paar zum Beispiel, das jedes Wochenende auf einem selbst zusammengeschweißten Tandem den Platz umkreiste. Als sie ein Sauerstoffgerät bekam, trat er einfach doppelt so kräftig in die Pedale. Oder einen jungen Franzosen, der mehrfach wöchentlich die Werbezettel eines Billigmarktes verteilte. Dabei hatte er stets den Kopfhörer seines iPhone in den Ohren und rappte. Wie er nach getaner Arbeit manchmal seinen Freunden in einem Straßencafé erzählte, schrieb er nicht nur seine Texte, sondern programmierte auch die Beats auf seinem iPhone selbst. Sein Durchbruch als Musiker war nur noch wenige Monate entfernt – sagte er. Und gab seinen Freunden ein spätes Frühstück aus. Häufig kam auch ein Mann vorbei, der zwei alte, blinde Frauen gleichzeitig an einen anderen Tisch des Cafés brachte. Sie beschimpften sich jedes Mal, und auch für ihn hatten sie niemals ein gutes Wort oder gar ein Trinkgeld.
All diese Menschen schienen Dinge zu tun, die keinen Sinn ergaben, aber ihnen dennoch Spaß machten. War mein Kirchplatz in Charlottenburg voll mit Geistesgestörten? Oder war ich in einer seltsamen Filiale vom Restaurant am Ende des Universums gelandet? Oder schaute ich einfach zu viel aus dem Fenster?

Irgendwann bot die Basler Zeitung mir an, eine Kolumne für sie zu schreiben. Natürlich entschied ich mich für die Helden rund um den Kirchplatz vor meiner Tür. Für die »Helden wie ihr«. Meine Ermittlungen dauerten 16 Monate lang. Was sie zu Tage förderten, steht auf den nächsten Seiten.
Weil Sie eventuell zwischendurch die Lektüre unterbrechen müssen, um eine radioaktiv verstrahlte Riesenechse zu töten oder einen Käse zum Bahnhof zu rollen, ist mein Bericht in mundgerechte Stücke geteilt.

Wie wird man eigentlich ein Held?

Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie man zum Helden wird? Im Lauf der Menschheitsgeschichte gab es dafür die verschiedensten Möglichkeiten. Noch im alten Griechenland konnte jeder dahergelaufene Halbgott allein schon dadurch unsterblichen Ruhm erlangen, dass er bei König Augias im Kuhstall mal ordentlich durchwischte. Wenige Jahrtausende später etablierten die USA den Rang des Superhelden. Der überragte den Durchschnittshelden um ein Stück, musste dafür aber in der Regel bereit sein, während der Kernarbeitszeit Strumpfhosen zu tragen. In der Schweiz hingegen reichte der Besitz einer handelsüblichen mittelalterlichen Schusswaffe aus, um zum Nationalhelden zu werden – wenn man sie nur präzise auf seinen leiblichen Sohn abfeuerte.
Sie sehen, es ist eine komplizierte Frage. Meine persönliche Lieblingsdefinition des Heldentums stammt von Cus D’Amato, jenem legendä­ren Boxtrainer aus den USA, der Muhammad Ali beriet und Mike Tyson entdeckte. »Der Held und der Feigling«, so sagte er einst, »empfinden haargenau das gleiche Gefühl der Furcht. Der einzige Unterschied besteht darin, dass der Held lernt, seine Furcht zu kontrollieren, und danach handelt.«
Daran muss ich denken, wenn ich auf den Kirchplatz vor meinem Fenster in Berlin-Charlottenburg sehe. Dort fährt oft ein schwerstbehinderter Mann vorbei. Er liegt auf einem elektrischen Rollstuhl, seine Beine sind je nach Wetter in eine Wolldecke gewickelt oder unter einer Plastikplane verborgen. Auf den ersten Blick ist er jemand, der alles Recht der Welt zu haben scheint, sein Leben im Bett eines Heims zu verbringen, um mit Volksmusiksendungen um die Wette zu verscheiden.
Doch dann offenbart sich die Lieblingsbeschäftigung des Mannes: Wachen Blicks lenkt er seinen Rollstuhl gern frontal auf Entgegenkommende, egal, ob das Spaziergänger sind, Eltern mit Kinderwagen oder Alkoholiker, die mit ihren Flaschen träge im Schatten lagern. Manchmal sprengt er sogar Gruppen von Grundschülern auseinander, die zwischen Kirchtreppe und Spielplatz herumlungern. Alle springen beiseite. Ausnahmslos jeder könnte ihn für seine Unverschämtheit verprügeln, doch niemand traut sich auch nur zu schimpfen.
Sein Meisterstück lieferte dieser Freibeuter des Bürgersteigs im vergangenen Sommer. Auf dem Kirchplatz war der Außendreh einer TV-Endlosserie aufgebaut. Kamera, Licht, Schauspieler, alle warteten auf das »Action!« des Regisseurs. Sogar die Sonne strahlte fotogen durch die Wolken. Da kam unser Held um die Ecke und fuhr mitten auf das Set. Abbruch, Neuaufbau, »Action!« Im entscheidenden Moment rollte er wieder über den Platz. Ein halbes Dutzend Mitglieder jener Kaste, die in der Wirtschaftslehre »Subproletariat«, in Indien »Unberührbare« und beim Privatfernsehen »Praktikanten« genannt werden, versuchten, ihn vorsichtig abzudrängen. Vergeblich. Nach drei weiteren Anläufen schlug das Wetter um, und der Dreh wurde abgebrochen. Lachend rollte unser Held einem nächsten Tatort entgegen. Stolz sah er aus, und das durfte er auch sein. Denn sechs Angreifer unverletzt abzuwehren, das schafft kaum ein Strumpfhosenträger. Und antike Stallausmister schon gar nicht.

Toupet ohne Gnade

Vor einiger Zeit besuchte mein Vater Berlin. Wir waren verabredet, und deshalb wartete ich am S-Bahnhof Charlottenburg auf ihn. Nach wenigen Minuten fuhr ein Zug Richtung Alexanderplatz ein. Ganz hinten, ungefähr vier Waggons von mir entfernt, wurde eine Tür aufgerissen. Mein Vater stand darin. Obwohl seit einigen Jahren Rentner, ist er noch immer ein Kanten von einem Mann: 1,88 groß, knapp zwei Zentner schwer. Das Gesicht gegerbt von jahrzehntelanger Auslandsmontage und gekrönt von einem Toupet, wie es außer ihm höchstens noch Käpt’n Iglo bei der Fischstäbchendegustation zu tragen wagt. Da er in einem vergangenen Jahrtausend eine solide Amateurboxkarriere in der Kampfgemeinschaft seines Heimatorts hinter sich gebracht hatte, neigte er noch immer zu sportlichen Angebereien. Lässig winkte er mir zu, und dann wuchtete er seinen Körper auf den Bahnsteig, bevor der Zug richtig zum Stehen gekommen war. Plötzlich sprang ein dünnes, etwa 16jähriges Bürschchen in Bomberjacke von der Seite her auf ihn zu. Vielleicht sah mein Vater noch, dass der Kleine ihm ein Bein stellen wollte, doch er war noch viel zu sehr in Schwung, um dem ausgestreckten Springerstiefel ausweichen zu können. So knallte er direkt auf ein Knie, und als er herumrollte, rutschte das Toupet in den Dreck.
»Papa!« schrie ich und lief los. Ich hatte gesehen, dass auf einer Bank in der Nähe drei weitere Bomberjacken saßen und grölend lachten. Da sie alle etwas älter aussahen als der Kleine, hatten die ihn wahrscheinlich zu einer Mutprobe geschickt. Natürlich konnte keiner von ihnen ahnen, dass der dicke Greis, der da eben zu Boden gegangen war, im vergangenen Jahrtausend eine solide Amateurboxkarriere hinter sich gebracht hatte. Jedenfalls guckte das Bürschchen ziemlich dämlich, als mein Vater wieder stand, bevor es auch nur seinen Kumpanen triumphierend zuwinken konnte. Eine kurze Linke schob sein Gesicht in die richtige Position, dann krachte ein schwerer rechter Schwinger gegen seinen Unterkiefer.
Die Bomberjacken vertrödelten ihre einzige Chance zu gewinnen. Denn statt sofort in geschlossener Formation auf meinen Vater loszugehen, glotzten sie fassungslos auf dieses Monster, das mit flatterndem Toupetpflaster am wutroten Schädel auf sie zukam. Ohne Zögern griff Vater an. Ich war mittlerweile nahe genug, um das unangenehme Knirschen eines Nasenbeins zu hören, als die erste Jacke über die Rückenlehne der Bank fiel. Die nächste Jacke erwischte er noch mit einem Wischer an der Schulter, bevor sie fliehen konnte. Nur eine kam ungeschoren davon.
Einige Fahrgäste, vor allem ältere Herren mit erkennbaren Gewichtsproblemen und Bluthochdruckteint, klopften anerkennend von innen gegen die Zugscheiben. Ich blieb stehen und hob Vaters Haarteil aus dem Staub.
»Gut, dass du da bist, Junge. Den Letzten hätte ich bestimmt nicht mehr geschafft«, log er, um mir eine Freude zu machen.
Nachdem wir bei einem Friseur in der Nähe sein Toupet notdürftig hatten ausbürsten lassen, gingen wir in einen Biergarten. An diesem Abend drängelte ich mich besonders rücksichtslos durch das Gästerudel vor dem Tresen. Wann immer mich jemand empört anschaute, fixierte ich ihn lange und scharf. Und ich schwöre, wenn an diesem Abend jemand auf Streit ausgewesen wäre, hätte ich ihm gesagt: »Wenn du mich schlägst, dann hole ich meinen Papa!«

Alles Spaghetti!

Oft erklären wir Menschen zu Helden, wenn sie einer scheinbar unbesiegbaren Übermacht die Stirn bieten. David zählt dazu, der mit seiner Schleuder gegen Goliath antrat, oder König Leonidas von Sparta, der seine 300 Kämpfer bei den Thermopylen gegen das Heer des persischen Reichs führte. Und natürlich Elisabeth Konetzka.
Zugegebenermaßen ist Frau Konetzka nicht ganz so bekannt wie David oder Leonidas, was durchaus auch daran liegen mag, dass sie nicht die spartanische Kriegerkaste führt, sondern lediglich den Frisiersalon Konetzka für Damen und Herren in Berlin-Charlottenburg. Vor gut vier Jahrzehnten übernahm sie den Laden gleich nach ihrer Lehrzeit. Damals sah das Geschäft auf den ersten Blick aus wie eine Eckkneipe ohne Ecke. So wissen es jedenfalls die älteren Nachbarn zu berichten. Der Blick ins Innere war verstellt durch hartnäckig überlebende Topfpflanzen in den Fenstern, und schreiend bunte Tücher von der Decke erledigten den Rest. Frau Konetzka warf den ganzen Krempel raus. Nachdem sie völlig umdekoriert hatte, sah der Laden aus wie eine Eckkneipe ohne Ecke. Mit neuen Tüchern und Topfpflanzen, die Verwandte ersten Grades des ursprünglichen Sichtschutzes zu sein schienen.
Von da an kam sie jeden Tag um neun Uhr mit dem Fahrrad zur Arbeit, und schon von Weitem leuchtete ihr karottenfarbener Haarschopf. Jeden Tag warf sie sich in den Kampf mit Dauerwellen und sonstigen Turmfrisuren, die höher waren als die Stufe vom Bürgersteig zu ihrem Laden, oder modellierte Bärte nach der Art, wie sie schon bei britischen Droschkenkutschern vergangener Jahrhunderte schwer außer Mode war. Zu besten Zeiten befehligte sie statt 300 Kämpfern immerhin eine Angestellte, und täglich schlenderte Maria vorbei. Eine ältere griechische Nachbarin, die ihre Tage mit Spaziergängen füllte.
»Wie geht es, Maria?« fragte Frau Konetzka dann, und Maria antwortete: »Alles Spaghetti!« »Wirklich?« hakte Frau Konetzka nach, doch auf solcherlei Fangfragen ging Maria gar nicht erst ein. »Spaghetti Bolognese!« trumpfte sie stattdessen. Es war ein Idyll.
Vorletztes Jahr griffen die Perser an – in Gestalt zweier Discount-Coiffeure, die nur wenige Meter nebeneinander eröffneten. Direkt gegenüber von Frau Konetzka bot ein türkischer Barbier neben dem Herrenhaarschnitt Wachsbehandlungen und Ohrenthaarungen inklusive an. Noch schlimmer war der Damen- und Herrensalon 20 Meter daneben: Der rekrutierte seine Angestellten aus staatlich alimentierten Langzeitarbeitslosen und warb mit Preisen an der Dumpinggrenze. Frau Konetzka musste ihre Angestellte entlassen, und einige Monate wurde es gespenstisch leer im Laden.
Doch unsere Heldin hielt durch, und im Gegensatz zu dem spartanischen Hochadel ließ sie sich auch nicht umzingeln. Nach einiger Zeit merkten die älteren Damen, dass sie sich lieber von einer gestandenen Frau statt einer Kaugummi kauenden Teenagerin frisieren ließen, und auch ihre Männer wollten sich die Ohrenhaare nicht mit offener Flamme absengen lassen.
Heute Morgen kam Frau Konetzka wie immer um neun Uhr. Der ersten Kundin musste sie die Stufe in den Laden hinaufhelfen.
Dabei half ihr Maria, die dann erst einmal das Trottoir abfegte. »Alles Spaghetti!« stellte sie zufrieden fest.

Bis auf die Knochen!

Die drei Männer saßen auf Monoblock-Stühlen auf dem Trottoir. Einer von ihnen hatte einen schweren Bauch, der ihm bis auf den halben Oberschenkel hing, der zweite hatte einen schweren Raucherhusten, und der dritte war in ein schwer zu ertragendes Netzhemd gequetscht. Im Haus hinter ihnen klaffte eine Art Höhle, die sich bei näherem Hinsehen als Kneipe entpuppte. Das Etablissement schien auf Frühtrinker und Spätheimkehrer gleichermaßen spezialisiert zu sein. Aus der Musikbox ertönte »Ich möcht’ der Knopf an Deiner Bluse sein«, ein Tophit von Bata Illic aus dem Jahr 1976. Dass die Hygiene bei einer so umfassenden Zielgruppe nicht immer mithalten kann, ist klar. Innen am schmierigen Fenster hing eine Tafel, die das Angebot des Hauses anpries: »Futschi 1,80«. Unter einem Futschi versteht man einen erbarmungslosen Hirnzellentöter, der in der Regel aus mäßigem Weinbrand und lauwarmer Cola besteht. Die drei Männer labten sich aber noch an ihrem Frühstücksbier. Gleich würden die Geschäfte öffnen, und man musste heute noch so viel tun – über Frauen lästern zum Beispiel.
Die Frau stand auf ihrem Balkon im ersten Stock. Sie goss aus einem Kännchen die Blumentöpfe, die auf dessen Rand standen. Vorsichtig, damit nichts an den Blumen vorbei aufs Trottoir rann. Einmal passierte es dennoch, und ein paar Tropfen klatschten auf den Schädel des Mannes mit dem Raucherhusten.
»Entschuldigung!« rief sie nach unten.
»Macht nix, Süße!« hustete der Getroffene zurück.
Eine Viertelstunde später verließ die Frau das Haus, um Besorgungen zu machen. Aus der Nähe sah man, dass sie ungefähr 50 Jahre alt war und ihr Haar bereits grau. Sie war penibel und auf Wirkung bedacht gekleidet. Unter ihrem schwarzen Jäckchen trug sie ein T-Shirt mit tiefem Ausschnitt, ihre Beine steckten in dunklen Nylons, der Rock endete zehn Zentimeter über den Knien. Durch diesen Kleidungsstil wurde allerdings auch deutlich, dass die Frau über O-Beine verfügte, wie man sie meistens nur bei Profifußballern im Spätherbst ihrer Karriere zu sehen bekommt und die ihr einen Laufstil aufzwangen, der an den überreifen John Wayne gemahnte. Im Vorübergehen nickte sie den Männern kurz zu.
»Wen will die eigentlich mit ihren Klamotten noch beeindrucken?« rülpste der Bauchträger, als die Frau noch in Hörweite war.
»Sieht aus wie meine ältere Schwester. Bloß älter«, ergänzte das Netzhemd.
»Zwischen den Beinen kannste ’n Schwein durchtreiben«, entschied der Huster und steckte sich eine neue Zigarette zwischen die gelben Finger.
Die Frau blieb nicht einmal stehen. Als sie zwei Stunden später zurückkam, trug sie eine prall gefüllte Plastiktüte mit dem Werbeemblem eines nahen Warenhauses. Die Männer waren mittlerweile zu ihrem Mittagsfutschi übergegangen. Man würdigte sich keines Blickes.
Wenige Minuten später stand sie wieder auf ihrem Balkon. In der Hand hatte sie eine große Plastikgießkanne. An deren Griff sah man ein Preisschild mit demselben Emblem wie auf der Tüte. Sie war randvoll mit Wasser. Die Frau kippte den Inhalt nach unten.
»Solln das?« röhrte der mit dem Hemd.
»Uffhörnabaschnell!« forderte der Bauch.
Der Huster vergaß vor Schreck das Husten.
Der Kneipenwirt deeskalierte. Er stellte ihnen drei Futschi hin. »Geht aufs Haus.«

Mein Freund Hasi

Vor wenigen Tagen gelang es mir, einen leibhaftigen Puka nicht zu sehen. Nun stellen sich Ihnen wahrscheinlich mindestens zwei Fragen. Einen Moment, bitte.
Bei der unverhofften Sichtung fläzte ich auf meinem Balkon herum. Am gegenüberliegenden Straßenrand parkten die Autos dicht an dicht. Einem zufällig vorbeistromernden Autoindustrie-Riesen wäre es ein Leichtes gewesen, die Wagen an den Stoßstangen aneinander zu haken und sich dann als Kette um den Hals zu legen. Von Menschen auf der anderen Seite dieses Blechwalls sah man jedenfalls nur Köpfe und Oberkörper. Unter ihnen war ein Mann, der gemächlich den Bürgersteig entlangschlenderte. Er schien einen Hund dabei zu haben. Immer wieder beugte er sich zu dem verborgenen Tier hinunter. Er scherzte, er mahnte, und als das Tier ihm einmal wegzulaufen drohte, rief er es mit einem entschieden gerufenen »Komm zurück, Hasi!« zur Raison. Jeder, der dem Mann entgegenkam, wurde freundlich von ihm gegrüßt. Aber fast alle ignorierten ihn. Sie sahen starr zu Boden oder zur Seite. War das die Kälte der Großstadt, von der immer so viel geredet wird? Vor allem in Kleinstädten?
Der Mann erreichte die Kreuzung unter meinem Balkon. Am Bürgersteig rief er Hasi zu sich, indem er auf seinen Oberschenkel klopfte. »Komm her! Sitz!« Da sah ich es: Den Hund, mit dem der Mann unablässig redete, gab es gar nicht. Trotzdem tätschelte er Hasis imaginären Kopf und ging dann schnellen Schritts über die Straße, um hinter dem nächsten Blechwall zu verschwinden.
Kurz überlegte ich, ebenfalls starr in die andere Richtung zu blicken, doch dann fiel mir ein befreundetes Lexikon ein, das seit Jahren den Bücherschrank im Bürozimmer bewohnt. Es wusste Rat. »Bei diesem Hund«, räusperte es sich staubig, »scheint es sich um einen Puka zu handeln. ›Ein guter Geist aus der keltischen Sagenwelt, der sich zuweilen ruppig aufführt, aber des Menschen Freund ist.‹ Moment«, das Lexikon schüttelte sich, bis die richtige Seite aufgeblättert war. »Der bekannteste Puka ist Harvey, zwei Meter großer Titelheld des Stücks ›Mein Freund Harvey‹, der regelmäßig dem Lebemann Elwood P. Dowd erscheint. Alle halten den zunächst für wahnsinnig, doch zum letzten Vorhang glauben selbst Dowds Schwester und sein behandelnder Psychiater, Harvey zu sehen.«
Ächzend klappte das Lexikon sich zu. Es schien mir die richtige Lösung gegeben zu haben. Denn vielleicht war der Mann da unten wirklich geistesgestört. Aber wäre er ohne Hasi auch so gut gelaunt und freundlich zu jedermann gewesen? In den nächsten Tagen stand ich häufiger auf dem Balkon. Als der Mann das nächste Mal vorbeispazierte, ging ich hinunter auf die Straße. »Hallo, Hasi!« rief ich in die Richtung, in der ich den Puka vermutete.
»Hasi!« rief der Mann über seine Schulter. »Komm her und sag Hallo zu dem netten Mann.«
Wir redeten nicht viel, als wir dem kleinen Helden das Fell streichelten. Jedenfalls bis ein Mann in Jogginghose mit seiner übel blondierten Freundin vorbeikam. »Guck mal die beiden Bekloppten, Sandy«, spottete er. Da kam er bei mir aber an den Richtigen. »Keine Ahnung von keltischer Mythologie und Drama des 20. Jahrhunderts, aber hier die Klappe aufreißen!« rief ich ihm hinterher. Der Feigling drehte sich nicht einmal um.

Schamrot und stark überhitzt

Manchmal ist es notwendig, das lauschige Quartier rund um den Kirchplatz in Berlin-Charlottenburg zu verlassen. Vor allem, wenn mir meine skrupellose Agentin Lesungen in Literaturhochburgen wie Salzgitter oder Fredersdorf, Wittstock/Dosse oder Naumburg/Saale vermittelt. Dann wird ein Anruf bei Jürgen fällig. Jürgen ist ein gehbehinderter Kraftsportler, der im Nebenerwerb als Privatfahrer arbeitet und dessen Fahrzeugpark aus einem 15 Jahre alten, schamrot lackierten Opel Kombi besteht. Hinter Jürgens Rücken, oder zumindest außerhalb seiner Schlagreichweite, nennen die Kunden das Gefährt gerne »Schrottomobil« – und buchen es trotzdem, denn Jürgens Preispolitik ist unschlagbar.
»Du musst dich nicht wundern, wenn es in Rechtskurven scheppert. Die Bodenbleche sind ein bisschen locker.« Mit einer Information wie dieser steigt Jürgen auf die Minute genau aus dem Wagen und quetscht einem zur Begrüßung die Hand grün und blau. Zuweilen ist auch der Auspuff kaputt, oder der Blinker geht gerade nicht.
»Gib mal her.« Jürgen reißt die Tasche seines Kunden an sich und versucht den Kofferraum zu öffnen. Das klappt manchmal, und manchmal nicht. Warum, das weiß er selbst nicht.
Zur Weißglut bringt den Fahrer die weibliche Stimme seines Navigationsgeräts. »Bitte auf die angegebene Strecke einbiegen«, schlägt das Gerät zu Beginn der Fahrt vor. »Solln dit heißen – links oder rechts?!« Jürgen schlägt mit flacher Hand auf die Oberkante des Geräts und beleidigt es mit Namen, die hier unwiederholt bleiben müssen.
Auf den Autobahnen oder Bundesstraßen hinter Berlins Stadtgrenzen beruhigt sich die Situation. Mein Fahrer wird kundenfreundlich und startet sein Bord-Unterhaltungssystem. Das besteht aus einem maroden Kassettenrekorder, und Jürgen hat leider nur das Album »Heart Over Mind« von Jennifer Rush aus dem Jahr 1987 im Angebot. Wer ihn aber jemals mit geballter Faust »You’re My Destiny« mitschmettern hörte, bekommt eine Ahnung von den Kriegsrufen, mit denen mittelalterliche Reiterhorden auf ihre Gegner losgegangen sein müssen. Kein Wunder, dass der alte Opel bei derartigem Vollbetrieb schnell überhitzt. Sobald die Motortemperatur-Anzeige sich der 100-Grad-Marke nähert, wird Jürgen aktiv. Er klemmt das Lenkrad zwischen seine Knie und kurbelt das Fahrerfenster runter. Dann erhebt er sich ein bisschen, greift von außen nach dem Dachfenster und schiebt es ein Stück nach hinten, bis er es von innen aufreißen kann. »Klemmt ein bisschen«, informiert er seinen Fahrgast, der sich instinktiv irgendwo festklammert. Danach wird es Zeit, die Heizung aufzudrehen, um die heiße Luft aus dem Motorblock ins Wageninnere strömen zu lassen, was gerade zwischen Mai und August zu saunaesken Bedingungen führt.
Pünktlich am Ziel angekommen – und Jürgen ist immer pünktlich –, trennen sich die Wege. Ich gehe auf die Bühne, mein Fahrer sucht nach dem billigsten Schnitzel, das die Stadt zu bieten hat. Das aber ist nie billig genug, und das ausgiebige Klagen über verbrecherische Imbissbesitzer füllt den Großteil der Rückfahrt nach Berlin. Dort angekommen ist einmal mehr zu konstatieren: Das Lampenfieber hatte keine Chance. Erstens war ich viel zu sehr mit Todesangst beschäftigt, und zweitens war Jürgen viel zu laut, als dass ich mir Gedanken um die Reaktionen der zahlenden Zuschauer hätte machen können.
Wird Zeit, dass meine Agentin mal wieder anruft.

Knud Kohr liest aus »Helden wie ihr« am 14. Mai um 20.30 Uhr im »Monarch« in Berlin-Kreuzberg.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Knud Kohr: ­Helden wie ihr. Verbrecher-Verlag, Berlin 2013, 224 Seiten, 14 Euro. Das Buch erscheint dieser Tage.