Und dann kam Krater-Edi

Tausende Schaulustige begeben sich an die Bockenheimer Warte in Frankfurt, um bei der größten Sprengung dabei zu sein, die jemals in Europa durchgeführt wurde. Die Bahnen sind überfüllt, die Bahnlinie U4 ist wegen der Sprengung außer Betrieb. Kurz vor zehn Uhr steigt die Spannung. Der Countdown läuft: drei, zwei, eins. Nichts geschieht. Einige Sekunden später werden 950 Kilogramm Sprengstoff gezündet und bringen den 116 Meter hohen und 50 000 Tonnen schweren AFE-Turm zu Fall. Zunächst geht die Außenfassade zu Boden, auf halbem Weg verschwindet die Aufschrift »Elfenbein« in der Rauchwolke. Wenige Millisekunden später zerfällt das Innere des Turms, in dem Generationen von Geisteswissenschaftlern unterrichtet wurden. In meinem Kopf spielen die Pixies »Where is my Mind«, neben mir stehende ehemalige Studierende haben Tränen in den Augen. Nach der Marginalisierung der kritischen Theorie der Frankfurter Schule im Universitätsbetrieb ist nun auch ihre materielle Dekonstruktion gelungen. Sprengmeister Eduard Reisch, genannt Krater-Edi, hat es geschafft. Die Computersimulation hatte noch nahegelegt, dass umliegende Gebäude wie das Senckenberg-Naturmuseum Schaden nehmen könnten. Entgegen aller Befürchtungen stehen sie noch. Für die nachfolgende Generation von Studierenden wird es nie wieder Turmbesetzungen geben, nie wieder werden sie Graffitis an die Wände des Turms sprühen. »Hört auf mit dem Scheiß jetzt!« Diese legendäre Durchsage machte die Frankfurter Polizei 2011 während einer Demonstration gegen die Innenministerkonferenz, die am AFE-Turm vorbeiführte. Dort wurde Pyrotechnik gezündet und ein großes Plakat mit den Worten »No sleep till Communism« heruntergelassen. Da wo einst der AFE-Turm stand, liegt nun Schutt. Manch ein ehemaliger Studierender hofft wohl noch, dass aus den Trümmern der alten Gesellschaft die sozialistische Weltrepublik aufsteigt.