Talmi

Luxury Look

In den künstlichen kleinen Südstaaten-Dörfern, die sich in den »Disneyland« genannten Vergnügungsparks finden, bestehen die reichverzierten Balkone der Obergeschosse aus Gummi – da sie dem Zugriff der Besucher ohnehin entzogen sind, konnten die Konstrukteure ruhigen Gewissens ein wetterbeständiges, unverwüstliches Material wählen, um sich ganz auf den optischen Eindruck zu konzen­trieren. Der Besucher weiß, dass er genau für diesen Eindruck, und nur für ihn, das Ticket gelöst hat, und lässt sich bereitwillig an der Na­se herumführen – »willing suspension of disbelief« heißt das in der angloamerikanischen Literaturkritik. In der Warenwelt spricht man von »Qualitätsanmutung«: Weil das gute Leben tatsächlich viel weiter entfernt ist, als man sich eingestehen möchte, gibt man sich, als sei’s nur fürs erste, mit dem Zitat zufrieden, mit Eichenfurnier, Modeschmuck und kohlensäuerhaltigen Weinmischgetränken, die an Sekt erinnern sollen. Doch das Original will und will nicht näherkommen, sondern entfernt sich eher immer noch weiter. Langsam, schleichend aus der Hoffnung schwindend wird es schließlich ganz vergessen – und der Nachmacher-Look, der fake chic selbst zum Desiderat. Das Kosmetiklabel Maybelline verkauft verschiedene Produkte, die zum »Luxury Look« kombiniert werden sollen – also Schminke, die nach teurerer Schminke aussieht. Man will gar nicht mehr die Illusion natürlicher menschlicher Schönheit einkaufen, sondern man will die Illusion, sich eine luxuriösere Illusion leisten zu können – man tut so, als ob man so tue. Bald wird man nicht Eichenfurnier, sondern Furnieroptik einkaufen, wenn in den Möbelmanufakturen der Trendviertel Hochwert-Sperrholz und Edelfurniere mit handgesägtem Styroporkern erzeugt werden, die sich nur mehr Begüterte leisten können.

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