Street Photography aus Teheran. Ein Besuch bei den Fotografen des iranischen Blogs »Humans of Tehran«

Teheran, ganz alltäglich

Eine Gruppe junger iranischer Fotografen porträtiert die Bewohnerinnen und Bewohner von Teheran in ihrem alltäglichen Leben und stellt die Bilder auf Facebook. Das Projekt »Humans of Tehran« fordert täglich die Zensur des Regimes heraus und will gleichzeitig »dem Westen« eine Realität zeigen, deren Wahrnehmung oft durch ideologische Bewertungen, Klischees und Vorurteile verzerrt ist.

»Tehran is not as far away as you think.« Das ist das einfache Motto der vier jungen Fotografinnen und Fotografen, die im vergangenen Jahr das Projekt »Humans of Tehran« gegründet haben. Vier junge Menschen aus Teheran, eine Kamera und ihre »geliebte, staubige, rostige Hauptstadt«, wie sie selbst auf ihrer Website schreiben. Denn ja, Teheran kann man trotz allem lieben, und das tun die Journalistin Shirin Barghi, Yara, Omid und Noosha, die dank Facebook mit ihren Fotos täglich das Regime der Mullahs und dessen Überwachungsapparat in einem sehr sensiblen Bereich herausfordern, nämlich dem der Bilderproduk­tion. Teheran zu lieben heißt nicht, das Regime zu unterstützen, ganz im Gegenteil. »Wir könnten jederzeit verhaftet werden, denn an den meisten Orten ist es verboten, zu fotografieren, aber wir wissen nicht genau, an welchen«, erzählt Yara. »Und das wollen wir auch nicht so genau wissen«, fügt Omid lachend hinzu.
Dabei will »Humans of Tehran«, kurz HOT, nichts »Geheimes« enthüllen – es ist ein Street-Photography-Blog –, sondern das Alltagsleben vieler Bewohnerinnen und Bewohner der iranischen Hauptstadt zeigen, einen Alltag, der, weil er nicht gezeigt werden darf, für die westlichen Medien oft unvorstellbar ist. Warum unvorstellbar? Weil es passieren kann, dass er ziemlich normal aussieht.
Teheran ist ständig von einer grauen Dunstglocke umhüllt, trotz der Kälte der vergangenen Wochen und Tage und obwohl schon seit einiger Zeit eingeschränkte Fahrverbote nach gerader oder ungerader Zahl auf dem Nummernschild eingeführt worden sind. Dicke Luft herrscht im Iran weiterhin auch politisch. Ein knappes halbes Jahr ist es her, dass Hassan Rohani den ehemaligen Staatspräsidenten Mahmoud Ahmadinejad abgelöst hat, zu kurz, um seine Politik umfassend zu bewerten und zu sagen, in welche Richtung sich das Regime entwickeln wird. Eine kurze Zeit, die trotzdem gereicht hat, um zumindest bei der iranischen Bevölkerung vorsichtige Hoffnungen auf Veränderung nach Jahren der internationalen Ächtung und Isolation zu wecken.
»Diese Wahlen waren eine Chance, das Schicksal unseres Landes zu verändern«, meint Yara, der mit seinen 23 Jahren der jüngste in der Gruppe ist. Ob er das Wort »Schicksal« benutzt, weil ihm auf Englisch kein besseres einfällt, bleibt unklar. Omid teilt seine Meinung: »Wir Iraner sind friedliche Leute, wir möchten keine Revolution, die Tote und Leiden hinterlässt. Wir möchten zwar Veränderung, aber der Preis soll nicht zu hoch sein. Wir haben eine schwierige Zeit hinter uns, wir waren wie in einem Tunnel gefangen«, sagt er, wirkt aber etwas vorsichtiger als sein Freund. »Wir können nicht sicher sein, ob wir uns gleich in dem nächsten Tunnel finden werden, aber jetzt besteht die Chance, ein neues Kapitel anzufangen.«

Seit der Wahl des als vergleichsweise moderat geltenden Rohani zum Präsidenten hat sich, zumindest in Teheran, in der Tat so etwas wie Aufbruchstimmung breit gemacht, nicht wenige Beobachter vergleichen dies mit der Situation nach der Wahl des als Reformer geltenden Mohammed Khatami im Jahr 1997. Das hängt damit zusammen, dass der erste, medienwirksame Schritt des neu gewählten Präsidenten war, zur Uno-Generalversammlung nach New York zu fliegen und dort zu verkünden, ein Abkommen über das Atomprogramm sei in weniger als sechs Monaten auszuhandeln. Nicht einmal drei waren vergangen, als am 24. November die iranische Delegation unter der Führung von Außenminister Javad Zarif und Vertretern der sogenannten internationalen Gemeinschaft in Genf ein Übergangsabkommen zum Atomprogramm unterschrieben, das vergangene Woche, am 20. Januar, offiziell in Kraft getreten ist. Der Vertrag sieht vor, dass der Iran die Urananreicherung einschränkt und die internationale Kontrolle der Anlagen zulässt, im Gegenzug lockert die »internationale Gemeinschaft« die Wirtschaftssanktionen gegen das Land. »Es war ein wichtiger Schritt für unser Land«, sagt Yara. »Ich wusste, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe, als ich New York verlassen habe, um in den Iran zurückzukehren.«
HOT ist nur eines der vielen Fotoblogs, die nach dem Vorbild von »Humans of New York« in den vergangenen zwei Jahren in Dutzenden Metropolen weltweit entstanden sind. Mit der Idee eines »fotografischen Zensus« New York Citys zog Brandon Stanton, der 2010 wegen der Krise seinen Job als Aktienhändler verloren hatte, von Chicago nach New York und fing an, Menschen auf der Straße zu fotografieren. Der damals 29jährige wollte einen virtuellen Ort schaffen, um etwas über seine Stadt und deren Bewohner zu erzählen. Das Konzept: ein einfaches Bild und ein kurzer Satz des porträtierten Menschen dazu. Die Fotos stellte Stanton auf sein Tumblr-Blog. Seitdem hat er mehr als 6 000 Bilder veröffentlicht und ist ein Internet-Star geworden. 2013 wurde er sogar mit dem »Webby-Award« von der International Academy of the Digital Arts and Sciences in der Kategorie »Bestes Anwendungsgebiet für Fotografie« ausgezeichnet. Der Bildband »Humans of New York« verkaufte sich allein in den ersten vier Wochen 145 000 Mal und landete in den Bestsellerlisten der New York Times.
Das Format wurde schnell von Fotobloggern in anderen Städten übernommen und so sind »Humans of Beirut«, »Humans of Tel Aviv« und weitere Projekte in Fiji, Karachi, Melbourne und anderswo entstanden.
Die »Straßenfotografie« kam so im Juli 2012 auch nach Teheran. »Die größte Schwierigkeit ist es nicht, die Leute zu überzeugen, sich fotografieren zu lassen«, sagt Omid, »sondern ihnen die Angst vor dem großen, unbekannten Ort zu nehmen, wo ihre Bilder landen werden, nämlich dem Internet.« Das Netz ist der Feind des iranischen Regimes, das unter der Präsidentschaft von Ahmadinejad nicht nur Informationswebsites und ­soziale Netzwerke überwachte, sondern den Plan hatte, ein »geschlossenes« Netz nur für den Iran herzustellen, eine Art nationales Intranet.
Dass die jüngeren Generationen in Sachen Hacking und Umgehung von digitalen Sperren versierter sind als die bärtigen Mullahs, überrascht allerdings nicht und so finden sich immer Wege, durch die Maschen des staatlichen Überwachungsnetzes zu schlüpfen. Die neue Regierung nach den Präsidentschaftswahlen scheint ­jedoch einen andren Umgang mit Facebook, Twitter, Istagram, und Tumblr zu haben. Rohani stellte im Interview mit einer CNN-Journalistin sogar die Aufhebung der Internetzensur in Aussicht und behauptete, er arbeite daran, »sicherzustellen, dass die iranische Bevölkerung Zugang zu aller Information weltweit bekommt und sie nutzen kann«. Die Öffnung des Internet würde Monate dauern, schränkte Rohani im Interview allerdings ein, und ob sie überhaupt stattfindet, ist unklar.

Die jungen Fotografen wollen nicht auf Zugeständnisse von oben warten. »Das Internet ist der perfekte Weg für uns, weil wir keine finanziellen Mittel haben, und über die sozialen Netzwerke kommen wir wirklich überall hin«, sagt Noosha. Und die Zensur? »Die Filter sind wie Türen, die mit Schlössern verriegelt sind. Es gibt genug Schlüssel, um sie aufzumachen. Falls Rohani das nicht tut, werden es die jungen Iraner tun.«
HOT fordert das iranische Regime heraus, weil das Blog auf unprätentiöse Art die Realität zeigt, und nichts kann einem System, das auf Propaganda basiert, mehr Angst einjagen als das. Der Rea­litätscheck« gilt aber auch »dem Westen«, wie die vier betonen. »Es ist unsere Absicht, die Iranerinnen und die Iraner zu zeigen, wie man ihnen auf der Straße begegnet, wie sie im Alltag leben. Wir möchten etwas zum Abbau von Vorurteilen beitragen, die vor allem in den westlichen Ländern über den Iran herrschen. Das ist uns genau so wichtig, wie gegen die Zensur des Regimes zu kämpfen«, sagt Omid selbstbewusst. »Der Iran muss sich von einem Image befreien, das stark ideologisch aufgeladen ist und der Realität oft nicht mehr entspricht. Wir wollen unser Land jenseits der politischen und ideologischen Bewertungen zeigen, denn immer, wenn die Politik das Bild bestimmt, werden die Menschen nicht wahrgenommen. Mit unserem Projekt möchten wir einfach den Schwerpunkt der Betrachtung von der Politik auf die Menschen verlegen.« Kein politischer oder sozialer Voyeurismus, keine Suche nach Skandalen, keine politischen Enthüllungen sind in den Bildern der HOT-Fotografen zu finden, sondern eher unspektakulärer Alltag, Unscheinbarkeit, Normalität.
HOT hat bereits mehr als 10 000 Fans auf Facebook, die jungen Fotografen freuen sich darüber, aber das reicht ihnen nicht: Sie möchten ihr Projekt erweitern, etwa Sponsoren finden, die die Produktion von Videos unterstützen. Auch träumen sie davon, einen öffentlichen Raum zu finden, wo sie ihre Bilder ausstellen und so auch Personen, die keinen Zugang zum Internet haben, zeigen zu können. Doch das wird vermutlich erst einmal ein Traum bleiben. Denn selbst wenn man versucht, die politischen Verhältnisse auszublenden, an der Politik scheitert die Realisierung der Träume für viele Iranerinnen und Iraner. Ist das nicht frustrierend? »Ach, ich sage immer, Hoffnung ist unsere einzige Waffe, und so hoffen wir«, antwortet Omid mit einem Lächeln. Und vielleicht tun sie damit genau das Richtige, denn auch sie haben mit ihrem kleinen Projekt vielleicht ein wenig dazu beigetragen, dass Hoffnung im Iran derzeit überhaupt wieder möglich scheint. Ein Zeichen dafür ist beispielsweise, dass man in den Straßen nahe der Universität und am Revolutionsplatz heute fast täglich junge Menschen sieht, die fotografieren, ohne dass die Sittenwächter oder die Basiji-Milizen etwas dagegen unternehmen. »Es sind bestimmt Journalistik-Studenten oder Fotografen mit einer Genehmigung«, sagt Noosha, »aber es ist trotzdem ein gutes Zeichen, sie zu sehen. Ihr werdet sagen, es ist doch das Normalste der Welt, das hat es hier aber noch nie gegeben.« Ein weiterer kleiner Schritt für die Fotogafie im Iran war die offizielle Anerkennung des Nationalen Fotografenvereins Ende November, acht Jahre, nachdem er gegründet worden war, und eine erste Ausstellung im Teheraner Artist Forum.

Wenn HOT auch viele junge Menschen anzieht und einigermaßen gehypt wird, so fehlt es dennoch nicht an Kritik am Projekt. Vorgeworfen wird den jungen Fotografen vor allem, ein zu positives Bild des Iran zu vermitteln, das nicht die politischen Verhältnisse reflektiere. Während wir gerade über diese Kritik und den Umgang der Gruppe damit sprechen, wird eine Frau auf der Straße von einer anderen Passantin getadelt, weil sie Leggins anstatt Jeans anhat, »so wie es die Regeln unseres Landes vorsehen«.
»Siehst du? Man kann nicht sagen, dass wir ein perfektes Land sind«, sagt Noosha belustigt, die ähnliche Vorfälle bestimmt bereits hundertmal erlebt hat. »Ein Regierungswechsel wird nicht reichen, um den Müll aus den Köpfen vieler Leute zu beseitigen. Aber das schaffen wir noch. Denjenigen, die uns vorwerfen, nur Positives zu zeigen, sagen wir: Das tun wir mit Absicht, dieses Land braucht Optimismus!«
Nach der sogenannten Islamischen Revolution 1979 hat sich der Alltag der Menschen im Iran stark verändert. Seitdem ist die Trennung zwischen privatem und öffentlichem Raum viel deutlicher geworden: »Kaum etwas von dem, was wir im Privaten machen, wird im Öffentlichen akzeptiert, und das finden wir in unseren Bildern wieder.« Rohani war im Wahlkampf erfolgreich, unter anderem weil er versprach, die Kontrolle über den öffentlichen Raum zu lockern. Allerdings lassen sichtbare Ergebnisse seit seiner Amtseinführung auf sich warten, wie auch rouhanimeter.com meldet, eine Website, die von der Universität in Toronto initiiert wurde, um die Politik der iranischen Regierung zu überwachen und bewerten. Die Quellen der Website sind nicht nur iranische und internationale Medien und die offiziellen Meldungen aus Regierungsstellen, sondern auch rund 18 000 Facebook-Profile und 1 000 Twitter-Accounts aus dem Iran. Der erste Bericht fiel mehr als bescheiden aus, demnach sind nur vier von 45 Versprechungen, die im Wahlkampf gemacht wurden, eingehalten worden.
Der Iran wird Zeit brauchen. Die acht Jahre Regierungszeit von Ahmadinejad, die schwere Repression nach den Aufständen 2009 und die internationale Isolation, die durch das Embargo noch größer geworden ist, kann man nicht von heute auf morgen wegwischen. Doch in der Gesellschaft ist die Aufbruchstimmung spürbar. Gerade nach der Unterzeichnung des Atomabkommens sieht man zumindest eine Chance, die Isolation zu beenden. Viele Iraner wollen sich nicht von der Welt abschotten lassen. Die sozialen Netzwerke sind auch für sie ein wichtiges Instrument, so wie sie es für die arabischen Länder während des »arabischen Frühlings« gewesen sind. Ob sie auch im Iran den Frühling bringen werden, kann niemand sagen, aber ein kleines Projekt wie HOT kann ein großer Schritt weg vom Winter sein.

Aus dem Italienischen von Federica Matteoni.

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