Die Science-Fiction-Serie »Doctor Who«

Tee trinken in der Zeitmaschine

Vor 50 Jahren, am 23. November 1963, strahlte die BBC die erste Folge von »Doctor Who« aus. Die Science-Fiction-Serie, die weit über Großbritannien hinaus Kultstatus genießt, ist damit die dienstälteste ihres Genres.

Seit bemerkenswerten 50 Sendejahren reist der schrullige Außerirdische, der sich »The Doctor« nennt, mit wechselnden Begleiterinnen und Begleitern durch das Universum. Zur Fortbewegung dient eine Maschine namens »Tardis«, die zugleich Raumschiff und Zeitmachine ist. Der Doctor hat sie beim Verlassen seines Heimatplaneten Gallifrey mitgehen lassen. Unterwegs werden Lebewesen, Planeten oder auch gleich die ganze Welt gerettet. Der Doctor ist allerdings kein klassischer Superheld, er wird nicht durch sein Kampfgeschick zum Retter, sondern schafft es immer wieder, schlauer zu sein als der Gegner und mit Argumenten zu überzeugen. Ohnehin ist er als Tee trinkender Nerd mit Hang zu albernen Witzen und merkwürdigen Klamotten, der Waffen am liebsten gar nicht erst anfassen will, nicht gerade der typische Held.
Im Laufe der Jahre hat sich die Serie stark gewandelt. Das gilt auch für ihre Hauptfigur: Aus dem grummeligen Egoisten der sechziger Jahre wurde in den folgenden Jahrzehnten ein unbeschwerterer, geselligerer Charakter, der einfach Spaß am Reisen hat. Seit der Jahrtausendwende wird die Figur des Doctor komplexer gezeichnet und in ihrer Widersprüchlichkeit dargestellt, hinter all der Fröhlichkeit und Albernheit verbirgt sich eine tragische und einsame Gestalt, die kein Zuhause mehr hat und sich selbst nicht verzeihen kann, dass sie ihren Anspruch auf Gewaltfreiheit nicht immer aufrechterhalten kann.
Die Vielschichtigkeit der Figur liegt auch darin begründet, dass sie bisher von elf verschiedenen Schauspielern verkörpert wurde. Der Doctor gehört zu den Time Lords, die, wenn ihr Körper tödlich verletzt wird, einfach einen neuen bekommen – inklusive neuer charakterlicher Eigenarten. Schon seit einigen Jahren wird darüber diskutiert, ob es nicht an der Zeit sei, eine Schauspielerin den Part übernehmen zu lassen. In der Logik der Serie wäre das kein Problem. Allerdings ist es eher unwahrscheinlich, dass die BBC in absehbarer Zeit einen weiblichen Doctor castet, denn der Widerstand bei vielen Fans ist groß – die Vorstellung, dass ihr Lieblingsheld plötzlich kein Mann mehr sein soll, scheint nicht in ihr Weltbild zu passen.
Eine solche Veränderung würde der Serie allerdings gut tun, denn über Jahrzehnte hinweg hat sie gesellschaftliche Geschlechterhierarchien reproduziert. Meistens ist es eine junge, hübsche Frau, die mit dem Doctor reist – seit den Sechzigern verkörpern diese Frauen die Angst und das Staunen im Angesicht des Unbekannten. Sie sind es, die die doofen Fragen stellen und vom Doctor belehrt werden. Selbst die etwas punkig angelegte Figur Ace, die Ende der achtziger Jahre aus der Reihe der bisherigen Begleiterinnen tanzt und das Wort »Chauvi« in den Mund nimmt, variiert lediglich das Schema. Seit der Jahrtausendwende nehmen die weiblichen Figuren immerhin auch mal die Dinge in die Hand und sind nicht mehr verängstigt und völlig verloren ohne den Doctor. Dieser bleibt zwar belehrend, aber es wird ihm immer öfter widersprochen. Schade nur, dass sich das Klischee der überlegenen männlichen Hauptfigur mit der jungen hübschen Begleiterin damit noch mehr verfestigt hat. Denn anders als in den ersten drei Jahrzehnten wird der Doctor seit den neunziger Jahren als ein – wenn auch unfreiwilliger – Frauenheld dargestellt, der von seinen Begleiterinnen oft angehimmelt oder auch niedergeknutscht wird. In dieser Hinsicht gibt es noch viel zu tun bei »Doctor Who«.
Vorbei sind allerdings die Zeiten, in denen die Zukunft und das Fremde aus mit Silberfolie verkleideten Räumen mit blinkenden Lichtern und Sumpfmonstern aus Schaumstoff bestanden. Einige der Monster und Außerirdischen aus den Anfangsjahren sind, wenn man sich die Folgen heute anschaut, wenig mehr als lustiger Trash. Die Vielfalt unterschiedlicher Monster zeugt allerdings von großem Einfallsreichtum, der bisweilen auf angenehme Weise in absurde Spielerei abdriftet – wovon unter anderem Figuren wie der »Candyman« zeugen, ein komplett aus Süßigkeiten zusammengesetzter Bösewicht.
Der Vorteil des Formats ist, dass es einen großen Spielraum für die unterschiedlichsten Ansätze und Handlungen lässt: Die meist komplexen und einfallsreichen Geschichten sind sowohl auf der Erde als auch auf fremden Planeten, Raumschiffen und Raumstationen sowie in virtuellen Welten angesiedelt – in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft. Neben klassischen Science-Fiction-Handlungen mit Alien-Invasionen finden sich nicht nur einige kritisch-dystopische Geschichten und Imaginationen einer möglichen Zukunft, sondern auch in Richtung Fantasy, Horror, Historiendrama oder Krimi weisende Stories.
Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Zukunft und eine damit verbundene Reflexion der Gegenwart, wie dies beispielsweise neuere Science-Fiction-Produktionen wie »Black Mirror« und »Real Humans« leisten, liefert die Serie sicherlich nicht. »Doctor Who« war von Anfang an als Familienserie konzipiert, die vor allem unterhalten will. Dennoch bietet sie Raum für kritische Reflexion und Imaginationen anderer Welten.
In seinem Gesamtkonzept lässt sich »Doctor Who« als ein vergleichsweise wenig affirmatives Format begreifen. In den meisten erfolgreichen Science-Fiction-Serien wie »Star Trek«, »Battlestar Galactica«, »Babylon 5« und »Stargate« werden Uniformen getragen und Befehle befolgt. Zwar wird häufig thematisiert, wie sich an der Befehlsstruktur Konflikte entzünden und dass ein Regelbruch nötig sein kann, um »das Richtige« zu tun – aber die Regeln und die militärische Hierarchie selbst werden nicht in Frage gestellt. Auch in »Akte X« sind die Hauptfiguren bewaffnete Agenten in staatlichem Auftrag. Es scheint fast so, als könne die Zukunft und das Außerirdische nur als etwas Bedrohliches imaginiert werden, dem nur mit Disziplin, Ordnung und vor allem mittels Laserkanonen zu begegnen ist. Besonders befremdlich mutet es an, dass, selbst wenn in »Star Trek« behauptet wird, man lebe bereits in einer glorreichen Zukunft ohne Kapitalakkumulation und Fernseher, zu diesem Leben in Freiheit dennoch Uniformen und strenge Hierarchien zu gehören scheinen.
»Doctor Who« bildet eine Ausnahme und ist ein gutes Beispiel dafür, dass eine Science-Fiction-Handlung über Jahrzehnte auch ohne ein solches militärisches und kriegerisches Setting auskommen kann. Zwar arbeitet der Doctor in vielen Folgen der sechziger und siebziger Jahre mit dem Militär zusammen, er wahrt aber immer Distanz und schert sich nicht um Befehle. Entsprechend ist er von den strengen Regeln und Hierarchien der Gesellschaft seines Heimatplaneten wenig begeistert. Seit der Jahrtausendwende äußert er dann mehrfach deutlich seine Abneigung gegenüber dem Militär. Das bedeutet allerdings nicht, dass »Doctor Who« frei von Hierarchien zwischen den Charakteren wäre. Der Doctor, der durch seine Intelligenz und Erfahrung anderen überlegen ist, hält sich nämlich nicht zurück, sondern bestimmt häufig über anderer Köpfe hinweg, kommandiert herum und nimmt sich das Recht heraus, einzugreifen und darüber zu entscheiden, was richtig und falsch ist.
Dennoch ist es schön, dass bei »Doctor Who« jemand der Held ist, den der Wunsch nach Freiheit für sich und andere antreibt, der sich nicht in eine Rolle fügen will, der nicht an Regeln glaubt und seine Zeit lieber damit verbringt, zu träumen, zu erfinden, zu lesen, Witze zu reißen und Freunden interessante Planeten zu zeigen. Als der Doctor einmal vermeintlich für immer auf der Erde festsitzt, erschrickt er bei dem Gedanken, dass er jetzt die Freiheit des Reisens gegen den Zwang, einen Job zu finden und eine Wohnung zu mieten, eintauschen muss – tatsächlich kein schöner Gedanke. Schade eigentlich, dass man so selten die Gelegenheit hat, ein Zeitmaschinen-Raumschiff zu klauen.

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