Andreas Dorau wird 50

Schon wieder Ärger mit der Unsterblichkeit

Andreas Dorau wird 50. Für die Produktion seines neuen Albums »Aus der Bibliotheque« benötigte er echte Gentlemen, einen guten Anwalt und einen
gültigen Bibliotheksausweis.

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Der frisch aufgebrühte Kaffee schmeckt und ist günstig. Außerdem gibt es noch einen weiteren Grund dafür, dass Andreas Dorau zum Gespräch in die etwas schmucklose Cafeteria der Zentralbibliothek der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen eingeladen hat: Sein neues Album »Aus der Bibliotheque« ist fertig. Ganz wunderbar sind die 13 Songs geworden, und sie wären nie entstanden, wäre da nicht die riesige Bücherhalle am Hauptbahnhof. Naja, jedenfalls wären sie vermutlich ein bisschen anders geworden. Denn aus einem Teil der hier vorhandenen 20 000 Musik-CDs hat sich Dorau dreist Ideen geklaut, wie er freimütig zugibt.
»Um mir beim Kompositionsprozess monatelanges Herumgedrücke auf dem Klavier zu ersparen, bin ich hier immer mittags reinmarschiert und habe mir wahllos zehn bis 20 CDs mitgenommen, die ich noch nicht kannte«, erzählt er. »Die habe ich mir zu Hause angehört und nach Songs mit guten Harmoniefolgen gesucht, die ich verwenden konnte. Es mussten natürlich Allerweltsharmonien ohne produktionstechnische Auffälligkeiten oder so etwas sein, damit ich nicht irgendjemandem eine einmalige Idee klaue und man mich verklagt. Dann habe ich Loops gebastelt, meine Texte ausprobiert – und mit dieser Methode ging es ratzifatzi!« Zugute kommt ihm die Tatsache, dass Akkordfolgen der Populärmusik meist nicht geschützt sind. Der urheberrechtliche Schutz greift erst dann, wenn eine Komposition eine juristisch so bezeichnete Schöpfungshöhe besitzt. Eine recht komplexe Geschichte, aber Dorau ließ sich von einem Anwalt versichern, dass seine Vorgehensweise unbedenklich sei. Bei welchen Künstlern er sich bedient hat, möchte er aber vorsichtshalber doch nicht verraten.
Schon früher wusste Dorau das Material anderer Musiker kreativ zu nutzen. So war er hierzulande einer der ersten, die im großen Stil mit Samples arbeiteten. Hören kann man die Ergebnisse dieser Periode auf dem vom House-Sound beeinflussten Album »Ärger mit der Unsterblichkeit«, das er 1992 in Zusammenarbeit mit Tommi Eckart aufnahm. Ein Ende fand die Sample-Phase mit dem düsteren Album »Todesmelodien« (2011). Für sein neues Album arbeitete Dorau erstmals seit »Demokratie« (1988) wieder mit einer Band zusammen. Und was für eine! Als die Song-Gerüste standen, ging es mit den Superpunk-Erben Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen ins Studio. Eine überraschende Wahl, denn die großartigen Gentlemen stehen ja eher in der Tradition von Beat-, Soul- und Mod-Sounds – einem Gelände also, auf dem man Dorau bislang nicht allzu häufig angetroffen hat. Aber die Kombination passt und lässt das Album musikalisch auf geradezu wundersame Weise gleichzeitig ein bisschen retro und futuristisch klingen. Sehr kraftvoll und von einer gewissen Leichtigkeit ist es obendrein. »Die Platte kannst du dir nachts nicht anhören, dafür ist sie zu lebensbejahend«, findet auch Dorau. »Ich glaube, ich war einfach irgendwie gut drauf. Dass es so schnell ging, hat mich unheimlich beflügelt. Und dass man im Studio nicht zu zweit saß, sondern dass da fünf Leuten waren und Sachen gut fanden, hat der ganzen Geschichte so einen Drive gegeben.«
Einem einheitlichen Stil ist »Aus der Bibliotheque« nicht verpflichtet. Es gibt Songs, die mit schönen Chören unterlegt sind und an kalifornische Surf-Klassiker erinnern, außerdem klingt Rockiges, Poppiges, Schlagereskes und Clubbiges in den Stücken an. Es gibt immer wieder gut platzierte Einsätze von Klavier, Saxophon, Banjo, Melodica und Stylophon. Auch Gitarren spielen keine ganz unwesentliche Rolle, was vom langjährigen Gitarren-Hasser Dorau nicht unbedingt zu erwarten war: »An diesem Instrument hat mich immer das Image, das Rockistische gestört. Deshalb war mir auch wichtig, dass wir nicht so einen klassischen Gitarrensound produzieren.« Gemeinsam sind allen Songs die starken Melodien und Refrains und – das wiederum überrascht bei Dorau nicht – die außergewöhnlichen Texte.
Wer Freude an abseitigen Themen und vollkommen irrelevanten, aber enorm unterhaltsamen Beobachtungen hat, wird auch bei diesem Album von Dorau fündig. Es ist großartig, wie er in den oft komischen Song-Texten die Skurrilität und Schönheit einzelner Worte zelebriert, die man sonst in der Popmusik nicht zu hören bekommt. Erwähnt seien hier das grandiose Stück »Flaschenpfand«, das mit einem super-catchy Refrain die Leergutsammelei zu einem hippen Traumberuf erklärt, die Anti-Astrologie-Hymne »Löwe«, die Beobachtungen der »Bienen am Fenster« sowie der mitreißende und verstörende Sing-along-Kracher »Tannenduft« über den Hamburger Serienmörder Fritz Honka. Man schämt sich ob der geschilderten Grausamkeiten im Honka-Text fast ein bisschen, bei dem Song mitzusingen und zu tänzeln, aber man muss einfach.
Im Pressetext des Plattenlabels wird behauptet, dass Dorau die Inspiration für die Texte ebenfalls in der Bücherhalle gefunden habe, aber dem widerspricht er: »Das stimmt nicht, das haben die sich ausgedacht. Ich habe das so stehen gelassen, weil es so gewesen sein könnte, aber bei den meisten Texten hatte ich schon ewig lang Fragmente vorliegen, mit denen ich jetzt wieder gearbeitet habe.« Ohnehin stammen nicht alle Texte von ihm. Langzeit-Kompagnon Wolfgang Müller schrieb zwei Texte, außerdem haben Carsten Friedrichs, Justus Köhncke und Sven Regener getextet. »Sabelle fliegt« stammt vom 1998 verstorbenen Künstler Dieter Roth, einem Vertreter der Konkreten Poesie.
Oft wird Doraus quäkige Stimme kritisiert, und natürlich stimmt es, dass er nicht besonders gut singen kann. Aber das ist in diesem Fall wohl kein Kriterium. Gerade das Unperfekte seiner Stimme passt ideal zu dem leicht durchgeknallten Rest und verleiht den Songs eine zusätzliche Edginess. Und Originalität, Charakter, Haltung, Charme, spürbarer Spaß am eigenen Tun und noch einiges andere mehr sind doch mindestens genauso wichtig wie der Klang der Stimme.
50 Jahre alt wird Andreas Dorau Mitte Januar. Anlässlich seines Ehrentages wird mit »Hauptsache Ich!« zusätzlich zum neuen Album auch eine CD mit seinen bekanntesten Songs und Raritäten veröffentlicht, außerdem gibt er zwei Gala-Konzerte mit zahlreichen Weggefährten. Eines in Hamburg, eines in Berlin. Unproblematisch sind solche Abende für Dorau nicht: »Einerseits schreit man ja nach Liebe, wenn man auftritt, andererseits macht mir die Zuneigung von Fans auch Angst. Die Leute kommen mir entgegen und klatschen und solche Sachen. Dann weiß ich nicht, wie ich damit umgehen soll und schäme mich, weil ich denke, dass ich sie irgendwie enttäusche. Warum ich damit so ein Problem habe, weiß ich nicht. Dafür müsste ich zum Doktor gehen.« Aufgrund der Qualität seiner neuen Stücke dürften die Zuneigungsbekundungen alter und neuer Fans an den beiden Abenden gewaltige Ausmaße annehmen. Hoffentlich geht das gut.

»Aus der Bibliotheque« und »Hauptsache Ich!« erscheinen am 17. Januar bei Bureau B. Der Erstauflage von »Hauptsache Ich!« liegt die Raritätensammlung »Silbernes Ich« bei.
Die »50 Jahre Andreas Dorau«-Konzerte finden am 18. Januar im Hamburger Knust und am 25. Januar im Berliner Bi Nuu statt.